«Nie wieder so eine Situation»

Wie Sportchef René Müller den Abstiegskampf des HC Davos nach dem Rücktritt Arno Del Curtos erlebte.

René Müller (l.): Die Zeit als Sportchef ad interim beim HC Davos geht bald zu Ende. (Keystone)

René Müller (l.): Die Zeit als Sportchef ad interim beim HC Davos geht bald zu Ende. (Keystone)

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Die Saison 2018/19 ist für den HC Davos zu Ende. Ihre Gedanken?
Endlich ist sie fertig. Wir können ein wenig durchatmen.

Aber die Saison einfach so abhaken und nach vorne blicken, das geht nicht.
Nein, das dürfen wir nicht tun. Aber wir wussten schon lange, wohin unser Weg geht. Die ganze Aufarbeitung und der Strukturenwechsel. All das findet ja schon seit November statt.

Und wo stehen Sie heute, nachdem der sportliche Ligaerhalt geschafft wurde?
Es wird gut herauskommen. Aber nicht von einem Tag auf den anderen. Das ist wie der Börsenkurs: Er stürzt relativ schnell ein. Um auf den alten Stand zu kommen, braucht es Zeit. Zu glauben, dass wir bereits nächste Saison weiss ich wie weit kommen werden, wäre fast schon Grössenwahnsinn.

Es liegt also nicht nur am noch zu findenden Headcoach für die nächste Saison.
Die Trainer werden ein Teil davon sein, genauso wie die beiden ausländischen Spieler, die wir noch suchen. Das erste Mosaiksteinchen, das perfekt passen muss, ist aber das Sommertraining, das nach den Ferien der Spieler beginnen wird.

Sie erhoffen sich also eine Steigerung im Fitnessbereich?
Nein, ich erhoffe es mir nicht bloss. Es ist ein absolutes Muss, dass dort eine Steigerung kommt. Wir brauchen da nicht einmal eine grosse Analyse, um festzustellen, was uns Mängel in diesem Bereich kosteten. Man schaue nur auf unsere Schlussdrittel. Wie oft gewannen wir diese? Wie oft kehrten wir da noch Rückstände? Sehr selten.

Einer Ihrer Spieler sagte kürzlich, dass man hin und wieder erlebe, dass ein oder zwei Spieler eine komplett verkorkste Saison einziehen. Dass dies aber fast der ganzen Mannschaft passiere, sei für ihn einmalig …
Ich sehe auch fast keinen Spieler bei uns, der sein Potenzial umgesetzt hat. Andres Ambühl war immer noch unser Motor, selbst wenn auch er eine bessere Saison hätte spielen können. Wenn aber jeder zumindest so seinem Niveau entsprechend gespielt hätte wie er, dann wären wir nicht derart hinten klassiert gewesen.

Und da soll nun vor allem das Sommertraining helfen?
Es gibt nichts anderes als harte Arbeit im Sommer. Wenn das nun auch nur einem Spieler nicht bewusst ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr. So eine Saison will doch keiner nochmals erleben.

Das Sommertraining letzte Saison war also zu wenig hart.
Ich glaube, dass der eine oder andere Faktor dabei wirklich vernachlässigt wurde. Es ist einfach ein Fakt, dass du hinter dem Schweizer Mannschaftssportler stehen und kontrollieren musst, vor allem beim Sommertraining. Wir sind noch nicht so weit, dass wir auf Eigenverantwortung setzen können. Es gibt sicher die Ausnahmen. Aber die spielen nun in der NHL oder haben aus wenig Talent sehr viel gemacht.

Die ganze Eishockey-Schweiz wartet auf den Namen des Davoser Headcoaches für nächste Saison …
Wir haben die Gespräche nun geführt und sind in der Evaluationsphase. Wir hoffen, in den nächsten ein oder zwei Wochen zu einem Ergebnis zu kommen.

Wie ist die Situation von Harijs Witolinsch, der nach dem Abgang Del Curtos einsprang?
Er ist einer der Kandidaten, wir haben auch mit ihm Gespräche geführt. Wir waren aber immer offen mit ihm, er wusste, dass wir auch mit anderen sprechen. Das war für ihn kein Problem, er ist sich aus seiner Zeit in Russland gar nichts anderes gewohnt.

