So kann der SC Bern das Blatt noch wenden

Der SC Bern tut sich gegen Servette erstaunlich schwer, weil er viel zu sehr versucht, das Spiel zu managen. Der EV Zug beeindruckt mit seinem Tempohockey, Lugano braucht frische Kräfte.

Aufgeblüht im rauen Klima: Berns Grégory Sciaroni.

Aufgeblüht im rauen Klima: Berns Grégory Sciaroni. Bild: Alessandro della Valle/Keystone

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Wieso haben die Topteams in der Schweiz so grosse Mühe, den Viertelfinal zu überstehen? Fast jedes Jahr stürzt ein Underdog einen Favoriten. Hat es damit zu tun, dass Inspiration im Playoff mindestens gleich wichtig ist wie Talent? Michael Jordan, der die Chicago Bulls zu sechs NBA-Titeln führte, pflegte zu sagen: «Talent gewinnt Spiele, Teamwork Meisterschaften.»

Einverstanden. Aber im Eishockey ist die physische Komponente noch viel ausgeprägter. Natürlich ist es schwierig, sich unter dem Basketballkorb durchzusetzen. Aber nirgends muss man so viel einstecken wie im Eishockey.

Die Berner haben bisher noch kein inspiriertes Playoff-Eishockey gespielt, aber schon viel einstecken müssen für ein 2:2 gegen Servette. Es ist eine Plackerei gegen die groben Genfer. Jeder Zentimeter Eis muss erobert und verteidigt werden.

Man sieht schnell, wer in diesem rauen Klima aufblüht. Sciaroni gefällt mir gut, seine Sturmkollegen Haas und Scherwey weniger. Die vierte Berner Linie mit Heim, Brügger und Grassi beginnt, eine wichtigere Rolle zu spielen.

Wie die ZSC Lions ist Lugano ein Team, das dringend renoviert werden muss. Oder verjüngt, um es auf den Punkt zu bringen.

Wenn man Chris McSorley an der Bande zuschaut, sieht man in seinen Augen, wie er bei seinen Spielern nach Inspiration lechzt. 17 Jahre ist er schon Headcoach, und so gerne würde er sein Erbe mit einem Meistertitel zementieren. Es ist verblüffend, wie viel er aus seinem Team herauspresst, das mehr Viert­linien-Spieler hat als jeder andere Playoff-Teilnehmer.

Die Genfer kamen mit Schwung ins Playoff gebraust, die Berner nicht. Das erklärt wohl, wieso sie sich so schwertun. Diese Schlacht – und es ist eine Schlacht – ist noch lange nicht geschlagen. Ich glaube, wir werden sieben Spiele sehen.

Inspiriertes Eishockey haben wir vom EV Zug zu sehen bekommen. Schon die ganze Saison. Die Spielweise von Dan Tangnes, der von seinen Spielern fordert, den Gegner die ganze Zeit mit Speed zu bedrängen, hat sich auch zum Playoff-Auftakt bewährt.

Lugano machte gegen die energiegeladenen Zuger einen müden Eindruck. Goalie Elvis Merzlikins war entnervt. Und als er in Spiel 3 seinen Stock auf der Latte in Stücke zertrümmerte, war das für mich ein Zeichen, dass Lugano und sein Coach Greg Ireland auf dem Weg nach draussen sind.

Wie die ZSC Lions ist Lugano ein Team, das dringend renoviert werden muss. Oder verjüngt, um es auf den Punkt zu bringen. Ältere, «talentierte» Spieler können nicht mehr den Unterschied machen in diesem modernen Eishockey. Sie brauchen den Puck, um effektiv zu sein. Aber sie bekommen keine Zeit, mit ihm etwas anzustellen. Spiel schnell oder verlier, ist das neue Mantra. Der EVZ gibt mit seinem rasanten Stil den Takt vor.

Der SCB hat das am besten besetzte Team, aber ob es die rasanten Zuger und die Zeit nochmals aufhalten kann?

Was kann Kari Jalonen tun, um bei seinem SCB das Blatt zu wenden? Wie ich schon oft betont habe, geht es im Playoff darum, den Gegner zu zermürben. Schon jetzt gibt es immer mehr Verletzte, und wer müde ist, ist noch anfälliger. Der SCB-Coach muss seine vierte Linie öfter aufs Eis schicken und seine erste nicht mehr so oft. Er hat mit Arcobello, Moser und Rüfenacht das beste Trio der Liga, aber auch diese drei können die Intensität nur hochhalten, wenn sie nicht zu sehr forciert werden.

Und Jalonens Plan, das Spiel zu managen, geht nicht auf. Dreimal nacheinander führte sein SCB nach 40 Minuten 2:0, dreimal zog sich sein Team in die neutrale Zone zurück, um den Vorsprung zu bewahren. Das ermöglichte den Genfern, bis zur roten Linie zu fahren, den Puck ins Berner Drittel zu schiessen und ihre bevorzugte Strategie anzuwenden: das Forechecking.

Natürlich gelangen ihnen in den Spielen 2 und 3 ein paar glückliche Tore. Aber das wäre nicht möglich gewesen, wenn die Berner 60 Minuten lang mit vier Linien durchgepowert hätten. Wenn sie sich entschliessen, das zu tun, wird die Serie am Donnerstag fertig sein.

Manchmal frage ich mich, was für ein Spass es sein muss, mit einer solch hohen Intensität zu spielen.

Wie schnell das Spiel dieser Tage hin und her ebbt, ist atemberaubend. Ich erinnere mich noch gut an den Berner Titelgewinn 2013, als Coach Antti Törmänen seinen Spielern kein Forechecking erlaubte, sie die neutrale Zone zumachen und kontern mussten. Es war furchtbar langweilig, aber effektiv. Mit Biel spielt Törmänen heute nicht mehr so.

Als Lars Leuenberger die Berner 2016 zum Titel führte, spielten sie so körperbetont und einschüchternd, wie ich das in der so neutralen Schweiz noch nie gesehen hatte. 2017 liess Jalonen ein bis ins letzte Detail ausgetüfteltes System spielen, dank dem die Berner das Geschehen kontrollierten. Sie siegten dank ihrem Talent. 2018 reichte das nicht mehr. Die ZSC Lions überwältigten sie mit ihrem Tempo und ihrem Druck. Werden wir dieses Jahr erneut eine Überraschung erleben?

Die Zuger haben den Meister­titel zu gewinnen, die Berner zu verlieren. Der SCB hat das am besten besetzte Team, aber ob es die rasanten Zuger und die Zeit nochmals aufhalten kann? Manchmal frage ich mich, was für ein Spass es sein muss, mit einer solch hohen Intensität zu spielen.

Zu meiner Zeit liessen wir zwar öfter unsere Fäuste sprechen, aber wir wurden nie mit dieser Wucht und Regelmässigkeit gecheckt wie die heutigen Spieler. Etwas hat sich aber nicht verändert: Inspiration schlägt fast immer Kontrolle. Jalonen sollte sich dessen bewusst sein. Und McSorley wird hoffen, dass es stimmt.

Erstellt: 19.03.2019, 17:26 Uhr

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