Lindgren: «Dann wäre es vorbei mit Eishockey»

Was ist los mit Perttu Lindgren? Der Ausfall des Davoser Nummer-1-Centers wegen einer mysteriösen Hüftverletzung gibt zu reden – und sorgt für Gerüchte. Er wolle nun für Klarheit sorgen, sagt Lindgren.

Eines von nur fünf Spielen bislang: Der Davoser Perttu Lindgren (links) in einem Match gegen Genf.

Eines von nur fünf Spielen bislang: Der Davoser Perttu Lindgren (links) in einem Match gegen Genf. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Perttu Lindgren gehört zur Crème de la Crème im Schweizer Eishockey. Er wurde letztes Jahr zum MVP, dem wertvollsten Spieler der nationalen Meisterschaft gekürt. Der Mittelstürmer kämpft nun aber mit grossen gesundheitlichen Problemen. Eine Hüftverletzung stellt sogar generell das Comeback infrage, im Umfeld des Schweizer Rekordmeisters kursieren Gerüchte in diese Richtung. Gemäss dem HC Davos, seinem Arbeitgeber, gibt es zwar Ende November als offiziellen Termin. Doch das erscheint selbst dem Finnen derzeit zu optimistisch. Gegenüber dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat der 30-Jährige aus Tampere Einblick in seine Gefühlswelt gegeben und verrät im Interview: «Ich habe wirklich keinen Zeitplan. Ich muss einfach warten.»

Perttu Lindgren, wie geht es Ihnen?
Den Umständen entsprechend gut, danke.

Es kursieren Gerüchte, dass die Heilungszeit Ihrer Hüftverletzung völlig offen sei, dass es sogar sein könnte, dass die Karriere auf dem Spiel steht.
Das wäre dann das schlimmstmögliche Szenario. Wir haben immerhin noch zu einem guten Zeitpunkt herausgefunden, was das Problem ist. Es braucht Zeit, und es ist wirklich schwierig zu sagen, wie lange es gehen wird.

Was ist das Problem?
Es geht um einen entzündeten Knochen.

Also nichts, das direkt mit Eishockey zu tun hat?
Ich wurde im Sommer an der Hüfte operiert, aber ich weiss nicht, ob es damit zusammenhängt. Normal ist es nicht, dass sich der Knochen entzündet. Nach so einer Operation ist dein Körper auch nicht immer wirklich perfekt in der richtigen Balance. Es kann auch sein, dass etwas passiert, wenn du nach der Operation, im Alltag, «falsche» Bewegungen machst. Wie gesagt: Ich weiss es nicht.

Sie gaben danach gleich zu Saisonbeginn Ihr Comeback, früher als erwartet. Und Sie brachen es nach nur fünf Spielen wieder ab.
Ich merkte schon nach dem ersten Spiel, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie spielten dennoch weiter.
Ja, weil es normal ist, dass du dich nach einer Hüftoperation nicht zu 100 Prozent fit fühlst. Ich habe das alles vor ein paar Jahren schon einmal erlebt, darum war das nichts besonderes. Aber die Schmerzen wurden immer schlimmer, irgendwann waren es nicht mehr diese «normalen Schmerzen», an die du dich gewöhnst in all den Jahren. Also schauten wir es nochmals an.

Was bekamen Sie zu hören?
Hätte ich ein paar Wochen weitergespielt, hätte sich das Problem verschärfen, der Knochen sogar absterben können. Dann hätte ich eine künstliche Hüfte benötigt, was wiederum hiesse, dass es vorbei wäre mit Eishockey. Darum kann ich im Moment wirklich nichts tun ausser warten. Warten, bis der Knochen verheilt. Wenn er das tut, ist alles okay, dann kann ich wieder spielen.

Hätten Sie nach der Operation nicht so schnell Ihr Comeback geben sollen?
Das hat nichts damit zu tun, die Entzündung war ja so oder so schon da. Im Gegenteil! Zum Glück habe ich so schnell wieder gespielt, erst so merkte ich ja, dass etwas nicht stimmt, und erst dann konnte etwas unternommen werden. Wie gesagt: Der Situation entsprechend ist der Zeitpunkt gut, um etwas zu tun.

Fürchten Sie um Ihre Karriere?
Ich versuche nicht so zu denken. Ich schaue nur von Tag zu Tag. Boris Becker hatte damals übrigens dasselbe Problem. Er nahm dann einfach Cortison, damit die Schmerzen weggehen. Am Ende brauchte er dann ein künstliches Hüftgelenk …

Sie sagen, Sie müssen einfach warten. Wie überbrücken Sie die Zeit?
Praktisch ohne Sport. Ich kann nicht einmal leicht joggen gehen. Weil das schon zu viel Druck auf den Knochen erzeugen würde. Darum auch kein Training mit Gewichten. Ich habe ein paar kleine Übungen, die ich machen darf. Vielleicht darf ich schon bald immerhin aufs Fahrrad. Nicht zum Trainieren, sondern bloss, damit ich wenigstens irgend etwas machen kann.

Sie bleiben und warten also in der Schweiz?
Ja, klar. Unsere Heimat ist hier in Davos. Hier gehen die Kinder zur Schule.

Wie gehen Sie mit der Situation um?
Ich kann ja nichts machen. Es gibt auch keinen magischen Trick, der etwas verbessern könnte. Hart war der Anfang: Ich spielte schon letzte Saison wegen den Hüften fast permanent mit Schmerzen durch. Und dann beginnt die neue Saison und «bumm»: schon wieder Schmerzen. Ich glaube auch, dass eine Entzündung in deinem Körper auch mental etwas auslöst. Du spürst diese konstanten Schmerzen, die du zunächst nicht genau lokalisieren kannst. Das belastet irgendwann auch deinen Kopf.

Schauen Sie die Spiele des HCD an?
Ja, aber nur zuhause am TV. Das ist einfacher für mich. Ich habe nicht immer Lust, über meine Situation zu reden, und im Stadion würde ich ja permanent darauf angesprochen werden.

Was macht Ihnen Mut?
Immerhin spüre ich auch Erleichterung, seit ich wenigstens weiss, was es ist. Das ist ein besseres Gefühl, als die extremen Schmerzen zuvor. Und jetzt geht es mir langsam auch besser. Mir fehlt sonst ja nichts. Ich kann schlafen, ich kann normal laufen. Das war vor ein paar Wochen anders: Es bereitete mir da nur schon Schmerzen, mit den Kindern zur Schule und zurück zu laufen.

Sie sprechen jetzt ziemlich offen über Ihre Verletzung …
Warum nicht? Das macht ja keinen Unterschied jetzt. Es ist ja nicht Playoff-Zeit, niemand kann mich extra zusätzlich verletzen. (lacht) Und ich konnte jetzt immerhin über Fakten sprechen, diese aufzeigen. Ich bekam ja teilweise auch mit, was alles herumerzählt wird. Wann ich angeblich wieder zurückkehre und wann nicht.

Erstellt: 25.10.2017, 09:32 Uhr

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