Schlaflose Nächte fürs Eishockey

1999 erstellt, umfasst die Datenbank Eliteprospects heute über 670’000 Spieler. Ihr Kapital sind Statistikfreaks weltweit.

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Was macht ein Eishockeyfan als Erstes, wenn sein Team einen neuen Spieler engagiert hat? Er nimmt das Handy oder öffnet den Browser am Computer und tippt den Namen des Neuankömmlings und «Eliteprospects» ein, um dessen Werdegang und Statistiken zu checken. Die Datenbank, die inzwischen über 672’000 Spieler umfasst und laufend aktualisiert wird, ist nicht mehr wegzudenken. Jede und ­jeder, der halbwegs seriös die Schlittschuhe geschnürt hat, ist ­erfasst. www.eliteprospects.com ist das Wikipedia des Eishockeys.

Ihren Anfang nimmt diese ­Geschichte in Kalmar an der südschwedischen Ostküste. Die malerische Stadt ist nicht bekannt für hochklassiges Eishockey, sondern für sein Schloss, wo Kinder in mittelalterliche Kostüme schlüpfen und sich im Schwertkampf mit dem Schwarzen Ritter messen können. Doch Johan Nilsson ist fasziniert vom Eishockey und den Möglichkeiten des Web. 1999 registriert er, damals erst 17, die Website. Zuerst, um Beschreibungen schwedischer Talente zu verfassen, denen eine Karriere in Nordamerika winkt.

150 freiwillige Helfer, von Australien bis Weissrussland

Der Name der Website ist geblieben, obschon er irreführend ist. Ein «prospect» ist eine Zukunftshoffnung, doch die Eliteprospects führt natürlich nicht nur Profile vonJungen. Als Nilsson 2001 Informationstechnologie zu studierenbeginnt und sich seine Fähigkeiten als Programmierer markant verbessern, baut er die Datenbank auf. Schon bald melden sich Freiwillige, um Spielerprofile zu erstellen und sie mit Statistiken zu füttern. Heute arbeiten gegen 150 ehrenamtliche Mitarbeiter für Eliteprospects, von Australien bis Weissrussland. Darunter 22 Kanadier, 12 Finnen und 5 Schweizer.

Ein Zuträger der ersten Stunde ist der Zürcher Rafik Soliman. Rund 5500 Spielerprofile habe er erstellt, sagt der 37-Jährige. Wie viele Nächte er dafür am Computer verbracht habe, könne er nicht abschätzen. «Eine Sisyphusarbeit!» Bis vor kurzem habe man noch alle Statistiken von Hand eingeben müssen, sei das noch nicht automatisiert gewesen. «Ich wollte helfen, das Schweizer Eishockey international bekannter zu machen», sagt Soliman. Und es sei faszinierend, Teil eines grösseren Ganzen zu sein.

Zu seinen aktivsten Zeiten habe er täglich zwei, drei Stunden für Eliteprospects gearbeitet. Ohne Entgelt, versteht sich. Sein Broterwerb ist Zugverkehrsleiter bei den SBB. Bald wird Soliman zum zweiten Mal Vater, und es ist nicht auszuschliessen, dass er dann ein paar Minuten pro Tag weniger zur Verfügung hat. Doch Nilsson muss sich keine Sorgen machen. «Jede Woche bekomme ich 10 bis 20 Mails von Leuten, die mitmachen wollen», erzählt er. «Es gibt so viele Statistikfreaks. Aber momentan können wir niemanden nehmen.»

Den Durchbruch schaffte Eliteprospects 2004/05, als Nilsson die Rubrik Transfers einführte. Stundenlang suchte er Hockey-Websites auf der ganzen Welt ab, um Infos über Wechsel und Wechselgerüchte zu bekommen. In der Schweiz unter anderem die Newsseite www.hockeyfans.ch. Plötzlich explodierten die Besucherzahlen bei Eliteprospects. Grössere Unternehmen wurden auf Nilssons Baby aufmerksam, und weil er sah, dass er an die Grenzen seiner Kapazitäten stiess, verkaufte er die Website 2007 an die Everysport Media Group aus Stockholm.

«Für mich als Uniabgänger war es damals ziemlich viel Geld», sagt er. «Aber rückblickend betrachtet hätte ich wohl erst jetzt verkaufen sollen.» Heute verzeichnet die Website rund 900’000 Besucher pro Woche und nimmt im Monat allein mit Onlinewerbung mehrere Zehntausend Euro ein. Doch das ist nur einer von vielen Einkommenszweigen. Eliteprospects verkauft seine Daten an diverse Player, erstellt Statistiktools, arbeitet mit Ligen oder Agenturen zusammen. Und inzwischen kann man als privater User für neun Euro pro Monat Zusatzdiensteerwerben wie detailliertere Statistiken, die korrekte Aussprache eines Spielernamens oder journalistischen Content. Rund 2000haben diesen Service schon abonniert. Das Grundangebot bleibe aber stets gratis, betont Nilsson.

Er wurde, nachdem er Eliteprospects verkauft hatte, von den neuen Eigentümern angestellt und arbeitet mit ungebremstem Elan für die Datenbank. Wobei erbetont: «Es fühlt sich nicht an, als würde ich arbeiten. Ich glaube, ich könnte nie mehr einen normalen Job machen.» Sein Feld reicht heute vom Programmieren über das Instruieren von Voluntari bis zum Eingeben von Statistiken. Inzwischen lebt er in Växjö, in der Stadt des schwedischen Meisters, und führt da ein dreiköpfiges Team. Everysport Media beschäftigt rund 80 Leute, davon arbeiten regelmässig rund 15 für Eliteprospects.

Die Hälfte der Zugriffe aus Übersee, 4,5% aus der Schweiz

Natürlich ist das Ziel weiteres Wachstum. Obschon 48 Prozent der Zugriffe aus Kanada (25%) und den USA (23%) erfolgen, sieht Nilsson das grösste Potenzial in Nordamerika. Deshalb wurdengerade zwei Büros in Übersee eröffnet: in New York und Tampa. Denn das grosse Geld wird im Eishockey in Nordamerika umgesetzt. Das Ziel von Eliteprospects sind mehr Partnerschaften. Der Fantasie, wie die Fülle von Daten aufbereitet werden kann, sind kaum Grenzen gesetzt. Die Schweiz ist mit 4,5 Prozent der Zugriffe die Nummer 6, unmittelbar hinter Deutschland (5%).

Bei aller Professionalisierung, das Kapital der Datenbank sind die Freiwilligen, die so viel ihrer Freizeit investieren, um sie laufend zu aktualisieren. Wenn Tristan Scherwey einen neuen Vertrag beim SCB unterschreibt, ist das bei Eliteprospects schnell angepasst. Undnatürlich wächst die Anzahl Spieler täglich. Wenn ein Junior in der Schweiz erstmals auf Stufe Novize Elite spielt, wird für ihn ein Profil erstellt. Die Talentiertesten werden schon mit 14 erfasst.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Wie gut spielt Onlinepionier Nilsson Eishockey? Er schmunzelt und sagt: «Ich kann mich kaum auf den Schlittschuhen halten.»

Erstellt: 10.02.2019, 16:45 Uhr

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