Mit schlaflosen Nächten kennt sich der neue ZSC-Coach aus

Rikard Grönborg erlebte schwierige Monate mit seiner Tochter. Nun geht es ihr besser. Und der Schwede freut sich auf die Herausforderung in Zürich.

Eine imposante Erscheinung: Rikard Grönborg ist ein richtiger Wikinger – grösser und breiter als die meisten seiner Spieler in Zürich. Foto: Andrea Zahler

Eine imposante Erscheinung: Rikard Grönborg ist ein richtiger Wikinger – grösser und breiter als die meisten seiner Spieler in Zürich. Foto: Andrea Zahler

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«Ich bin keiner, der nur die Fussspitzen ins Wasser hält», sagt Rikard Grönborg. «Ich tauche ganz ein.» In Bezug auf die ZSC Lions heisst das: Er hat sein Haus im Süden Stockholms und die Möbel verkauft, ehe er Mitte Juli mit seiner Frau und den beiden Töchtern mit dem Auto nach Zürich fuhr. «Meine Frau ist ja Amerikanerin», sagt er. «Wir lebten neun Jahre in Schweden, nun schlagen wir ein neues Kapitel auf. Und darauf wollen wir uns voll einlassen.»

Wie umfangreich dieses Kapitel wird, darüber kann der 51-Jährige nur mutmassen. Das sind die Unwägbarkeiten des Trainerjobs, die, wie Zyniker sagen, mit dem Lohn abgegolten würden. «Ich hoffe, es wird erfolgreich und ich bleibe möglichst lange hier», sagt er. Die ferne Zukunft sieht er in den USA, wo er schon 20 Jahre lebte. Im Idealfall als NHL-Coach.

Eine Tellerwäscher-Karriere

Doch jetzt ist Grönborg in Zürich, auch ganz mit seinen Gedanken. Und wenn er etwas vermitteln will, dann das: Er wird alles daransetzen, dass es eine Erfolgsstory wird. Die Rolle als Heilsbringer mit eindrücklichem Leistungsausweis ist neu für ihn.

Als er 2006 aus den USA nach Schweden zurückkehrte, war er da ein Nobody. Doch er arbeitete sich hoch, vom Scout und Videocoach zum U-18-, zum U-20-­Nationaltrainer, zum Assistenten und Headcoach im A-Nationalteam. 2017 und 2018 führte er das Tre-Kronor-Team zum WM-Titel, der Abschluss war weniger erfreulich: Schweden führte im Viertelfinal gegen Finnland bis zur 59. Minute 4:3, dann drehte der Rivale das Spiel und wurde später Weltmeister.

«Es gibt keine magische Formel. Das Wichtigste ist, dass wir an unseren Weg glauben.»Rikard Grönborg

Die Rückreise von Kosice nach Bratislava in der Nacht sei quälend lang gewesen, sagt Grönborg. «Es tat mir leid für die Spieler, die das hatten erfahren wollen, was wir die zwei Jahre zuvor geschafft hatten. Aber das ist ja auch das Faszinierende am Sport: wie klein der Unterschied ist zwischen Scheitern und Triumph.»

Grönborg hütet sich deshalb vor dem Saisonstart vor kühnen Ansagen. Bei der Vorsaison-Pressekonferenz sagte er, er habe keinen Goldstaub dabei. Er führt aus: «Es gibt keine magische Formel. Das Wichtigste ist, dass wir immer an unseren Weg glauben. Eine Saison ist ein Marathon. Es gibt Teams, die geben kurz vor dem Ziel auf. Das darf uns nicht passieren. Wenn du konstant die richtigen Dinge tust, werden die Resultate kommen.»

Eine Respektsperson und kein Kumpeltyp: Rikard Grönborg im Training der Lions: (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Im schwedischen Nationalteam schaffte er es, eine Stimmung zu kreieren, dass die meisten NHL-Cracks an die WM kommen wollten. Und verpasste er dem Team ein Konzept, das er je nach Gegner modifizierte. So studierte er alle anderen Nationen akribisch. Bei den ZSC Lions wird er, zumindest anfangs, mehr als Ausbildner, Führungsfigur und Psychologe gefragt sein.

