Motivator? Diktator? Gärtner!

Mathias Seger erzählt, wie ihn Trainer mit ganz unterschiedlichen Stilen prägten.

Im Meistertaumel 2008: Mathias Seger schätzte Coach Harold Kreis wegen dessen Menschlichkeit. Foto: Valeriano Di Domenico (EQ)

Im Meistertaumel 2008: Mathias Seger schätzte Coach Harold Kreis wegen dessen Menschlichkeit. Foto: Valeriano Di Domenico (EQ)

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Kennen Sie die Stumpenübung? In Uzwil war das früher ein Klassiker. Ich erinnere mich noch genau an 1994, mein erstes Jahr in der 1. Liga. Ich war 16, als wir damals ein wichtiges Duell am Strich verloren. Am nächsten Tag gingen wir wieder aufs Eis. Aber es war kein Puck, kein Coach da. Alle rätselten. Irgendwann tauchte er doch noch auf: Dave Tietzen, ein ansonsten ­liebenswerter Kanadier, war für einmal nicht sehr gesprächig.

Er schnappte sich einen Stuhl, stellte ihn in die Mitte des Eises, nahm Platz und zündete sich eine Zigarre an. Und dann mussten wir Runden laufen. Um ihn herum. Bis die Zigarre erloschen war. Die Botschaft des Trainers lautete: «Wenn ihr ohne Herz spielt, kann ich auch herzlos sein.»

Da dachte ich: «Das muss nun der harte, kanadische Stil sein.» Für ­Tietzen kamen Kampfgeist und Leidenschaft zuerst. Und wir hatten ihn diesbezüglich enttäuscht. Zuvor hatte ich erst von der sowjetischen Schule gehört. Mein Vater sass in den 80ern stundenlang vor dem Fernseher und schwärmte mir von der Sbornaja vor, wie sie dank Kollektivdenken, Kombinationsspiel und Tempo ihre Gegner überforderte.

Der Gentleman vom Obersee

Die Eishockeykulturen waren damals klar definiert, jedes Land und dessen Trainer waren für bestimmte Eigenheiten bekannt. Ich sollte im Verlauf meiner Karriere noch viel davon erfahren. Bis heute hatte ich in der NLA und im Nationalteam 16 Trainer. Perfekt war keiner, das ist angesichts der Anforderungen in diesem Job auch unmöglich. Aber fast alle hatten Züge, die mich beeindruckten:

Als ich 1996 nach Rapperswil-Jona aufbrach, war da Pekka Rautakallio. Ein finnischer Gentleman, einst selber ein absoluter Topverteidiger. Er hatte die Aura eines Mentors, zeigte mir täglich kleine Dinge, die ich noch falsch machte, aber einen grossen Einfluss hatten. Etwa im Positionsspiel. Wäre er nicht gewesen, ich hätte kaum eine solche Karriere gemacht.

Gleichzeitig war auch Arno Del Curto sehr prägend. Er coachte mich in der U-20. Wenn wir Schweizer damals gegen Kanada antraten, dachte jeder nur: «Bitte, nicht zu hoch verlieren!» Doch Del Curto flösste uns ein, dass der Glaube Berge versetzen kann. An der Junioren-WM 1995 in Boston brachten wir so die Kanadier an den Rand einer Niederlage. Das Denkmuster war danach ein anderes.

Del Curto flösste uns Junioren ein, dass der Glaube Berge versetzen kann.

Beim ZSC folgten dann Kent Ruhnke und Larry Hurras, mit denen wir 2000 und 2001 den Titel holten. Die beiden Kanadier waren keine grossen Ausbildner, die mit dir an der Technik feilten oder im Trainingsbetrieb alles akribisch planten. Aber bei ihnen sah ich, was aktives Coaching bewirken kann. Ihre Stunde schlug im Match: Wer ist gut drauf? Wer harmoniert? Wie ändere ich die Dynamik des Spiels? Sie spürten das.

Ralph Krueger wiederum imponierte im Nationalteam als Führungsperson und Motivator. Er wusste genau, wie man eine Mannschaft heiss machte. Und zur Visualisierung der Ziele nutzte er in seinen Ansprachen anschauliche Dinge wie Zeichnungen, SMS oder Bauwerke. Einmal lotste er uns zum Kölner Dom und erklärte: «Hier sind die ersten Steine gelegt worden, das Fundament! Schaut, was daraus geworden ist!»

In Zürich kam Harold Kreis. Er imponierte mit seiner Menschlichkeit. Er konnte in die Garderobe blicken und wusste sofort, wie jeder funktioniert. Und entsprechend ging er auch mit jedem individuell um. Wenn du als Trainer Zugang zum Spieler findest, kannst du ihn auch besser machen. Auch mit Kreis wurden wir Meister. Sean Simpson wiederum war fast schon besessen in der Spielvorbereitung, taktisch ging er einen Schritt weiter als alle anderen. Er erstellte Analysen, wie die Gegner tickten, welchen Hintergrund sie hatten, wie sie in welchen Situationen reagierten. Das vermittelte uns das Gefühl, dass wir alles unter Kontrolle hatten.

Skepsis beim aktuellen ZSC

Später kam Bob Hartley, ein Kontrollfreak, manche würden sagen ein Diktator. Er sagte klipp und klar: «Da gehts durch!» Aber so half er nach einer schwierigen Zeit, wieder eine Leistungskultur beim ZSC zu installieren. Sein Nachfolger Marc Crawford funktionierte ähnlich. Alte Schule. Man konnte bei ihm vorsprechen, aber wirklich Einfluss auf seine Meinung hatte es nicht.

So gesehen, war der Wechsel zu Hans Wallson und Lars Johansson schon eine grosse Umstellung. Manchmal kommen sie in die Garderobe und fragen: «Wie sollen wir das in der Defensivzone spielen?» Sie sehen die Mannschaft auf derselben Ebene wie sich selbst. Sie fordern uns auf, Lösungen zu finden, geben nicht für jede Situation gleich einen Plan vor. Es ist ein Denken, in dem ich den schwedischen Sozialstaat wiedererkenne. Alles ist im Diskurs.

Systeme gewinnen kein Spiel. Nur die Ausführung zählt.

Die Systeme sind über die Jahre verwachsen. Es gibt nicht mehr den klassischen kanadischen Coach oder den typischen schwedischen Coach. Systeme gewinnen ohnehin kein Spiel. Nur die Ausführung zählt.

Und die Spieler sind heutzutage wohl etwas komplizierter, sensibler als früher. Die psychologische Komponente ist wichtiger geworden. Ein Trainer ist wie ein Gärtner, der ein fragiles Ökosystem mit verschiedenen Lebensarten im Gleichgewicht halten muss. Seine wichtigste Aufgabe ist es, jedem Spieler das Gefühl zu geben, er werde gebraucht. Dafür muss er für jeden eine Rolle finden. So schafft er Vertrauen und regt das natürliche Wachstum des Teams an. Beim ZSC sehe ich die Situation darum derzeit mit einer gewissen Skepsis: Wir haben 27 Spieler – aber nicht genügend Rollen.

Erstellt: 23.11.2016, 23:16 Uhr

Mathias Seger

Der ZSC-Captain schreibt diese Saison Kolumnen für Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

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