Wie beurteilen Sie seine Arbeit?
Es war für ihn nicht einfach. Wir haben eine Stabilisierung in der Defensive hinbekommen. Und wir haben unsere Angriffsauslösung umgestellt. In der Offensive hat sich aber nicht viel verändert. Wobei ich aber glaube, dass das einen anderen Grund hatte: das fehlende Durchsetzungsvermögen der Spieler. Wir gewannen nur wenige Zweikämpfe in der Offensive, kamen zu selten als Sieger aus Duellen um die Scheibe an der Bande hervor.

Wie geht ein Club wie der HC Davos vor, wenn er erstmals nach 22 Jahren wieder eine längerfristige Lösung auf dem Trainerposten sucht?
Früher hattest du einfach einen Headcoach. Dieser bleibt ein wichtiger Bestandteil. Aber wir stellen uns die Frage: Was für ein Coaching-Trio bringen wir zusammen? Wir wollen eine Crew zusammenstellen, in der jeder seine Stärken und Schwächen hat und in der jeder die Schwächen des anderen ausmerzen kann. Ein Headcoach muss nicht mehr alles alleine entscheiden. Wir haben in der ganzen Phase der Trainersuche nie von Einzelpersonen geredet. Ich glaube, das ist der moderne Ansatz.

Der neue Headcoach, oder diese neue «Crew» muss aber akzeptieren, dass nicht nur mit fertigen Spielern gearbeitet werden kann. Diese Zeiten sind in Davos schon länger vorbei.
Ja, wir wollen mit jungen Spielern arbeiten. Aber nicht bloss mit Jungen. Der Mix muss stimmen. Diese drei Trainer müssen dennoch die Fähigkeit haben, mit jungen Spielern arbeiten zu wollen und diese auch ausbilden und weiterbringen zu können.

Sollte ein Spieler, der in die 1. Mannschaft kommt, nicht bereits ausgebildet sein für dieses Level?
Nein, das glaube ich nicht. Mit 20 musst du noch nicht fertig ausgebildet sein. Gerade Verteidiger sind oft erst mit 24 oder 25 fertig ausgebildet.

Die Mannschaft wird nicht fundamental verändert.
Es ist quasi ein Block, der neu ist. Verteidiger Samuel Guerra, Stürmer Fabrice Herzog sowie zwei Ausländer kommen. Ich glaube an diese Mannschaft, sie hat Potenzial, trotz dieser vergangenen Saison.

Ein zweiter Goalie nebst Neuzugang Sandro Aeschlimann fehlt auch noch.
Wir sind an einem zweiten Goalie dran. Wir werden mit zwei Schweizern in die Saison starten. Das Thema Ausländer ist vom Tisch.

Es wurden nach Arno Del Curtos Abgang diverse Verträge von Routiniers, die mitten im Schlamassel dieser Saison waren, verlängert – teilweise langfristig. Zu langfristig?
Vielleicht. Das kann man jetzt doch noch gar nicht beurteilen. Das hängt davon ab, was die Spieler ab nächster Saison leisten. Unser Ziel war, für Ruhe zu sorgen. Ansonsten hätten wir ja bis heute warten müssen mit Vertragsverlängerungen. Dann hätte der eine oder andere wohl mittlerweile aber irgendwo bei einem anderen Club unterschrieben. Da wäre wohl mehr Unruhe in den Club getragen worden als es nun der Fall war.

Sie wollten mit den Mehrjahresverträgen also nicht bloss auch für «Rabatte» sorgen und so bei den Gesamtlohnsummen sparen …
Nein, überhaupt nicht. Auch, wenn einige Löhne in der Tat tiefer wurden. Das war aber keine Priorität. Ich glaube immer noch daran, dass Spieler, die hier aufgewachsen sind, ein Herz für den Club haben. Das muss nun aber wieder klar ersichtlich sein, es muss nun von Anfang an wieder spürbar sein: Im HCD ist wieder Leben. Die Spieler müssen nun auch die Gunst der Fans zurückgewinnen, damit diese auch nach Niederlagen sagen können, das sei ein guter Match gewesen. Mit Spielen, die wir diese Saison teilweise zeigten, verärgerten wir viele Fans.