Grönborg ist eine imposante Erscheinung, er ist gross und breit, gemahnt an einen Wikinger. «Er ist ganz sicher eine Respektsperson», sagt Patrick Geering. «Er ist sehr kommunikativ, und das immer mehr. Aber keiner, der mit den Spielern scherzt, der ihr Kollege sein möchte. Sondern einer, der die Distanz wahrt, die in meinen Augen wichtig ist.» Laut geworden sei der neue Chef noch nicht oft.

Grönborg bestätigt den Eindruck des Captains: «Es ist wichtig, die Kommunikation zu pflegen, um zu wissen, was hinter den Leistungen steckt. Doch es braucht eine gewisse Distanz. Denn ich muss auch harte Entscheidungen treffen. Aber ich habe jeden der Jungs in der Kabine gern.» Seine Zuneigung dürfte er in Form von Eiszeit zum Ausdruck bringen und gelegentlich mit einem Lob.

«Jetzt schlafen wir wieder gut. Es sei denn, mein Team bereitet mir schlaflose Nächte.»Rikard Grönborg

Man spürt, dass er noch nicht recht weiss, was ihn in Zürich erwartet. Bei einem Medientermin am Montag, als sich zuletzt die Journalisten um ihn scharten, sagte er: «Ihr schaut mich alle so skeptisch an.» Mit Kritik könne er gut umgehen. Was er nicht schätze, wenn es persönlich werde. Und gar nicht akzeptieren könne er, wenn seine Familie betroffen sei. Wie nach dem Olympiaturnier 2018, als Schweden im Viertelfinal an Deutschland gescheitert war und seine Frau telefonisch bedroht wurde.

In Zürich haben sich die Grönborgs gut eingelebt. Wie alle ZSC-Ausländer wohnen sie in Winkel, wo es grün und beschaulich ist. «Wir geniessen es, dort spazieren zu gehen. Dem Hund gefällt es auch.» Auf Hochdeutsch fügt er an: «Es ist gemütlich.» Die ältere Tochter Chloe, die sieben ist, besucht eine internationale Schule auf Englisch, hat aber auch sechs Deutschlektionen pro Woche. Der Vater hat sich vorgenommen, ihr bei den Hausaufgaben zu helfen, um seine Kenntnisse aufzufrischen. Chloe spielt Eishockey, nun bei den ZSC Lions. Rikard bringt sie jeweils am Freitag ins Training, auf sechs Uhr in der Kebo. Er beginne sowieso früh mit der Arbeit.

Der Anruf nach Calgary

Inzwischen geht es auch der jüngeren Tochter Grace besser. Sie war im August 2018 mit einer krankhaften Erweichung des Kehlkopfs geboren worden, was Atemprobleme verursachte. Als diese erstmals auftraten, war er gerade in Calgary, um NHL-Cracks zu besuchen. Seine Frau Dawnie rief ihn an, sie sei gerade mit Grace auf dem Weg in den Notfall. Zum Glück konnte sie bald Entwarnung geben.

Doch die folgenden Monate wurden zermürbend. In der Nacht hatte die Tochter immer wieder Atemprobleme und musste sie sofort aufgesetzt werden. «Fünf-, sechsmal pro Nacht», sagt Grönborg. «Wir hatten einen Alarm, der uns anzeigte, wenn sie nicht mehr richtig atmete.»

Inzwischen ist kein Alarm mehr nötig, Grace hat zu laufen begonnen und macht einen gesunden Eindruck. Er habe in jener Zeit manch schlaflose Nacht gehabt, so Grönborg. «Jetzt schlafen wir wieder gut», sagt er. Schalkhaft fügt er an: «Es sei denn, mein Team bereitet mir schlaflose Nächte.»


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Erstellt: 12.09.2019, 21:01 Uhr

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