«Läck, wenn wir das hinkriegen!»

ZSC-Nothelfer Arno Del Curto (62) träumt manchmal davon, was mit dieser Mannschaft alles möglich wäre. Dann denkt er an seinen Wettlauf gegen die Zeit.

«Manchmal wünschte ich mir, es wäre der 1. August, und wir könnten von vorne beginnen.» Arno Del Curto hat noch viel vor mit dem ZSC.

«Manchmal wünschte ich mir, es wäre der 1. August, und wir könnten von vorne beginnen.» Arno Del Curto hat noch viel vor mit dem ZSC. Bild: Dominique Meienberg

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Die Ära Del Curto hat Einzug ­gehalten bei den ZSC Lions. Am Montag hatten sie «ein kleines Trainingslager», wie der 62-Jährige sagt, mit Eistrainings am Vor- und Nachmittag. Auch am Dienstag wird zweimal trainiert, ­dazwischen setzt sich der neue ZSC-Coach mit einigen Zürcher Journalisten an einen Tisch, trinkt einen Apfelsaft und diskutiert seine ersten Erfahrungen in seiner alten Heimat.

Seit drei Wochen sind Sie wieder Trainer, nach einer siebenwöchigen Pause.Wie ist da der Unterschied punkto Anspannung?
Wie Tag und Nacht. Im Moment bin ich permanent unter Strom. Ich will ja neue Dinge hineinbringen. Da muss ich viel erklären. Und natürlich schiessen mir ständig Gedanken durch den Kopf, woran wir noch arbeiten sollten. Am Montag waren Pettersson, Cervenka und Wick zurück und trainierten zusammen im Powerplay. Mir schwebten plötzlich so viele Varianten vor. Wunderschön! Als ich nach Hause ging, dachte ich: Läck, wenn wir das hinkriegen! Ich stellte mir vor, was alles sein könnte mit dieser Mannschaft. Ich war im siebten Himmel.

Wovon träumten Sie? Vom Meistertitel?
Nein, ich sehe nur das Spiel. Wie wir spielen könnten. Intensität, Kreativität, Zug aufs Tor, Powerplay-Varianten! Aber eben, wir sind mitten in der Saison. Manchmal wünschte ich mir, es wäre der 1. August, und wir könnten von vorne beginnen. Aber ich will nicht lamentieren. Ich wusste, worauf ich mich einlasse.

Sie sprachen von zu Hause –wo wohnen Sie momentan?
Im Hotel in Oerlikon. Wenn ich in Küsnacht wohnen würde, wüsste ich nie, wie lange ich hierher brauche. Wenn du in den Stau kommst, hast du Stress. Das wollte ich nicht. Jetzt kann ich zu Fuss ins Training.

Waren Sie überrascht vom Hype, den Sie mit Ihrer Ankunft auslösten?
Logisch. Aber der ist ja jetzt zum Glück vorbei. Es ist nie gut, wenn man in den Himmel gehoben wird. Dann geht es nur weiter ­hinunter. Das ­gefiel mir nie.

Wie war es für Sie, als bei Ihrem ZSC-Debüt in Langnau eine Kamera nur auf Sie gerichtet war? Die Arno-Cam?
Ich wusste es nicht.

Aber danach erfuhren Sie es?
Ja. Ich finde das nicht gut.

Bei Ihnen läuft immer etwas.
Ich habe es mir nicht angeschaut. (schüttelt den Kopf)

Sie sagten, Sie hätten beim ZSC anfangs nicht so viel verändern wollen, aber dann sei es immer mehr geworden. Ist es zu viel geworden?
Der Wille vom Club war ja, dass wir die Intensität steigern. Und dann muss man gewisse Dinge anpassen. In der Angriffsauslösung, im Pressing. Die Spieler ziehen gut mit, sie wollen es auch. Aber es ist schwierig für sie: Sie haben so viele Dinge im Kopf und dürfen die Balance nicht verlieren. Dazu kommt noch der Strichkampf.

Wie gut kennen Sie die Spieler schon?
Inzwischen habe ich ein gutes Gefühl für sie. Ich brauchte schon zwei, drei Wochen. Wenn ich jetzt einen anschaue, weiss ich sofort, wer er ist, ich kenne den Namen, die Nummer. Und ich weiss ein bisschen, was für ein Typ er ist.

Ist das wichtig?
Ja. Damit du weisst: Bei dem muss ich ein bisschen mehr Gas geben. Mit dem muss ich anders reden. Das ist schon wichtig. ­Dieses Gefühl habe ich jetzt. Am Anfang hatte ich keine Ahnung. Da musste ich mich zuerst orientieren. Es ist eine tolle Mannschaft. Jetzt müssen wir einfach dranbleiben.

Sind diese ZSC Lions eine Mannschaft, die Ihr Eishockey spielen kann?
Ja. Ja, ja, ja.

Es wurde schon kritisiert, diese Mannschaft sei zu ruhig, sie habe nicht so viel Temperament …
(unterbricht) ... aber ist das nicht jede Mannschaft. Ist nicht der Mensch heute so? Ruhig sind doch heute alle. Wenn du den ganzen Tag aufs Handy starrst, bist du ruhig. Oder nicht? Das hat nichts zu tun mit dem ZSC.