Das Verhältnis zu einem Teil der Anhänger wurde auch rund um den Rücktritt Del Curtos getrübt. Einige sahen die Spieler als Schuldige, die ihn los werden wollten.
Ich sehe eher, wie unsere Fans uns trotz aller widriger Umstände unterstützten, inklusive Playout-Final gegen Rapperswil-Jona. Wir wurden ja kaum einmal ausgepfiffen. Ich finde das bemerkenswert. Wir hatten einige Gespräche mit den Fanclubs, zeigten ihnen auf, wie wir aus dieser Krise herauskommen wollen.

Diese Ruhe, die Sie ansprachen: Viele interpretierten sie auch als Untätigkeit. Man hörte phasenweise kaum etwas vom HC Davos.
Eine Krise wie unsere hat kaum ein anderer Club je erlebt. Weil andere Clubs anders aufgestellt waren als wir. Bei uns machte ja Arno jahrelang fast alles alleine. Wir standen darum eine Weile quasi vor dem Nichts. Die Ruhe bedeutete nicht, dass wir uns der gefährlichen Situation nicht bewusst waren. Ich finde: Wenn du im Hintergrund arbeitest, musst du doch auch nicht gross kommunizieren.

Sie holten zum Beispiel keinen Ersatz-Ausländer vor dem Playout, verpflichteten keine Spieler mit B-Lizenzen zur Absicherung. Das verstanden nicht alle.
Wir wurden dafür auch kritisiert. Aber intern war immer klar: Wir holen nur einen, der uns klar helfen kann. Wenn wir den nicht finden, dann holen wir nicht bloss einen, weil alle nach einem Ausländer schreien. Auch hier gilt: Wir blieben ruhig, es fand nirgendwo eine Selbstzerfleischung statt. Wenn ich mit dem Fussball vergleiche, wo mit GC auch ein Traditionsclub mit ähnlichen sportlichen Problemen kämpft wie wir. Da gibt es ja fast jede Woche irgendeine Schlagzeile. Ist denn das besser? Das kriegen doch alle Spieler mit, das ist für den Sport alles andere als förderlich. Ich finde, wir haben das gut gemacht. Und da waren sehr viele Leute im Club daran beteiligt, vor allem aus der Nachwuchsabteilung.

Als neuer Sportchef wurde der aktuelle Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer verpflichtet. Wann beginnt er mit seiner Arbeit?
Das weiss ich nicht. Das muss man beim Verband nachfragen. Oder bei ihm persönlich. Vielleicht geht alles etwas schneller, sobald sein Nachfolger gefunden ist.

Wie weit nimmt er schon Einfluss bei der Planung des HC Davos für nächste Saison?
Raeto ist noch beim Verband tätig.

Was erhoffen Sie sich von Raffainer?
Er kennt unseren Kanton, die Bündner Mentalität. Das ist nicht unwichtig. Vor allem aber hat er ein riesiges Beziehungsnetz. Ich bin sicher, wir werden mit ihm eine gute Truppe haben, die den HCD wieder auf die Beine bringt.

Sie selber sprangen ja schon zum wiederholten Male in einer Funktion interimistisch ein. Wie geht es mit René Müller im HCD weiter, sobald Raffainer offiziell in Davos beginnt?
Dann arbeite ich wieder in meinem eigentlichen Job als Ausbildungschef des HC Davos. Ich freue mich darauf. Und ich hoffe, dass ich nie mehr in so eine Situation komme. Auch wenn die Aufgabe im Nachhinein sehr lehrreich und interessant war.

Erstellt: 06.04.2019, 10:43 Uhr

Seit 26 Jahren im HC Davos

René Müller kennt den Rekordmeister in- und auswendig.

1993 stiess der Zuger René Müller als Spieler zum HC Davos und blieb Nach dem Meistertitel 2002 trat er als Aktiver zurück und hat danach diverse Aufgaben beim Schweizer Rekordmeister übernommen – immer wieder auch ad interim. Der frühere Nachwuchs-Trainer ist nun Ausbildungschef des HC Davos. Als Arno Del Curto im November 2018 nach 22 Jahren zurücktrat, sprang Müller zunächst als Assistenzcoach der 1. Mannschaft und dann auch als Sportchef ad interim ein. Ab nächster Saison wird der 50-jährige Müller in dieser Funktion von Raeto Raffainer abgelöst.

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