Planen, schulen, Geschichte schreiben

Patrick von Gunten musste seine Karriere im Januar nach zwölf Jahren beim EHC Kloten abrupt beenden. An der WM 2020 im eigenen Land ist er trotzdem dabei – in besonderer Funktion

Patrick von Gunten wird an der WM 2020 einen speziellen Job übernehmen. (Bild: Michele Limina)

Patrick von Gunten wird an der WM 2020 einen speziellen Job übernehmen. (Bild: Michele Limina)

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Nein, kribbeln tut es nicht mehr. Die Zeit, in der Patrick von Gunten das Eishockeyspielen vermisste, sie ist vorbei. Vielleicht auch, weil es gar keine Alternative gegeben habe: «Ich frage mich nicht, ob der Rücktritt richtig oder falsch war. Ich habe heute noch so viele körperliche Probleme und weiss, dass es nicht mehr gegangen wäre.»

Ein Dutzend Jahre war von ­Gunten einer der besten Offensiv-Verteidiger des Landes, von 2006 bis 2018 mit Ausnahme einer Saison in Göteborg stets bei Kloten. Für die Zürcher war er so unverzichtbar, dass er sich seit seiner Rückkehr 2012 nie um eine Vertragsverlängerung sorgen musste. Dann im Januar 2018 die Hiobsbotschaft in Form eines Communiqués: Von Gunten müsse seine Karriere wegen chronischer Hüft- und Rückenprobleme beenden. Er war noch nicht einmal 33.

Für die Eishockey-Schweiz kam dies überraschend, für ihn weniger, sagt er heute: «In diesem ­Moment war ich im Verarbeitungsprozess schon ziemlich weit. Seit Dezember hatte ich mich immer konkreter damit auseinandergesetzt.» Viele Diskussionen waren vorausgegangen, mit den Leuten aus dem engsten Umfeld, mit den Ärzten, mit dem Club, mit der Versicherung.

Die Leidenszeit hatte vorher begonnen. Jedes Mal, wenn er in den Kraftraum ging, musste er Angst haben, sich zu verletzen. Jede Blessur war ein Schritt auf dem Weg zum sportlichen Frührentner. «Mit jeder Verletzung bin ich etwas langsamer geworden, konnte mein Niveau nicht mehr halten», beschreibt er den Teufelskreis. «Ich dachte, ich könnte die Saison vielleicht noch beenden. Ein weiteres Sommertraining wäre aber schwierig geworden. Als ich mich dann im Januar noch einmal verletzte, war ich auch mental erschöpft.»

Von 100 auf 0 – das Adrenalin kann man nicht ersetzen

Plötzlich hiess es: von 100 auf 0. Das Adrenalin fehlte, Ersatz war nicht in Sicht. Damit hatte er aber auch nicht gerechnet: «Wer das sucht, der hat ein Problem, es gibt nichts, was man vergleichen kann. Man steht dreimal pro Woche unter Druck, erlebt dies mit der Mannschaft. Das ist einzigartig.»

Er klingt jetzt fast etwas distanziert. Natürlich war es für ihn anfänglich nicht leicht gewesen, speziell, als er die Sachen aus der Garderobe holte: «Ich ging ein letztes Mal aufs Eis, mit meinem Kleinen, habe die Taschen gepackt und bin gegangen. Das tat schon weh.» Er blieb nahe beim Team, verabschiedet hat er sich mit einem Essen in der Garderobe und später mit einem Grillfest, zu dem auch andere Wegbereiter geladen waren.

Geblieben ist aus der Aktivzeit vieles: «Erinnerungen und Kollegen, die man für das ganze Leben gewonnen hat.» Natürlich auch die vielen schönen Momente wie WM-Silber in Stockholm, die Olympischen Spiele in Vancouver, mehrere Playoff-Finals, aber auch der Cupsieg: «Auch wenn es nur der Cup war: Das Stadion war ausverkauft, die Leute waren aus dem Häuschen.» Und nicht zuletzt die beiden Titel mit Biel bei den Junioren. Aus jener Zeit ist eine Tradition geblieben: «Etwa zehn von uns gehen am 24. Dezember immer gemeinsam Eishockey spielen.»

Im Übergang profitierte er davon, dass er stets über den Eisrink hinausgedacht hatte. 2006, direkt nach seinem Wechsel aus Biel, wo ihn Anders Eldebrink entdeckt hatte, hatte er mit dem Bachelor begonnen, und nun machte er erste Versuche im Eishockeybusiness. Er arbeitete im Videoteam der Nationalmannschaft, begann, Kolumnen für das «Bieler Tagblatt» zu verfassen und ist auch sonst im Eishockey präsent. In dieser Saison besuchte er schon Spiele in Zürich, Kloten, Zug und Lausanne.

«Ich schaue Spiele gerne live», sagt er und schmunzelt: «Auch meiner Frau ist das lieber.» Der Stressfaktor ist weg, die Partien sind für ihn entspannend, gerade die Ausgeglichenheit schätzt er: «Als objektiver Beobachter würde ich mir wünschen, dass vor der letzten Runde noch jedes Team um die Playoff-Qualifikation zittern müsste.» Er kann es auch etwas lockerer sagen, weil Kloten inzwischen in der Swiss League spielt.

Von Guntens Tage sind ausgefüllt, derzeit schreibt er seine Diplomarbeit für den «Master of Science in Sports» mit Ausrichtung in Spitzensport in Magglingen. Ein Kurs, in dem er viel über Geldflüsse lernt, wie das Schweizer Sportsystem aufgebaut ist, aber auch über Sportpolitik in anderen Ländern: «Es ist ein cooler Lehrgang.»

An der WM wird er einen 150-Prozent-Job haben

In dieser Zeit entstand auch sein aktuelles Engagement: Gian Gilli, OK-Präsident der WM, hielt an der Schule einen Vortrag, von Gunten rief ihn später an und fragte, ob in der Organisation ein Job frei sei. Bald darauf wurde er zum Chef der Volunteers, gemäss dem WM-Motto und neudeutsch «History Makers». Bis Jahresende ist es ein 60-Prozent-Mandat, von Januar bis zur WM dann ein Vollzeitjob und «während der WM sind wir wohl bei 150 Prozent».

Im Moment sei es noch relativ ruhig, sagt von Gunten, aber bald werde es intensiver: «Planung, Schichten einteilen, selektionieren. Schulungen machen, es gibt viel zu tun.» 1950 Personen haben sich angemeldet, weit mehr als erwartet. Auf die kommenden Monate freut er sich sehr: «Die History Makers sind sehr motiviert und bringen viel Energie mit. Sie sind quasi die Visitenkarten der WM.»

Wenn am 8. Mai am ersten Spieltag zwischen der Schweiz und Russland der Puck eingeworfen wird, wird von Gunten irgendwo im Hallenstadion sitzen. Es wird kribbeln, aber anders als früher: «Natürlich wäre es am schönsten gewesen, mitzuspielen. Aber jetzt werde ich mitfiebern, dass das Team möglichst erfolgreich spielt.»

Wie es danach weitergeht, ist noch unklar. Anfänglich dachte er, sein Weg müsse fast im Eishockey liegen, davon ist er aber abgekommen: «Es könnte auch Fussball sein, eine Sportorganisation oder vielleicht sonst etwas in der Wirtschaft.» Bange muss Patrick von Gunten nicht sein, seine Anpassungsfähigkeit hat er bereits unter Beweis gestellt.



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Erstellt: 13.10.2019, 19:52 Uhr

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