Joe Thornton: «Arno wird den Turnaround schaffen»

Mentale Unterstützung für den gebeutelten HCD: NHL-Star Joe Thornton, während zwei Lockouts Davos-Spieler, glaubt an seine Kollegen in seiner «zweiten Heimat».

Schreck lass nach, der Bart ist ab: Joe Thornton von den San Jose Sharks.

Schreck lass nach, der Bart ist ab: Joe Thornton von den San Jose Sharks. Bild: Keystone

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Viele Schweizer Eishockeyfans blicken wehmütig an die Saisons 2004/05 sowie 2012/13 zurück. Beide Male kam es zum Lockout in der NHL, viele Spieler aus der besten Eishockey-Liga der Welt kamen in die Schweiz.

Der NHL-Star, der den grössten Eindruck hinterliess, war zweifellos Joe Thornton. Der Kanadier verbrachte nicht nur die ganze Saison 2004/05 mit dem HC Davos und feierte den Schweizer Meistertitel mit den Bündnern. Der Mittelstürmer der San Jose Sharks kehrte auch acht Jahre später zum Schweizer Rekordmeister zurück und blieb bis am 6. Januar 2013, als der Lockout zu Ende ging, nachdem sich die NHL und die Spielergewerkschaft über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag geeinigt hatten.

Thornton wurde zum Davoser

Viele Lockout-Spieler kamen nur kurz, suchten ein nettes Europa-Abenteuer, während der Spielbetrieb in der NHL ruhte. Kein anderer identifizierte sich derart mit seinem Schweizer Club wie Thornton. Er lernte seine heutige Ehefrau in Davos kennen, er kehrt Jahr für Jahr nach Davos zurück, absolviert sein Sommertraining in den Bündner Bergen.

Unvergessen in Davos ist die Episode ein paar Tage vor dem 6. Januar 2013. Als sich alle NHL-Spieler bereits mit der Rückkehr nach Nordamerika abgefunden hatten, war Thornton der einzige, der immer noch überzeugt und mit Wehmut in der Stimme behauptete, der Lockout werde erneut die ganze Saison andauern und er folglich in der Schweiz bleiben.

Thornton geniesst mittlerweile auch in der NHL Kultstatus. «Jumbo Joe» gilt als einer der besten Spielmacher aller Zeiten, der mittlerweile 39-Jährige hat in 1655 NHL-Spielen stolze 1127 Assistpunkte gesammelt. Thornton ist auch einer der beliebtesten Spieler der Liga, auch bei gegnerischen Fans. Sein über vier Jahre andauernder «Bart-Wettstreit» mit Teamkollege Brent Burns war auch ausserhalb der Eishockey-Szene eine Story in nordamerikanischen Medien – der wuchernde Haarwuchs kam erst vor ein paar Tagen wieder ab …

Männer mit Bart: Joe Thornton (rechts) und Brent Burns (links), in der Mitte San-Jose-Captain Joe Pavelski. (Bild: Jose Sanchez/Keystone)

Derzeit laboriert Thornton an einer Knieverletzung, Tagesanzeiger.ch/Newsnet traf den Kanadier in San Jose zum Interview.

Wie sehr sind Sie mit der Schweiz noch verbunden?
Ich trainiere dort im Sommer, wir haben ein Haus in Davos. Ich werfe darum immer noch ein Auge auf die Jungs, behalte den Kontakt. Davos ist meine zweite Heimat geworden.

Mit wem gibt es vor allem Kontakt?
Enzo Corvi, Dino Wieser, Sven Jung – und natürlich Arno Del Curto.

Hat sich keiner bei Ihnen gemeldet in den letzten Tagen?
Es gibt diese Handy-App «Marco Polo», damit spielen wir herum, damit kannst du einander auch Nachrichten hinterlassen. Das mache ich hin und wieder. Mit Arno habe ich erst vor ein paar Wochen telefoniert, als meine Familie in Davos zu Besuch war.

Können Sie sich an Ihren ersten Tag 2004 in Davos erinnern?
Lassen Sie mich überlegen …

Ein Tipp: Jakobshorn.
Ach klar, wir gingen da für ein Interview hoch. Es gibt viele gute Erinnerungen an dieses Jahr. Es war ein Jahr voller Spass.

