Serge Aubins gefährliches Spiel

Der neue ZSC-Coach drückt im krampfhaften Bemühen, den Meister auf Kurs zu bringen, zu viele Knöpfe. Das beste Beispiel ist der Fall des überzähligen Fredrik Pettersson.  

Wohin führt Serge Aubin die ZSC Lions? Noch hat der Kanadier nicht bewiesen, der richtige Mann zu sein. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

Wohin führt Serge Aubin die ZSC Lions? Noch hat der Kanadier nicht bewiesen, der richtige Mann zu sein. Foto: Andy Müller (Freshfocus)

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Zum Glück haben die ZSC Lions noch die Rapperswil-Jona Lakers. Ohne die drei Siege gegen den schwächsten Aufsteiger seit Jahren würde der Meister zur Nationalteam-Pause sogar ausserhalb der Playoff-Ränge liegen. So viele Vorschusslorbeeren die Zürcher vor Saisonstart als vermeintliche Transfersieger erhielten, so enttäuschend sind ihre Auftritte in diesem Herbst. Manchmal sind sie schlecht organisiert wie am Samstag in Lugano (3:5), ein anderes Mal blutleer wie in Langnau (1:4), als sie in 40 Minuten nur acht Torschüsse zustande brachten. Zwischendurch gelingt ihnen mal ein gutes Drittel. Das ist zu wenig für ein Team ihres Kalibers. Viel zu wenig.

Unter Hans Wallson besser

Vergangene Saison lagen sie zur ersten Meisterschaftspause immerhin noch auf Rang 3, mit 1,84 Punkten pro Spiel. Jetzt sind es Rang 7 und 1,6 Punkte im Schnitt. Und wir erinnern uns: Zur Weihnachtspause wurde das Coachingduo Wallson/Johansson entlassen. Hatten die Schweden das Team verloren, so hat es der neue Mann Serge Aubin noch nicht gefunden. Dem Kanadier schwebt ein gut organisiertes, kämpferisches Eishockey vor, aus einer soliden Defensive heraus. Bisher mit dem Resultat, dass die ZSC Lions kaum Tore schiessen. Nur das kriselnde Davos und die Lakers haben noch seltener getroffen.

Es ist nie einfach, ein Meisterteam zu übernehmen. Das musste in Zürich beispielsweise schon Larry Huras erfahren. Ein neuer Trainer will seine Ideen einbringen, doch die Spieler, die ohne ihn gesiegt haben, glauben, schon zu wissen, wie es funktioniert. Die Kunst ist es für den Coach, seinen Stil hineinzubringen, ohne die Mannschaft ihrer Stärken zu berauben. Das ist Aubin bisher nicht gelungen. Im krampfhaften Bemühen, die Lions auf Kurs zu bringen, drückt er zu viele Knöpfe. Das beste Beispiel dafür ist der Fall Fredrik Pettersson.

Der Schwede schoss die Zürcher letzte Saison mit seinen 26 Toren ins Playoff, wirkte lange Zeit als ihr einsamer Kämpfer. Diesen Winter ist er nach seiner Sperre aus dem Playoff-Final noch nicht in Schwung gekommen. Und was tut Aubin? Statt ihm Vertrauen und Stabilität zu geben, um ihm zu helfen, seine Form zu finden, lässt er ihn zuschauen – in drei der letzten vier Spiele war Pettersson überzählig. Am Samstag in Lugano durfte sich Verteidiger Noreau zum zweiten Mal anstelle von ihm als Flügel neben Cervenka versuchen. Noreau fuhr planlos auf dem Eis herum, das Experiment wurde bald abgebrochen und der Kanadier zurück in die Abwehr beordert.

«Pettersson platzt fast vor Ehrgeiz, ist auf Dauer kein Spieler für die Ersatzbank.»

Er habe mehr Optionen haben wollen, erklärte Aubin sein Coaching. Er treibt ein gefährliches Spiel. Natürlich muss bei fünf Ausländern jeder damit leben können, ab und zu auszusetzen. Aber einen Verteidiger auf Petterssons Position zu nominieren, ist ein Affront für den Schweden, dem man eines bestimmt nicht vorwerfen kann: Er bemühe sich zu wenig. Wenn er spielen durfte, drückte er den Stock so fest, dass man befürchten musste, er breche. Pettersson platzt fast vor Ehrgeiz, ist auf Dauer kein Spieler für die Ersatzbank.

Es ist nicht verkehrt, einem Meisterteam zu neuer Dynamik zu verhelfen. Und wenn es bisher Lichtblicke gab, dann waren es die Jungen Bachofner und Prassl, die sich grössere Rollen erkämpften. Aber wie Aubin am Samstag auch sagte: Die besten Spieler müssen die besten Spieler sein. Er braucht Pettersson, wenn er Erfolg haben will. Er schadet auch seiner Autorität mit Aktionen wie in Lugano. Vor allem, wenn sie fehlschlagen.

Die Kunst des Coachings

Ja, es ist erst Anfang November, und der Meister wird im April erkoren. Doch die ZSC Lions Version 2018/19 und ihr neuer Chef Serge Aubin stecken dieser Tage in einem wegweisenden Findungsprozess. Wie sagte der frühere American-Football-Coach Bobby Bowden so schön: «Coaching ist, wie einen Vogel in den Händen zu halten. Drückst du zu fest, erdrückst du ihn. Drückst du zu wenig, fliegt er weg.» Aubin drückt zu fest.

Erstellt: 04.11.2018, 22:42 Uhr

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