Lieber Mathias

ZSC-Captain Mathias Seger ist neuer Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kolumnist. Als Erstes schreibt er einen Brief an sein 13-jähriges Selbst.

Der 13-jährige Novizejunior Mathias Seger im Dress des EHC Uzwil – die Hosen hatte ihm Michel Zeiter vererbt. Aufgenommen am 2. März 1991. Foto: Privatarchiv Mathias Seger

Der 13-jährige Novizejunior Mathias Seger im Dress des EHC Uzwil – die Hosen hatte ihm Michel Zeiter vererbt. Aufgenommen am 2. März 1991. Foto: Privatarchiv Mathias Seger

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Du kannst es kaum erwarten, mit deinen Kollegen aufs Eisfeld zu gehen, um zu «chneble». Du lässt alles raus auf dem Eis, vergisst alles um dich herum. Es ist dein liebstes Hobby, und ab und zu träumst du vor dem Einschlafen davon, dass du Profi wirst, wenn du gross bist. Es wird schneller geschehen, als du denkst. Doch das Wichtigste ist: Diese kindliche Freude am Spiel, diesen Spass musst du dir immer bewahren.

Es wird Tage geben, an denen es dir nicht so gut gelingt. Erinnere dich dann zurück, wie es war, als du früher mit dem Velo zur Eisbahn in Uzwil fuhrst, die Tasche auf dem Gepäckträger, und dich deine Kollegen erwarteten. Viele wollten auch Profi werden, du hast es geschafft. Sei dir bewusst, was für ein Privileg es ist, dies erleben zu dürfen. Und selbst wenn dich persönlich etwas belastet: Sobald du die Schlittschuhe anziehst und mit den Jungs aufs Eis gehst, ist es wieder wie früher, dreht sich alles nur ums Spiel.

«Lauf nicht dem Geld nach, sondern entscheide mit dem Herzen. Dann liegst du nie falsch.»

Mit 18 wirst du bereits in der höchsten Liga spielen. Doch widerstehe der Versuchung, zu früh zu viel zu wollen. Nimm Schritt für Schritt. Geh zuerst zu einem kleineren Club, wo du die Chance siehst zu spielen. Wie Rapperswil. Du wirst dich noch viele Male fragen, wohin dich deine Karriere führen soll. Lauf nicht dem Geld nach, sondern entscheide mit dem Herzen. Dann liegst du nie falsch.

Du wirst in Zürich heimisch werden. Jetzt, mit 13, ist diese Stadt für dich noch ganz weit weg. Wenn du mit Kollegen in den Ausgang gehst, dann nach St. Gallen. Oder vielleicht nach Winterthur. Erst später wirst du in Zürich deine ersten Konzerte im ­Dynamo erleben. Hab keine Angst vor dieser grossen Stadt. Du musst dich auch nicht verstecken wegen deines Ostschweizer Dialekts. Tauch in die Stadt ein und geniess, was sie alles zu bieten hat.

Spiel nie für den persönlichen Ruhm, sondern fürs Logo, das du auf deiner Brust trägst. Für die Jungs, die zusammen mit dir in der Garderobe sitzen. Wenn du deine Energie ins Team steckst, kommt viel zurück. Das heisst aber nicht, dass du keine persönlichen Ambitionen haben sollst. Ganz im Gegenteil. Du musst immer danach streben, der beste Verteidiger der Mannschaft zu sein. Dir mit deinen Leistungen so viel Eiszeit wie nur möglich zu verschaffen. Wenn du dich zufriedengibst, wirst du nie nach oben kommen.

Du spielst mit 13 nicht nur Eis­hockey, sondern auch immer noch Fussball, Handball und Tennis. Behalte das Polysportive so lange wie möglich bei. Denn indem du lernst, wie man sich im Handball am Kreis durchsetzt oder im Fussball das Offside umgeht, profitierst du auch für dein Spiel­verständnis im Eishockey. Und darauf wirst du angewiesen sein. Denn der Schnellste wirst du nie sein.