Was ist vor allem geblieben von diesen eineinhalb Saisons in der Schweiz?
Die erste Saison, wie die Fans mich damals aufnahmen, mir dieses wohlige Gefühl gaben. Die Mannschaft war ebenfalls eine Super-Truppe, mit Arno, der das Schiff lenkte. Mein erster Spengler Cup 2004, das war phänomenal, auch wie gut alles endete. Und ich gewann meinen einzigen Meistertitel mit Davos. Im Moment geht es dem HCD aber nicht so gut, oder?

Nein, die Mannschaft steht auf dem zweitletzten Rang, die Mannschaft und Trainer Del Curto stehen in der Kritik, wie es noch unvorstellbar war, als Sie zwei Mal dort spielten …
Wirklich? Das finde ich sehr bedauerlich. Ich halte so viel von Arno. Er ist ein unglaublicher Kommunikator mit den Spielern. Er ist der beste Schweizer Coach aller Zeiten. Er sorgt seit 20 Jahren dafür, dass die Davoser stolz auf ihren Club sein können. Ich bin sicher, dass er den Turnaround schaffen wird. Und in über 20 Jahren darf auch er einmal eine «Off-Season» haben.

Was bei Ihnen auffällt: Der viel diskutierte Riesenbart ist ab. Das war zuletzt so, als Sie 2013 die Schweizer Meisterschaft ein zweites Mal verliessen. Die Zeit scheint diesbezüglich also stillgestanden zu haben …
Ja, da ist kein Bart mehr. (lacht) Das kommt in etwa hin. Ich hatte vor über vier Jahren begonnen, ihn wachsen zu lassen. Ich hatte ihn dann nur hin und wieder stutzen lassen. Aber es wurde nun Zeit, den Bart wieder wegzurasieren. Ich starte nun mit einem neuen Bart.

In Davos dreht sich eine Frage immer noch um Ihre Person: Wird es ein drittes Mal geben?
Ja, das ist möglich. Ich habe diese zwei Gastspiele in Davos sehr genossen, bin sehr stolz auf diese Zeit. Aber im Moment möchte ich nur noch Tag für Tag nach vorne schauen.

2020 oder 2022 wird der nächste Lockout in der NHL erwartet …
Ja, aber ich werde nächstes Jahr 40. Die Zeit rennt mir davon. Auch wenn das Alter eine Frage der geistigen Frische ist. Und ich habe immer noch den Geist eines jungen Mannes. So gesehen hoffe ich, auch mit 50 noch zu spielen.

Sie spielen nun Ihre bereits 14. Saison in San Jose. Was macht den Reiz dieses Ortes aus, den viele als einer der besten in der NHL bezeichnen?
Die Besitzer und der General Manager stellen seit Jahren ein Team zusammen, mit dem du die Chance auf Erfolg hast. Diese Chance ist alles, was du als Spieler willst. Speziell ist, wie wir hier in San Jose den Leuten erlauben, sich selbst zu sein. Und der Sonnenschein hier hilft sicher auch. Das hier ist ein sehr guter Ort zum Leben.

Erlauben, so zu sein, wie man ist: Ist das in der NHL immer noch aussergewöhnlich?
Wie es an anderen Orten ist, weiss ich nicht: Aber Hockeyspieler werden generell oft in ein Schema gepresst, doch wir hier erlauben es jedem Individuum, sich selbst zu sein. Ich glaube, dass viele genau dann ihr bestes Eishockey spielen.

Sie sitzen in der Sharks-Garderobe neben Timo Meier, Sie spielten schon oft in einer Linie mit ihm. Ein paar Worte über ihn?
Aus ihm ist ein grossartiger NHL-Spieler geworden. Er ist stark und schnell, hat aussergewöhnliche Skorer-Qualitäten. Er hat in den letzten drei Jahren sehr grosse Fortschritte gemacht, er wird eine sehr lange Karriere hier haben.

Sie kennen das Schweizer Eishockey mittlerweile auch ein wenig. Meier ist kein typischer Schweizer Stürmer, einverstanden?
Ja. Timo ist ein echter «Powerstürmer» mit viel Zug aufs Tor, geht in die «dreckigen» Orte, dort, wo es weh tut. Aus ihm wurde ein dominanter Spieler. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2018, 17:15 Uhr

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