Josi, der Schweizer Bessermacher

Roman Josi gilt als Vorzeigeprodukt des Schweizer Eishockeys. Wegen seiner lockeren Art und seiner Qualitäten ist der zweifache WM-Silbergewinner für das Nationalteam Gold wert.

Für Roman Josi (28) stellt sich die Frage nie, ob er für die Schweiz spielen will oder nicht. (Foto: Daniel Ammann)

Für Roman Josi (28) stellt sich die Frage nie, ob er für die Schweiz spielen will oder nicht. (Foto: Daniel Ammann)

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Noch ist der Blick auf die Landschaft frei. Langsam senkt sich der Vorhang aus Wolken und Regen. Roman Josi rückt beim Hotel «Golfpanorama» in Lipperswil kurz die Mütze zurecht. Das Golfen habe ihn unlängst gepackt, erzählt er am Donnerstag nach dem Mittagessen. «Aber hier werde ich kaum Zeit dafür haben – höchstens heute Nachmittag.»

Der 28 Jahre alte Eishockeyprofi ist nicht zum Golfen in die Ostschweiz gereist. Am Dienstagabend landete er in Zürich und stiess für die letzte WM-Vorbereitungswoche zur Nationalmannschaft – früher als erwartet, und für ihn vor allem: früher als erhofft. Der Verteidiger scheiterte mit Nashville im NHL-Playoff in der ersten Runde an Dallas.

Das Teamhotel der Schweizer in Lipperswil mag ein schönes Pflaster sein. Doch Panorama hin oder her: Für Josi ist es eher ein Trostpflaster. «Nei, sicher nid!», sagt der Berner. Und schüttelt den Kopf. «Das sind zwei verschiedene Dinge. Ich will den Stanley-Cup gewinnen, das ist mein grosses Ziel und kein Geheimnis. Es ist enttäuschend, wird es dieses Jahr wieder nicht klappen. Aber ich freue mich auch extrem auf die Zeit mit dem Nationalteam.»

Nach einer Spielzeit mit Nashville, die beim Verteidiger vor allem Fragezeichen hinterliess, möchte Josi seine Saison an der WM mit einem Ausrufezeichen beenden. Die Predators spielten ohne Konstanz, offenbarten im Überzahlspiel eklatante Schwächen. «Das Playoff war das Ebenbild der Saison: ein stetes Auf und Ab, und im Powerplay brachten wir nichts zustande. Keine Ahnung, weshalb das nie geklappt hat», sagt Josi. «Als Leader und Captain nimmst du es persönlich, wenn es deinem Team nicht läuft.»

Coole Erinnerungen

Die Enttäuschung hat er in Nashville gelassen. Ins Fluggepäck kam Vorfreude. «Mit dem Nationalteam verbinde ich extrem coole Erinnerungen.»

Mit 18 Jahren bestritt der Verteidiger aus Ostermundigen seine erste A-Weltmeisterschaft – just in seiner Heimat in Bern (2009). Alles neu, alles beeindruckend, «extrem beeindruckend», wie es Josi formuliert, «und gegen die NHL-Stars zu spielen, auf diesem Niveau, mit dieser Stimmung, in dieser Halle, das werde ich nie vergessen.»

Längst trägt auch Josi das Etikett des NHL-Stars. Er ist ein Vorzeigeprodukt des Schweizer Eishockeys: ausgebildet in der Heimat, den Durchbruch in der hiesigen Liga geschafft, in Übersee zu einem der weltweit besten Verteidiger gereift, frei von Allüren, voll von Spielfreude und jederzeit gewillt, für die Nationalmannschaft zu spielen.

«Diese Chancen musst du nutzen»

Seit der Premiere von Bern hat Josi von neun WM-Turnieren nur deren drei verpasst. Er war selbst 2014 in Minsk dabei, als der Grossteil der besten Spieler drei Monate nach Olympia keine Lust verspürte, dem scheidenden Coach Sean Simpson einen positiven Abschied zu bereiten. Beim Silbercoup 2013 wurde Josi zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt. Im Vorjahr bestritt er den WM-Final gegen Schweden mit gebrochenem Mittelhandknochen.

«Eine Eishockeykarriere ist kurz. Entsprechend wenig Chancen kriegst du, für dein Land zu spielen. Für mich stellt sich die Frage nie, ob ich für die Schweiz spielen will oder nicht. Bin ich gesund, bin ich dabei», sagt Josi, während sich sein früherer Berner Teamkollege Tristan Scherwey nähert. «Und erhältst du die Chance, mit Spielern wie Scherwey zu spielen, musst du sie nutzen.»

Er macht das Team besser

Mit seiner lockeren Art passt Josi ins Team. Er ist als Eishockeyspieler besser als andere, sieht sich aber nicht als jemand Besseres. Vor allem aber macht er die Schweizer Nationalmannschaft besser – mit seinen spielerischen Qualitäten, seiner Unbeschwertheit, seiner Selbstsicherheit.

Zwei Silbermedaillen hat der Verteidiger bereits. Das grosse Ziel müsse deshalb der WM-Titel sein, sagt Josi, ergänzend, das habe nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern mit gesundem Selbstvertrauen. «Wir wissen genau, wie beschwerlich und weit der Weg dorthin ist.»

Vermählung und Verhandlung

Ob mit oder ohne Medaille versprechen die nächsten Wochen und Monate für den Berner Aufregendes. Ab Juli darf er offiziell mit Nashville verhandeln. Im nächsten Frühling läuft sein mit 28 Millionen Dollar dotierter Sieben-Jahres-Vertrag aus. Der nächste Kontrakt wird ein wesentlich höheres Lohnvolumen umfassen. «Vor meiner letzten Unterschrift hatte ich um die 100 NHL-Spiele bestritten und mit Verletzungen gekämpft. Es war ein toller Vertrag für mich. Aber nun ist die Ausgangslage eine andere.»

Josi, mittlerweile bei 634 NHL-Partien angelangt, sagt, es sei kein Geheimnis, dass es ihm in Nashville sehr gut gefalle. «Sportlich haben wir grosse Fortschritte gemacht. Ich mag die Organisation, die Stadt.» Unlängst hat sich der Berner von seinen Agenten Roly Thompson und Georges Müller getrennt.

Neu ist er bei Matthews' Agenten

Mittlerweile vertritt Judd Moldaver die Rechte des Spielers; jener Agent, der vor kurzem für Auston Matthews in Toronto eine Verlängerung um fünf Jahre und 58 Millionen Dollar ausgehandelt hat. In der nächsten Saison verdient in der NHL nur Edmontons Connor McDavid mehr als der ehemalige Stürmer der ZSC Lions.

Josi spricht nicht über Summen. «Wenn du dich an einem Ort wohl fühlst, ist die Länge des Vertrags extrem wichtig.» In Nashville hat der Eishockeyprofi auch privat sein Glück gefunden. Im Juli wird er Freundin Ellie Ottaway heiraten. Kinder seien noch kein Thema, sagt Josi, lacht und greift nach der Mütze. «Keine Eile. Ellie ist jünger als ich.»

Der Blick sucht Halt beim Fenster. Draussen ist der Vorhang gefallen, das Thema Golf somit vom Tisch.

Erstellt: 05.05.2019, 08:17 Uhr

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