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Luxuriöse Lose-Lose-Situation

Der Erfolg beim Spengler Cup bleibt aus, obwohl Metallurg Magnitogorsk alles dafür tut.

Im ersten Spiel ein Tor, im zweiten keines: Wie geht es weiter mit Magnitogorsk? Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)
Im ersten Spiel ein Tor, im zweiten keines: Wie geht es weiter mit Magnitogorsk? Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Um zu verstehen, mit welchen ­Erwartungen Spieler, Trainer und Mitarbeiter des HK Metallurg Magnitogorsk leben, muss man aufs Meer hinausschauen. Genauer: auf den gewaltigen Rumpf der «Ocean Victory». 140 Meter lang ist die zehntgrösste Yacht der Welt, zweieinhalbmal so lang wie ein Hockeyfeld. Sie verfügt über sieben Stockwerke und sechs Swimmingpools. Sie gehört dem Geschäftsmann Viktor Filippovitsch Raschnikow. Und das tut auch der HK Metallurg.

Auf 8,3 Milliarden US-Dollar Vermögen schätzt das Magazin «Forbes» den 70-jährigen Russen. Und so systematisch, wie er sich als Ingenieur aus einer Reparaturwerkstatt emporarbeitete, führt er seinen Eishockeyclub. Das Stahlwerk am Fuss des Urals ist heute das grösste im Lande. Und der HK gewann in den letzten vier Jahren zweimal die russische Liga. Es gibt keine Zweifel, mit welchem Ziel er nach Davos gereist ist.

«Metallurg ist die am besten organisierte Mannschaft, in der ich bisher gespielt habe», sagt Matt Ellison, mittlerweile bei seinem sechsten KHL-Club. «Die Stürmer in der vierten Linie sind so gut wie bei anderen Teams die in der ersten», sagt Spengler-Cup-Präsident Marc Gianola. «Sie sind so gut organisiert wie ein NHL-Team», sagt sein Vorgänger Fredi Pargätzi, noch immer für die internationalen Kontakte zuständig.

Chauffeur statt Spaziergang

Entsprechend sind die Ansprüche. Die Mannschaft reist ausschliesslich per Charter, stellt das grösste Kader des Turniers. Und weil die russische Delegation samt Betreuern und Familien nicht weniger als 93 Leute umfasst, benötigt sie für den Transport vom Flughafen Kloten auch zwei Reisebusse – statt nur einen wie die Konkurrenz. Dass sie in Davos standesgemäss residieren, versteht sich von selbst. Im Fünfstern-Hotel an der Strasse zum Flüela-Pass finden sie nicht nur einen grossen Wellness-Bereich, sondern auch die gewünschte Abgeschiedenheit. Als einzige Mannschaft können sie nicht zu Fuss zum Stadion gehen, sind auf Chauffeure angewiesen.

«Sie sind sehr fordernd», hat Pargätzi festgestellt. «Aber wenn man auf sie eingeht, sind sie auch sehr umgänglich.»

In einer Beziehung erfüllt Metallurg die Erwartungen bisher jedoch selbst nicht: im Rink. Nur ein einziges Tor im Startspiel gegen Trinec, keines am Freitag gegen Kuopio – dem Team, das in der KHL auf Rang 4 der Eastern Conference liegt, droht heute schon das Aus. Und die Verlängerung einer Durststrecke.

Perfektes Werbematerial

Die Auftritte der KHL am Spengler-Cup passten zuletzt nämlich immer weniger zum Selbstverständnis einer Liga, die 2008 angetreten war, die NHL herauszufordern. Und die das Turnier in den Schweizer Bergen sofort als Schaufenster nutzte. Bereits im Gründungsjahr wurde Dynamo Moskau entsandt – und triumphierte. Ein Jahr später kam Minsk – und triumphierte. Weil es so gut lief, schickte die KHL im dritten Jahr gleich zwei Teams ins Landwassertal. Sie bestritten zuerst ein Meisterschaftsspiel, dann sorgte SKA St. Petersburg für den dritten KHL-Erfolg in ­Serie. Jubelnde Russen erobern Europa: Die Bilder aus den Alpen waren perfektes Werbematerial.

Nichts, so schien es damals, konnte die junge, von Oligarchen finanzierte und von Präsident Wladimir Putin geförderte Liga stoppen. Doch es kam anders. Der Sieg von 2010 blieb der letzte, in zehn Anläufen scheiterten sieben verschiedene Teams.

Gründe dafür gab es viele. Einmal nutzte der neue Trainer von Jekaterinburg die Davoser Tage als Trainingslager und jagte sein Personal früh morgens um den Wolfgangsee. Einmal wurden die besten Spieler wie gestern blockweise geschont, damit sie sich von den Strapazen der vorangegangenen Wochen erholten. Und bestimmt hat auch Pargätzi Recht, wenn er mutmasst, die Qualität der übrigen Teilnehmer habe sich stetig verbessert.

Protektion von ganz oben

Das ändert nichts daran, dass enttäuschende Darbietungen der KHL eine Lose-Lose-Situation sind. Wer wie der Spengler-Cup den Anspruch hat, das beste Clubturnier der Welt zu sein, will das in der Siegerliste gespiegelt sehen. Und wenn die KHL im Hinblick auf die angestrebte ­Expansion nach Westen Fans ­gewinnen will, sind Auftritte wie zuletzt ebenfalls kaum förderlich. Dabei erfährt das Projekt KHL in Davos Protektion von höchster Stelle. Weltverbandspräsident René Fasel, seit Jahrzehnten Gast am Spengler-Cup, interveniert schon einmal bei seinem Freund Putin, wenn es darum geht, einen kurzfristig abgesprungenen KHL-Club durch einen andern zu ersetzen.

Doch vielleicht kommt doch noch alles gut in diesem Jahr, übersteht Metallurg seinen Viertelfinal und wahrt die Chance auf den Turniersieg. Falls nicht, ­haben die Russen immerhinin jedem anderen Bereich den Standard gesetzt. Als sich im Auftaktmatch Verteidiger Wladimir Dronow verletzte, wurde er umgehend zum Flughafen Kloten chauffiert: Ein berühmter Spezialist aus Köln musste sich um die kostbare Schulter kümmern. Und am selben Tag wurde ein ehemaliger NHL-Draft der Philadelphia Flyers unter Vertrag genommen, Waleri Wassiljew aus Tscherepowez. Er kam schon am Freitag im Fünfsternhotel an.

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