Mit Witz, Charme und Seger

ZSC-Captain Mathias Seger bestreitet heute sein 1079. NLA-Spiel – Rekord. Er blickt auf 20 Saisons und verrät Spannendes.

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Das Debüt

«Ich war so nervös, dass die Erinnerungen daran verblasst sind. Ich weiss nur noch, dass es gegen Lugano war im September 1996 und dass wir gewannen. ­Zuvor hatte ich in einem Vorbereitungsspiel gegen Schwenningen einen Hattrick erzielt. Da dachten in Rapperswil alle: ‹Was haben wir denn da für einen Goalgetter eingekauft?› Aber dann gelang mir in der ganzen Saison keine einzige Kiste. Dafür drei Eigentore. Tja, das war mein erstes Jahr.»

Das erste Tor

«Das kam erst im Oktober 1997 in einem Match gegen Ambri. Welche Erlösung! Den dazugehörigen Puck schenkte ich der Freundin eines Kollegen. Ich mache mir nicht viel aus Souvenirstücken. Einige alte Trikots liegen noch bei den Eltern auf dem Estrich. Aber sonst . . . Ich dachte schon damals, dass diese Selbstzelebrierung nicht unbedingt förderlich ist für die Persönlichkeit. Mir waren Erinnerungen immer wichtiger.»

Der unangenehmste Gegenspieler

«Jede Epoche hatte ihre Spieler: Ein John Fritsche war in den Zweikämpfen vor dem Tor extrem mühsam. Den brachte man einfach nicht weg. Oder Gates ­Orlando, wie hartnäckig war denn der? Oder Joe Thornton, der wegen seines ­Talents und seiner Grösse übermächtig war. Er entschied die Finalserie 2005 praktisch im Alleingang für Davos und gegen uns. Später kam Ambühl, der während 60 ­Minuten läuft, läuft und läuft. Es gibt nie eine Pause mit ihm. Ich war froh, als er dann einmal für uns spielte.»

Das denkwürdigste Auswärtsspiel

«In speziell frustrierender Erinnerung bleibt mir die Reise im März 2006 nach Genf: Dort verloren wir die Playout-­Serie 2:4. Direkt nach dem Match entliess Sportchef Simon Schenk unseren Coach Juhani Tamminen. Dreieinhalb Stunden musste er noch mit uns heimfahren, während wir daran herum­studierten, dass nun noch eine Serie um den Ligaerhalt bevorstand. Die Fahrt kam mir wie eine Ewigkeit vor.»

Der bizarrste Match

«Ich weiss noch, dass ein Fan bei einem Spiel in Zug im Herbst 2009 eine Rauchbombe hochgehen liess. Das ganze Stadion war eingenebelt. Ich ging mehrmals zum Schiedsrichter und sagte, es sei zu gefährlich für die Spieler, der Rauch sei Gift für die Lungen, er müsse den Match abbrechen. Das tat er dann irgendwann auch. Ich war nicht ganz uneigennützig: Ich wollte an jenem Abend noch an ein Fest in der Ostschweiz.»

Die härteste Playoff-Serie

«Mir bleiben nur die Serien haften, die wir auch gewonnen haben. Finals sind die härtesten, weil man bis dahin körperlich schon völlig ausgebrannt ist. Und auch mental sind sie besonders erschöpfend, weil der Titel nun greifbar ist. Es wird immer extremer, je weiter man im Playoff kommt. Der Finalsieg 2001 gegen Lugano sticht dabei heraus: die Emotionen auf dem Eis und auf den Rängen. Wie wir vom 1:3 zurückkamen und dann in der Verlängerung von Spiel 7 siegten. Diese Serie war unglaublich eng.»

Der beste Mitspieler

«Ari Sulander. Seine Ruhe und seine Übersicht waren herausragend, er konnte das Spiel lesen wie kein Zweiter. Und diese Fähigkeiten zeigte er über Jahre, gewann Titel um Titel. ‹Sulo› ist der Grund, warum der ZSC heute dasteht, wo er ist. Er ist der mit Abstand wichtigste Spieler der Clubgeschichte.»

Das schönste Tor

«Das schönste zu finden, ist bei den vielen Toren, die ich erzielt habe, ziemlich schwierig (lacht). Aber vielleicht ja das wichtigste: Im Dezember 2011 steckten wir in einer ziemlichen Krise. Coach Hartley stand zur Diskussion. Aber wir arbeiteten extrem hart und in jenem Match kurz vor Weihnachten in Genf wurden wir dafür belohnt. 90 Sekunden vor Schluss glich ich auf Pass Tambellinis zum 3:3 aus – in doppelter Unterzahl. Wir gewannen danach im Penaltyschiessen und gingen mit einem viel besseren Gefühl in die Weihnachtspause. Im Frühling wurden wir Meister.»

Der treueste Begleiter

«Mein Necessaire ist am längsten dabei, schon über 20 Jahre. Ich bekam es von ungarischen Bekannten geschenkt, die wir einst in den Familienferien im ehemaligen Jugoslawien kennen gelernt hatten. Im Necessaire habe ich Utensilien, um die Stöcke zu präparieren, ein Tuch, um das Visier zu putzen . . . solche Dinge. Ein Wunder, dass es noch intakt ist.»

Der Glücksbringer

«Früher gab es noch keine atmungs­aktive Unterwäsche. Ich trug immer ein grünes T-Shirt des EHC Flawil unter der Ausrüstung, ein Original von meinem Onkel, einem Goalie. Nach jedem Match wusch es unser Materialwart. Ab und zu brachte ich es meiner Mutter vorbei, um es flicken zu lassen. Die Titel 2000 und 2001 erlebte das Shirt noch. Danach war irgendwann fertig. Ich glaube, ich habe es immer noch. Es liegt irgendwo ganz hinten im Kleiderschrank, vermutlich von Motten zerfressen.»

Die familiärsten Mitspieler

«Es gibt immer Mitspieler, mit denen man enger verbunden ist. Von der aktuellen Mannschaft sind es Blindenbacher und Schäppi, die auch die Göttis meiner beiden Töchter sind. Früher waren es andere: Von den Junioren an machte ich viele Karriereschritte gemeinsam mit Streit, und lange wohnte ich in einer WG mit Salis. Das finde ich auch das Schöne am Sport: dass daraus tiefe Freundschaften entstehen.»

Die bewegendste Schlagzeile

«Der ‹Tages-Anzeiger› titelte 1997 vor meinem ersten Länderspiel ‹Seger bleiben, Sieger werden›. Die fand ich gut. Und sonst? Ich liess mich nie negativ von Schlagzeilen beeinflussen. Sie spornten mich höchstens an. Was aber schmerzte, war die Kritik, als wir 2006 ins Playout mussten. Das halbe Team war ausgewechselt worden, Eckpfeiler wie Streit, Micheli oder Salis waren weg. Dann ­versagten wir völlig, und das fiel auch auf mich als neuen Captain zurück. Der Misserfolg löste Selbstzweifel in mir aus. Ich musste eine Linie finden, wie ich auf und neben dem Eis helfen konnte.»

Das allerletzte Spiel

«Wann das sein wird, kann ich derzeit unmöglich sagen. Ich funktioniere als Sportler immer noch gleich wie früher: Ich bin jetzt siebter Verteidiger, also will ich mich mit aller Macht in die Top 6 kämpfen. Wenn ich aber irgendwann merke, ich schaffe es nicht, das Team braucht mich nicht mehr, dann muss ich nächste Saison nicht weiterspielen.»

Erstellt: 29.09.2016, 22:02 Uhr

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