Klotens Captain bringt Unruhe

Noch am Wochenende bestritt er es, nun soll Denis Hollenstein aber doch zum ZSC wechseln. Weil es für die Bekanntgabe keinen guten Zeitpunkt gibt, sind die Gerüchte durchaus glaubhaft.

Stürmt ab kommender Saison nicht mehr für Kloten: Denis Hollenstein.

Stürmt ab kommender Saison nicht mehr für Kloten: Denis Hollenstein. Bild: Keystone

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Der EHC Kloten hat ein Hollenstein-Problem. Denn wie war das noch am Sonntag? «Auf jeden Fall» habe er vor, seinen bis 2020 laufenden Vertrag in der Flughafenstadt zu erfüllen, sagte Denis Hollenstein nach dem Spiel gegen Bern. Keine 48 Stunden später vermeldet «Blick online»: «Kloten-Captain Hollenstein wechselt zu den ZSC Lions.»

Ist die Schlagzeile freie Erfindung? Sagte Hollenstein nicht die Wahrheit? Oder hat sich innerhalb von zwei Tagen Entscheidendes geändert? So einfach, wie es sich der Klotener Topskorer am Wochenende machte, ist es jedenfalls nicht. «Sollen die Leute das schreiben, das ist okay», sagte der 28-Jährige zu den nicht abreissenden Spekulationen, dass er einen neuen Arbeitgeber mit sportlich besseren Perspektiven suche.

Ein Transfer voller Brisanz

Das Wort okay ist so ziemlich die Untertreibung des Jahres, wenn es um den Wechsel von Klotens bestem, bestbezahltem, wichtigstem Spieler geht. Der 104-fache Nationalspieler ist die Identifikations- und Integrationsfigur des EHC schlechthin. Dass sein Name Hollenstein lautet und sein Vater Felix für die erfolgreichste Ära der Clubgeschichte steht, erhöht seine Bedeutung zusätzlich. Und dass es nun ausgerechnet der ZSC sein soll, der Rivale aus der grossen Stadt, zu dem es den Urklotener im nächsten Sommer zieht: Das steigert das Ganze noch einmal. Hollenstein zum ZSC wäre der brisanteste Transfer der Zürcher Eishockeygeschichte.

Das Erstaunliche daran: Es wirkt so, als sei das den Beteiligten nicht recht bewusst. Denn in Kloten heisst es zwar, sie hätten von Hollenstein keine Erklärung erhalten, dass er den Club verlassen wolle. Und doch zeigen von Präsident Hans-Ulrich Lehmann abwärts alle viel Verständnis für eine mögliche Neuorientierung des Captains. Man werde einem Spieler keine Steine in den Weg legen, wenn er trotz Vertrag gehen wolle, erklärt der Präsident. Ein Spieler von Hollensteins Kaliber habe sportliche Ziele, die für den neuen, bescheideneren EHC nicht mehr realistisch seien, heisst es unisono aus der Clubführung: Meister werden zum Beispiel.

Die Suche nach einem Schuldigen dürfte beginnen

In Wahrheit dürfte es also weniger darum gehen, ob Denis Hollenstein zum ZSC wechselt. Sondern wie man das mit möglichst wenig Landschaden kommuniziert. Um es psychologisch zu erklären: Man will seinen Fans das Ganze wohl noch nicht zumuten. Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz stehen denen noch bevor. Und einen solchen Nebenschauplatz kann mitten in der wichtigsten Transferphase kein Club brauchen, der in der Tabelle abgeschlagen Letzter ist.

Die Versuchung ist gross, jetzt einen Schuldigen zu suchen. Hollenstein als Verräter zu brandmarken, weil er womöglich nicht ganz ehrlich war. Weil er seine eigene Karriereplanung über die Interessen eines Clubs stellt, für den er viel getan hat und dem er sportlich längst entwachsen ist. Oder auf Präsident Lehmann zu zeigen, der mit seiner Budgetdisziplin und seinem oft ruppigen Führungsstil für den sportlichen Niedergang des EHC verantwortlich zeichnet – und doch Klotens einzige Chance ist, weil dank ihm wenigstens das Betriebsdefizit nicht mehr ruinös ist.

Die Fans des EHC dürfte das wenig interessieren. Sie müssen nicht bloss zur Kenntnis nehmen, dass nach Torhüter Luca Boltshauser, Daniele Grassi und Vincent Praplan, den es nach Übersee zieht, auch der vierte Leistungsträger im besten Alter vor dem Abgang steht. Sondern dass es einer ist, der wegen seiner Leistungen, seiner Stellung im Team und seines Nachnamens ein Urteil über den gesamten Club zu fällen scheint. «Ich gehe von Bord», lautet die Botschaft des Captains. Manch ein Fan dürfte sich nun fragen, ob er es Hollenstein gleichtun soll. Dem dürfte das durchaus bewusst sein. Darum hat nicht nur Kloten ein Hollenstein-Problem – sondern Hollenstein auch ein Kloten-Problem.

Es wäre Zeit für eine gemeinsame Stellungnahme

Nicht ohne Ironie an dieser Geschichte ist der Umstand, dass auch Vater Felix einst vor dem Wechsel ins Hallenstadion stand, auch er als Captain. Dann versüsste ihm Präsident Jürg Ochsner den Verbleib in letzter Minute mit einer Lohnerhöhung. Zwei Jahrzehnte später wird sich dieses Szenario kaum wiederholen – obschon Vater Hollenstein als Mitglied der Transferkommission und Vertrauter von Präsident Lehmann durchaus wieder ein Wort mitzureden hat. Denn damals war Kloten eine Meistermannschaft, heute ist es ein Abstiegskandidat.

Am Ende bleibt für den EHC die bittere Wahrheit, dass es für den Abgang der Galionsfigur Hollenstein kein gutes Drehbuch gibt. Wird er heute bekannt, ist das als Zeichen für Fans, Umfeld, Sponsoren und mögliche Transferkandidaten fatal. Macht man ihn erst in vier Monaten publik, verspielt man viel von der seit 2016 erworbenen Glaubwürdigkeit als ehrlicher Dorfclub.

Im Grunde wäre es an der Zeit für eine gemeinsame Stellungnahme aller Beteiligten. Denn das einzige Szenario, bei dem ein Abgang Hollensteins ohne den geringsten Imageschaden über die Bühne geht, kann nun wirklich keiner wollen: den Abstieg nächstes Frühjahr in die Swiss League.

Was der Transfer für Wick heissen würde

Letzteres gilt auch für den ZSC, der einen wichtigen Rivalen und Publikumsmagneten verlieren würde. Sportlich gesehen würde Hollensteins Zuzug für die Lions einen Coup bedeuten, einen Triumph auch für Sportchef Sven Leuenberger. Er würde nicht nur den besten Schweizer Powerflügel der Liga holen, sondern auch seine Position im Vertragspoker mit Roman Wick erheblich stärken. Nach Simon Bodenmann hätte der ZSC nämlich einen weiteren Aussenstürmer für die ersten zwei Linien unter Vertrag – und kann dem sehr bleibewilligen Wick glaubwürdig aufzeigen, dass es zu ihm durchaus Alternativen gibt.

Von Kloten und Hollenstein kann das leider niemand sagen.

Erstellt: 21.11.2017, 16:49 Uhr

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