Joe Thorntons Jagd nach dem Heiligen Gral

Nach 1367 NHL-Spielen ist der frühere HCD-Meistercenter erstmals im Stanley-Cup-Final. Er hat es verdient.

Ein Prunkstück, das täglich gepflegt sein will: Joe Thornton und sein Bart. Foto: Keystone

Ein Prunkstück, das täglich gepflegt sein will: Joe Thornton und sein Bart. Foto: Keystone

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Die Geschichte klingt fast zu kitschig, um wahr zu sein. 19 Jahre nachdem Joe Thornton in Pittsburgh im zarten Alter von 17 als Nummer 1 gedraftet wurde, bestritt er am Montag gleichenorts sein erstes Stanley-Cup-­Finalspiel. 1367 NHL-Partien hatte er absolvieren müssen, um so weit zu kommen. Der Auftakt in den Final gegen Sidney Crosbys ­Penguins missglückte zwar – die Sharks unterlagen 2:3 und wurden von so ­vielen Schüssen eingedeckt (41) wie nie in ihren 18 Playoff-Spielen zuvor. Doch eine Playoff-Serie ist ein Marathon, kein Sprint, und sollten die beiden Teams so viel ­Intensität entwickeln wie in ihrer ersten Begegnung, ist noch grosses ­Eishockey zu erwarten.

Würde die Bartlänge über das Duell entscheiden, die Kalifornier hätten klare Vorteile. Verteidiger Brent Burns, der während der ganzen Saison einen wilden Haarwuchs auf dem Kopf und am Kinn kultiviert, inspirierte seine Kollegen zur Nachahmung. «Ich wollte ihm zeigen, dass er nicht der Einzige ist, der sich einen Bart wachsen lassen kann», sagte Thornton vor dem Finalstart schmunzelnd. Seine Mähne erinnert an die eines Samichlaus – und sie ist erst noch von weissen Strähnen durchsetzt.

Schön durchkämmen und ölen

Wer denkt, Thornton könne das Haar einfach wuchern lassen, der täuscht sich. So wurde er von Burns in die Feinheiten der Bartpflege eingeweiht – dieser gab ihm eine passende Bürste und ­Pflegeöl. Morgens und abends vor dem Zubett­gehen heisst es für den Starcenter: schön durchkämmen und einölen. Nicht nur wegen seiner herrlichen Bartpracht gibt es nur wenige, die dem 1,93-Meter-Mann den Stanley-Cup nicht gönnen würden. Olympiagold, den U-20-WM-­Titel und den World Cup of Hockey hat er schon gewonnen, nebst dem NLA-­Titel und ­diversen persönlichen Auszeichnungen wie jene des wertvollsten NHL-Spielers. Was ihm noch fehlt, sind Stanley-Cup und WM-Gold. Wobei er nur zwei A-WM spielte, da er meist lange im NHL-Playoff engagiert war.

Auf seinen breiten Schultern trug Thornton die Sharks jahrelang weit, sehr weit. Der Vorwurf, er zerbreche in den wichtigen Spielen am Druck, entbehrt jeglicher Grundlage. Die Kalifornier schafften den Durchmarsch im Playoff deshalb nie, weil ihnen die Breite im Kader fehlte. Dank einigen unspektakulär anmutenden Transfers haben sie dies auf diese Saison hin korrigiert. Und wenn Thornton nach dem Erfolgsrezept gefragt wird, sagt er: «Kein anderes Team ist breiter besetzt als wir. Und unser Coach spielt das aus, wechselt unsere vier Linien durch, egal, wer beim Gegner auf dem Eis steht.»

Was er aus der Schweiz mitnahm

Als die Sharks 2014 in der ersten Runde gegen die Los Angeles Kings die Schmach erlitten hatten, nach einem 3:0 noch 3:4 zu verlieren, wurde Thornton dafür verantwortlich gemacht und des Captain­amtes entbunden. Sein Abgang schien nur eine Frage der Zeit, doch der stolze Kanadier wollte bleiben und scheute sich auch nicht, General Manager Doug Wilson in der Öffentlichkeit zu kritisieren. Als dieser in kleinem Kreis sagte, für Thornton sei die Last des «C» zu gross geworden, konterte er, Wilson solle keine ­Lügen verbreiten, sondern besser den Mund halten und seinen Job ­machen. Das tat er dann auch.

Vor dem Stanley-Cup-Final sprach Thornton auch darüber, wie sehr ihn seine Schweizer Erfahrungen geprägt hätten. Sie hätten ihm geholfen, seine Beine ­besser zu bewegen und das Spiel auf eine andere Weise zu begreifen. ­«Zudem habe ich ja eine Schweizerin ­geheiratet und mit ihr zwei Kinder», fügte er mit einem breiten Lächeln an.

Die lockere Art Thorntons darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie ernst er seinen Job nimmt. «Wir stecken viel Arbeit hinein. Aber wenn die Spiele ­anstehen, sollten wir sie geniessen», sagt er. «Schliesslich tun wir das, wovon wir als Kinder schon immer geträumt hatten.» Diese Einstellung erklärt wohl, wieso er mit 36 immer noch die Spielfreude zeigt wie der Junge von damals, dessen Name in Pittsburgh als Erstes ausgerufen wurde.

Erstellt: 31.05.2016, 23:46 Uhr

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