Schäppis Zeit ist gekommen

Kolumne: Die ZSC Lions haben gezeigt, wie gut sie spielen können. Trotzdem steht ihr Halbfinal gegen Bern nur 1:1. Was müssen sie nun tun?

Überragend: Reto Schäppi feiert mit Topskorer Fredrik Pettersson. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Überragend: Reto Schäppi feiert mit Topskorer Fredrik Pettersson. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Ich fragte Dan Hodgson nach unserem Zürcher Meistertitel von 2000, was er lieber hätte: eine gute Regular Season und ein schlechtes Playoff oder eine schlechte Qualifikation und den Meistertitel. Seine Antwort dürfte Sie überraschen: Er sagte, er ziehe Ersteres vor. Die meisten Fans dürften Zweiteres favorisieren. Was Danny meinte: Wenn es gut läuft in der Qualifikation, freut sich jeder, täglich zur Eishalle zu kommen. Alles fällt leichter mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und für ihn war klar, dass dies die Basis ist für den Erfolg. Wenn er nicht in diesem Jahr kommt, dann halt im folgenden.

Die ZSC Lions verpassten am Donnerstag eine grosse Chance. Es war eine niederschmetternde Niederlage für die Zürcher Fans und Spieler. Aber dieser Halbfinal ist noch lang. Mustern Sie die Lions heute Abend ganz genau. Wie ist ihre Körpersprache? Haben sie diesen speziellen Blick in ihren Augen, der Siegerteams ausmacht? Strahlen sie dieses Vertrauen in ihre Teamkollegen aus, dieses Gefühl, dass der Erfolg unvermeidbar ist? Wahrscheinlich nicht so sehr wie die SCB-Spieler. Aber wir können beobachten, wie vor unseren Augen ein Team heranreift. Und wenn die Zürcher Spass haben, könnten sie uns noch alle überraschen.

Eine fantastische Viertelstunde

Was sie im Hallenstadion in den ersten 15 Minuten boten, war das beste Eishockey, das ich von den Lions je gesehen habe. Es war fesselnd, spektakulär, anregend, freudvoll. Es war eine Demonstration von Wucht und ­Finesse, von Entschlossenheit und Mut, von Charakterstärke und Wille – von all dem, was wir von den Zürchern zu selten sehen. Doch dann entschloss sich Mr. Hyde, zur Party dazuzustossen zu Dr. Jekyll, und vorbei war es.

Hut ab vor den Bernern. Das Ziel eines Auswärtsteams im Playoff muss es immer sein, den Sturm im ersten Drittel zu überstehen. Sie bewiesen eine eindrückliche Belastbarkeit und Gelassenheit, indem sie bis zur ersten Pause noch auf 2:2 ausglichen. Sie müssen sich anfangs vorgekommen sein wie die Kugeln in einem Flipperkasten, als die Lions auf alles losgingen, das sich bewegte. In einem Einsatz liess die Powerlinie mit Schäppi, Chris Baltisberger und Herzog die Halle erzittern mit ihren Checks. Und SCB-Topskorer Ebbett lag danach irgendwo zerknittert in der Ecke.

Die Berner brachten den Puck anfangs nicht aus ihrer eigenen Zone. Einige von ihnen wirkten ängstlich. Sie begingen untypische Fehler. Ein 4:0 für die Zürcher nach 15 Minuten wäre nicht übertrieben gewesen. Doch ein Spiel dauert 60 Minuten oder mehr. Und die Lions schafften es nicht, ihre fieberhafte Spielweise, ihren Druck aufrecht zu erhalten. Je länger das Spiel dauerte, desto stärker wurden die Berner. Die Lions zeigten zu Beginn jedem, dass sie alles haben, um Meister zu werden. Aber können sie ihr rasantes Tempo einen Abend lang durchziehen?

Die grosse Frage vor Spiel 3 ist: Wer steht in der Zürcher-Garderobe auf und ­vertreibt den Blues?

Die grosse Frage vor Spiel 3 ist für mich: Wer steht in der Zürcher Garderobe auf und vertreibt den Blues nach dieser bitteren Niederlage? Hans Kossmanns Job ist es, in seinem Umgang mit den Spielern ruhig und fachlich zu sein. Dieser Impuls kann nicht von ihm kommen. Fredrik Pettersson war lange Zeit frustriert über seine Kollegen, die ihn oft alleine liessen. Er ist nicht der Mann, der jetzt aufstehen sollte. Mathias Seger? Er kann die Stimme der Vernunft sein, aber er ist nicht mehr der General dieses Teams.

Es muss einer der jüngeren Spieler sein. Einer, dessen ruhiges Selbstvertrauen, Fokus und Mut sich aufs Eis übertragen. Für mich ist Reto Schäppi die logische Wahl. Er ist zuletzt weitergewachsen und für mich nach Kevin Klein der beste ZSC-Spieler in diesem Playoff. Die Lions brauchen einen Generationenwechsel, was die Leaderrollen angeht – und jetzt ist die perfekte Zeit für einen wie Schäppi, um vorzutreten. Ich glaube, er kann es.

Es müssen einige Dinge passieren, damit die Zürcher diese Serie ­gewinnen können: Kossmann muss seine vierte Linie mehr einsetzen, um seinen Stars die Möglichkeit zu geben, sich auszuruhen. Bei diesem horrenden Tempo könnten sie schnell ausbrennen, wenn er nicht aufpasst. Berns Kari Jalonen benützt seine vierte Linie kaum. Kossmann könnte mit der ­seinen einen kleinen Energievorteil im Spiel Linie gegen Linie kreieren.

Nicht managen, spielen!

Dann dürfen die Zürcher nicht aufhören, ihre Beine zu bewegen. Sie müssen die Berner Verteidiger 60 Minuten lang unter Druck setzen. Waren sie müde oder ängstlich, als sie im dritten Abschnitt kaum mehr liefen? Sie brauchen wieder mehr Puckkontrolle. Sie können das Spiel nicht managen, sie müssen es spielen. Nach der zweiten Pause berührten sie den Puck kaum mehr. Es macht dich müde, wenn du die ganze Zeit dem Puck hinterherläufst. Mit dem Puck zu spielen, macht viel mehr Spass.

Roman Wick muss anfangen zu skoren. Er gefällt mir schon besser, aber er muss endlich seine Schüsse aufs Tor bringen. Und schliesslich müssen die Zürcher ihren kollektiven Willen noch mehr demonstrieren: einer für alle, alle für einen! Sie müssen noch böser werden. Als Scherwey zur ersten Pause auf Pettersson losfuhr, um ihn mit Beleidigungen einzudecken, hätten alle Zürcher herbeistürmen und eine grosse Szene daraus machen müssen. Einige Berner Spieler haben Angst (überraschenderweise), und Einschüchterung ist im Playoff ein wichtiger Faktor.

Scherwey und Rüfenacht sind meisterhafte Brandstifter, lasse sie keinen Vorteil für den SC Bern heraus­holen! Gib keinen Zentimeter Eis preis ohne einen Kampf. Diese Message hallt genauso stark nach wie krachende Checks.

Erstellt: 31.03.2018, 15:16 Uhr

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