Der 38-jährige Seger vor seinem 1079. NLA-Einsatz – ein Rekord (30. September 2016). Foto: Walter Bieri (Keystone)

Wenn du Erfolg und eine gewisse Bekanntheit erlangt hast, werden dir einige Menschen anders begegnen, weil sie dich erkennen. Das fühlt sich zunächst seltsam an. Lass dich davon nicht blenden. Die Leute sind nicht ­netter, zuvorkommender mit dir, weil du ein supertoller Mensch bist. ­Sondern, weil du vor 10 000 Leuten ­Hockey spielst. Doch so schnell dieser Ruhm kommt, so schnell kann er wieder weg sein. Denk immer daran, woher du kommst und wie du auf­gewachsen bist. Das hat dich zu dem gemacht, der du bist.

Und führ dir immer wieder vor Augen: Eishockey ist nur ein Spiel. Es gibt viel Wichtigeres auf dieser Welt. Krankheiten, Kriege, Tod. Wenn dir das bewusst ist, kannst du dich gar nicht zu wichtig nehmen. Entwickle auch Interessen, die übers Eishockey hinausgehen. Entdecke deine Liebe zur Musik. Lies Bücher und Zeitungen. Informiere dich übers Tagesgeschehen. Erweitere deinen Horizont. Und pflege auch Freundschaften zu Menschen, die nichts mit Sport zu tun haben.

«Wenn du einmal Captain bist, vergiss nicht, dass du selbst auch noch spielen musst.»

Dir werden viele verschiedene Coachs mit unterschiedlichen Ideo­logien begegnen. Du kannst von allen etwas lernen. Du musst sie dafür nicht einmal mögen. Und wenn du einmal Captain bist, vergiss nicht, dass du selbst auch noch spielen musst. Die Kunst ist, die Balance zu finden zwischen der Aufopferung fürs Team und der Konzentration auf die eigene Leistung. Manchmal hilfst du am meisten, wenn du einfach auf dem Eis deinen Job erledigst. Wenn du aber Probleme erkennst, geh sie sofort an. Denn je länger du wartest, desto ­grösser werden sie. Und desto schwieriger wird es, sie zu lösen. Das gilt auch im Privatleben.

Du wirst ein gefragter Mann werden. Zu deinem Job gehört auch, dass dir nach bitteren Niederlagen Mikrofone hingestreckt werden. Rede nicht aus den Emotionen heraus, sondern gib überlegte Antworten. Sei dir deiner Rolle bewusst. Es geht nicht nur um dich, sondern um viel mehr. Denk daran, wieso du diesen Sport ausüben kannst. Weil viele Leute dafür arbeiten – ums Team herum, im Büro, in der ganzen Organisation. Weil Sponsoren viel Geld bezahlen. Und der Präsident. Weil die Fans ihren letzten Franken ausgeben, um die Spiele zu schauen, und für die Stimmung sorgen, die diesen Sport ausmacht.

Deshalb musst du auch hinstehen, wenn es mal nicht so gut läuft, und den nötigen Respekt zeigen – gegenüber den Mitspielern, den Gegnern, den Schiedsrichtern. Auch wenn du am liebsten lospoltern würdest. Hör auf die Ratschläge deiner Mutter, deines Vaters und deines Bruders. Denn sie sind gut, und sie kommen von Herzen. Diese Menschen sind es, die dir diese Grundwerte mitgegeben haben. ­Enttäusche sie nicht.

Du wirst einige wunderbare Erfolge feiern. Doch halte nicht nur sie hoch, sondern alles, was dazugehört. Die Freundschaften, die sich entwickeln, die Emotionen, die du erleben darfst. Geniess jeden Tag. Denn du wirst den schönsten Job der Welt haben.

Erstellt: 25.10.2016, 22:44 Uhr

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