Es wurde auch gefachsimpelt, welcher Spieler zu Ihrem Eishockey passe und welcher nicht. Einer, vom dem gesagt wurde, er passe nicht, ist Noreau. Gibt es tatsächlich Spieler, die gar nicht passen?
Nein. Wenn Sie Noreau ansprechen: Er ist ein guter Läufer, er kann einen kurzen und einen langen Pass spielen. Er kann das Spiel lesen. Er ist offensiv sehr stark. Ich glaube nicht, dass es Spieler gibt, die überhaupt nicht passen. Und selbst wenn, wir müssen uns zusammenraufen. In Barcelona kann man die Spieler genau so wechseln, dass es auf jeder Position stimmt. Und vielleicht noch bei Manchester United und bei Liverpool. Aber das kann man nicht an vielen Orten machen. Wenn Noreau defensiv so stabil spielt wie gegen Langnau, dann passt er wunderbar. Ihm fehlt einfach etwas das Selbstvertrauen. Er ist sensibel.

«Es ist nie gut, wenn man in den Himmel gehoben wird. Dann geht es nur weiter hinunter.»Arno Del Curto

Was machen Sie nach einem Match wie gegen Lausanne, als Noreau der entscheidende Fauxpas passierte?
Aufbauen. Unbedingt aufbauen! Kraft geben, Vertrauen geben, pushen, helfen, dass er es das nächste Mal nicht mehr macht.

Aber bei einem Powerstürmer wie Chris Baltisberger muss Ihnen das Herz aufgehen, nicht?
Ist das eine Fangfrage? Ich habe ganz verschiedene Spielertypen gern. Chris ist ein wichtiger Spieler für uns, der Power hat, der Richtung Tor geht. Aber die anderen haben auch alle ihre Qualitäten. Du brauchst alles.

Haben Sie in Zürich Ihre ­Leitwölfe schon ausgemacht? Wie in Davos Reto von Arx, Joe Marha oder Sandro Rizzi?
Solche Typen gibt es nicht mehr so oft. Oder sie sind anders. Aber ja, natürlich habe ich meine ­Leader gefunden.

Würden Sie gerne länger bei den ZSC Lions bleiben?
Lassen wir das Wasser die Limmat abwärtslaufen. Dann sehen wir, was daraus wird. Ich hoffe, dass wir in den nächsten zwei, drei Wochen das veränderte, intensivere, spielerisch gute, das moderne, offensiv und defensiv starke Eishockey zeigen können, das wir wollen. Wie Nashville, ZSKA Moskau oder die jungen Russen, die am Lucerne Cup gegen die Schweiz spielten.

Hatten Sie auch schon Zweifel, dass Sie es mit diesem Team in dieser kurzen Zeit hinkriegen?
Natürlich wird es erschwert durch den Faktor Zeit. In den Spielen habe ich manchmal Zweifel, in den Trainings nicht. Das Verständnis wird immer besser. Gerade gestern hat mich die Mannschaft wieder überrascht. Ihre Bereitschaft gefällt mir sehr.

Sie waren über 22 Jahre beim HCD. Haben Sie in der Nacht einmal geträumt, Sie seien noch in Davos, und als Sie aufgewacht sind, fragten Sie sich: Wo bin ich?
Nächste Frage.

«Ich möchte nicht mehr über den HCD reden. Ich sage einfach, dass ich schuldig war.»Arno Del Curto

Inwiefern ist es anders, in einer Grossstadt Trainer zu sein als in den Bergen?
Nicht viel. Es ist einfach alles grösser hier. Die Organisation, die Strukturen.

Wie gut funktionieren Sie in diesen Strukturen?
Gut. Viele bezweifelten das, ich nicht. Ich sagte ja, ich hätte es in Davos schon lange ändern sollen. Aber ich möchte nicht mehr über den HCD reden. Ich sage einfach, dass ich schuldig war. Punkt. Hier kann ich mich ­wieder viel mehr aufs Eishockey konzentrieren. Das ist gut so.

Ist die Rückkehr zum ZSC nach 25 Jahren für Sie auch eine Zeitreise in die Vergangenheit?
Logisch. Die Leute kommen auf der Strasse auf mich zu und sprechen mich auf 1992 (den Sieg über Lugano) an. Ich treffe viele von früher. Aber auch, als ich noch in Davos war, war ich einmal pro Woche in Zürich. Viele aus meiner Zürcher Zeit sind Freunde geworden. Auch Spieler aus der Mannschaft, die ich damals hatte. Hotz, Meier, Vollmer und wie sie alle heissen. Mit Hotz verreiste ich sogar einmal in die Ferien.

Mit Adrian Hotz?
Ja. Wir hatten es ja früher nicht so gut gehabt miteinander. Aber dann sah ich ihn einmal in Davos im Restaurant, wie er ­allein an einem Tisch am Essen war. Ich sagte: «Adi, du kannst ja trotzdem zu uns kommen!» Und er kam tatsächlich. Wir assen zusammen, mit Kollegen, später freundeten wir uns an.

Wie oft sind Sie bisher schon in der Innenstadt gewesen?
Einmal. Ich habe im Moment wirklich keine Zeit.

Erstellt: 05.02.2019, 23:36 Uhr

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