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Nostalgische Gefühle, bedrohliche Hooligans

Kent Ruhnke schreibt in seiner Kolumne über seine Rückkehr nach Biel, das Berner Derby und das Ausmass des Hooligan-Problems.

Am Berner Derby Biel gegen den SCB erlebte ich am vergangenen Samstag mehrere Premieren. Nie zuvor hatte ich die Gelegenheit gehabt, ein Fondue vor dem Match zu geniessen. Und dabei wurde ich Zeuge, wie vor dem Restaurant eine Gruppe von Hooligans die Sicherheitskräfte attackierte. Auch das hatte ich noch nie so nahe erlebt. Als das Spiel dann begann, realisierte ich erst so richtig, dass ich die beiden Teams zu ihren letzten Meistertiteln gecoacht hatte. Der SCB sah überhaupt nicht mehr aus wie die «big bad bears» von 2004. Er wirkte lethargisch und desorganisiert. Und der Bieler Jubel über das 6:1 erinnerte mich an 1983, als 9000 die Eishalle zum Beben gebracht hatten.

Über 100 Polizisten im Kampfanzug

Es war schön, von den Fans meiner beiden früheren Teams so enthusiastisch empfangen zu werden. Ein Bieler Fan erzählte mir, er habe noch den gleichen Sitzplatz wie vor 36 Jahren, als das Stadion eröffnet wurde. Und wenn der EHC in die neue Arena umziehe, werde er den Sitz nach Hause nehmen und im Wohnzimmer montieren. Einige klagten mir aber etwas wehmütig, in den Meisterjahren von 1978 bis 1983 sei die Stimmung schon besser gewesen. Damals habe es noch keine Logen und bevorzugt behandelte Donatoren gegeben, sondern nur normale Fans, die ihr Team unterstützt hätten. Und auch keine Hooligans.

An jenem Abend wurde mir das Ausmass des Hooligan-Problems erst so richtig bewusst. Wenn man auf Eishöhe steht und ein Team coacht, bekommt man es nicht so richtig mit. Und man hat auch andere Sorgen. Natürlich wurde mir auch schon ein Bier über den Kopf geleert, ich erhielt auch schon Drohungen, verbal und schriftlich. Aber diesmal waren über 100 Polizisten in Kampfanzügen nötig, um die schwelenden Aggressionen zu bekämpfen. Rund 300 radikale Berner Fans, auch mit YB-Schals, suchten Probleme, und die Bieler «Fire Lords» waren bereit, ihren Wunsch zu erfüllen.

Ein Polizist sagte mir, er sei schon seit fünf Uhr morgens im Dienst, und sie seien diesmal einfach zu wenig zahlreich, um die Unruhen zu bewältigen. Er jedenfalls würde heutzutage nicht einmal mehr ein Eishockeyspiel schauen gehen, wenn man ihn dafür bezahlen würde. Das ist kein gutes Zeichen.

Was kann man dagegen tun?

Als die Montreal Canadiens in diesem Frühjahr die Boston Bruins im siebten Spiel der ersten Playoffrunde schlugen, sorgten danach jugendliche Fans für Tumulte in Montreal. Sie schlugen Schaufenster ein und zündeten Polizeiautos an. Aber den Hooliganismus, wie wir ihn kennen, gibt es in Nordamerika nicht. Städte wie Boston und Montreal oder Toronto sind einfach zu weit voneinander entfernt, als dass Fangruppen aufeinander losgehen würden. Es gibt auch da Derbys, aber es besteht nicht die gleiche lokale Rivalität wie hier zwischen Städten, die nur 30 Minuten auseinanderliegen.

Ein Berner Fan, der den Adrenalinstoss sichtlich genoss, am Rande der Unruhen dabei zu sein, schwärmte davon, wie schön es sei, dass erstmals seit den Achtzigerjahren Bern, Biel, Langnau und Fribourg in der gleichen Liga spielen. Das hat die Rivalitäten sicher zusätzlich angeheizt. Was kann man dagegen tun? Natürlich kann man nicht alle potenziellen Unruhestifter wegsperren. Die Polizisten, mit denen ich sprach, denken, es würde helfen, wenn es nur noch Sitzplätze gäbe und man «gefährliche» Fans aufs Stadion verteilen würde. Wenn sich Eltern nicht mehr getrauen, mit ihren Kindern ans Spiel zu gehen, dann hat das Schweizer Eishockey ein grosses Problem.

Vieles hat sich verändert

Als Biel 1983 letztmals Meister wurde, war ich 30-jährig. Patron Willy Gassmann finanzierte das Team damals allein, und der SCB war in der Nationalliga B. Vieles hat sich seitdem verändert, und auch ich blicke mit etwas Nostalgie auf jene Zeiten zurück. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit Daniel Poulin lachte, bis wir Tränen in den Augen hatten. Köbi Kölliker war ein «Krieger», wie ich ihn seither nie mehr gesehen habe. Noldi Lörtscher war wahrscheinlich der beste Schweizer, den ich je gecoacht habe. Olivier Anken stoppte die Pucks, Richmond Gosselin schoss die Tore. Damals schien vieles einfacher. Wir waren noch näher bei den Fans, und wir spielten einfach unser Spiel.

Viele denken, die modernen Eishockeyspieler seien besser geworden. Natürlich sind sie grösser, kräftiger und schneller. Aber sie sind nicht besser. Grossartige Spieler passen sich den Umständen an. Wayne Gretzky würde auch heute noch alle überragen. Köbi Kölliker würde auch heute noch seine Gegner terrorisieren. Aber ich sage nicht, dass die Entwicklung des Schweizer Eishockeys schlecht sei. Der EHC Biel ist zurück und kann sogar den SC Bern schlagen. Die Liga ist so ausgeglichen wie noch nie. Sechs Teams könnten die Qualifikation gewinnen. Das ist gut so.

Die grösste Herausforderung ist, so scheint es mir, ein sicheres Umfeld für die Spiele zu bieten. Nach meiner Erfahrung in Biel denke ich, dass es an der Zeit ist, dieses Problem ernst zu nehmen und anzugehen.

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