Nimm Pettersson in Überzahl vom Puck weg

Um den ersten der drei Matchpucks zu verwerten, muss der ZSC mutig und druckvoll spielen – aber auch Lugano hat Chancen.

Bye-bye, Glacéhandschuhe? Erstmals dieses Frühjahr kann der Meisterpokal heute in Spielerhände übergehen.

Bye-bye, Glacéhandschuhe? Erstmals dieses Frühjahr kann der Meisterpokal heute in Spielerhände übergehen. Bild: Pablo Gianinazzi/Keystone

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Welches Team der ZSC Lions werden wir heute in Lugano sehen? Dasjenige, das ein Gebäude erzittern lassen kann? Oder das passive und nervöse, das wir am Mittwoch im ersten Drittel sahen? Ich glaube, wir dachten alle, sie kommen geladen raus und würden auf den HC Lugano einprügeln. Aber dann geschah genau das Gegenteil. Der HCL ist genauso schwer zu lesen. Wir erwarteten ein Feuerwerk in Spiel 1, ein intensives Bemühen, um die Kontrolle in der Serie zu übernehmen. Wir bekamen einen zögerlichen, halbherzigen Auftritt zu sehen, und Zürich gewann 1:0. Deshalb stelle ich mir die Frage: Spielen beide Teams, um zu gewinnen – oder um nicht zu verlieren? Sollen wir also erneut das Unerwartete erwarten?

Es ist einfacher für ein Team, in die behagliche Umgebung des Hallenstadions zu kommen und physisches und einschüchterndes Hockey zu spielen – so wie Lugano in Spiel 4. Die Fans sind zu weit entfernt, um viel Einfluss zu nehmen. In der Resega ist das viel heisser. Die Fans sind ganz nahe bei den Spielern, und man sticht leicht in ein Wespennest. Vorsichtig formuliert, eine sehr unangenehme Erfahrung. Die Lions und Hans Kossmann müssen heute eine Wahl treffen: Entweder spielen sie weiter «ZSC-Hockey» (was sie gut können), oder sie spielen defensiv (was sie nicht gut können) und versuchen, die Fans aus dem Spiel zu halten. Was würden Sie machen?

Eigentlich haben sie keine Wahl. Die Lions sind viel stärker, wenn sie druckvoll spielen. Unentschlossenheit prägte ihr Spiel die ganze Saison, sie wussten nicht, wann sie Druck ausüben müssen und wann zurückbleiben. Jetzt ver­fügen sie über ein System, das die Stärken des HCL zunichtemachen kann, das ihrer Grösse und Geschwindigkeit angepasst ist und das Fehler provoziert – wenn sie sich dafür entscheiden. Ich glaube, Kossmann muss «all in» gehen, wie im Pokerspiel Texas Hold’em. Vom ersten Bully an. Er darf keine Kompromisse eingehen, und zum Teufel mit den Fans. Das Spiel wird auf dem Eis gewonnen, nicht daneben.

Kossmann muss Folgendes machen:

  • Dem Team Szenen aus Game 4 zeigen. Zum Beispiel Roman Wicks Mut, den Puck aufs Tor zu bringen; Chris Baltisbergers Versuch, den Puck unter Elvis Merzlikins herauszugraben, so wie ein Hund, der einen Knochen sucht; und Reto Schäppis Forechecking, das zu einem Turnover und dem Siegestor führte. Das ist ZSC-Hockey und muss bestätigt werden. Beim Fokus für das heutige Spiel sollte es kein Zaudern geben – Druck überall!
  • Das Buy-in holen. Die Spieler fragen, welchen Stil sie spielen wollen. Sie werden es ihm sagen.
  • Versuche nicht, pfiffig zu sein. Manchmal bekommen Coachs zu viel Selbstvertrauen und denken, sie ­können die Aufstellung oder Spielart verändern, um sich der Situation anzupassen. Mein Tipp? Setz auf Shore und Berni (oder Seger) und ein Spielsystem – und zieh es durch.
  • Nimm Fredrik Pettersson in Überzahl vom Puck weg. Er ist ein Schütze, kein Spielmacher. Alexander Owetschkin will den Puck nicht, bis kurz vor dem Schuss. So ist er viel gefährlicher.
  • Erhalte mehr Bewegung im Powerplay bei den einstudierten Spielzügen. Es ist zu statisch und zu einfach lesbar. Vor Merzlikins soll immer jemand stehen, der ihm die Sicht nimmt.
  • Er soll mit den Jungen reden, die das erste Mal in dieser Situation sind, und ihnen helfen. Dave Sutter liess am Mittwoch eine Sägemehlspur zurück, derart fest hielt er jeweils seinen Stock. Hilf ihnen, zu entspannen.

Ireland muss Folgendes anordnen:

In der Verlängerung am Mittwoch hat Greg Ireland die Taktik gewechselt und auf das Forechecking verzichtet. Sein Team blieb hoch in der neutralen Zone und wartete auf den entscheidenden Fehler von Zürich. Diesen begingen die Lions aber nie. Ein Zürcher Forechecking führte zu einem Turnover, und dann war das Spiel vorbei.

  • Einschüchterndes Hockey spielen lassen – besonders in der Resega.
  • Lugano darf sich nicht als ganzer Block zurückziehen – das lässt die Lions leicht in die offensive Zone kommen, in der sie am effektivsten sind.
  • Es ist wichtig, dass Merzlikins den Puck sieht. Wenn das der Fall ist, wird er ihn vermutlich auch halten.
  • Er muss den Spielern erklären, dass sie mit einem Sieg zu einem «Alles-oder-nichts-Spiel» in Zürich kommen. Sein Team spielt gut, er sollte es also ermutigen, sich nicht zu schonen – die Spieler sollen noch einmal alles auf dem Eis zurücklassen.

Für die Coachs ist es nun Zeit, die Spieler die Meisterschaft entscheiden zu lassen. Ich weiss noch gut, wie es 2004 beim Final Bern gegen Lugano war. Im letzten Spiel erzielte Lugano 30 Sekunden vor Spielende den ­Ausgleich und erzwang die Verlängerung. Es ist hart, noch einmal zurückzukommen, wenn man vorher schon eine Hand an der Champagnerflasche hatte. Aber habe ich in der Pause die Taktik gewechselt?

Nein, natürlich nicht. Ich habe nur meine Krawatte gerichtet und bin mit meiner zuversichtlichsten Körpersprache in die Garderobe gegangen. Ich sagte nur: «Jungs, ihr seid heute grossartig. Geht raus und spielt das Spiel!» Wieso? Man muss das Spiel spielen, um es zu gewinnen. Und für die mit einem mutlosen Herzen wird es ein langer Sommer.

Erstellt: 21.04.2018, 19:26 Uhr

Kent Ruhnke

Der 63-Jährige führte Biel (1983), den ZSC (2000) und Bern (2004) zum Titel. Das Playoff begleitet er für den TA mit seinen Kolumnen.

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