Timo Meiers Verwandlung bei den Sharks

Der Appenzeller ist derzeit der beste Schweizer Skorer in der NHL. Das war aber nicht immer so. Wie hat er das geschafft?

Timo Meier in Aktion gegen die Dallas Stars. Foto: Cody Glenn (Getty Images)

Timo Meier in Aktion gegen die Dallas Stars. Foto: Cody Glenn (Getty Images)

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Die Lockerheit: Sie half Timo Meier schon ein paar Tage vor dem Saisonstart Mitte September. Sein Team, die San Jose Sharks, sorgte für Schlagzeilen, verpflichtete von Ottawa Erik Karlsson, den besten Offensiv-Verteidiger überhaupt.

Wie der Deal ablief, war spannend – für Fans, Medien und Spieler, darunter auch Meier. Zunächst sickerte nur durch, dass Karlsson nach San Jose kommen, aber nicht, wer den umgekehrten Weg gehen würde. Bei einem vom Kaliber Karlssons war klar: Es würden mehrere sein. Das heisseste Gerücht: Timo Meier sei dabei.

Was wird so während eines NHL-Spiels geredet? Timo Meier mit Mikrofon.

Der Appenzeller hörte davon, als er in San Jose gerade zum Training aufs Eis ging, und dachte sich: «Ich bin jung, habe keine Familie, kein Haus, bin relativ offen für alles.» Als Meier eine Stunde später vom Eis kam, war klar, dass er nicht betroffen war. «Ich fand es schön, dass ich bleiben durfte», sagt Meier.

Sein Name war im Sommer wiederholt aufgetaucht in möglichen Deals, «und ja», sagt er, «wahrscheinlich war ich ein paarmal nahe dran, den Club verlassen zu müssen». Aus der Bahn geworfen hat Meier dies nicht.

Als wäre nichts geschehen

Denn drei Monate später scheint es unvorstellbar, dass die Sharks auch nur Gedanken daran verschwenden, Meier in irgendeinen Deal einzubauen. Er schiesst Tor um Tor, 18 sind es bereits, seit seiner Rückkehr Anfang Dezember nach einer Verletzungspause traf er in sieben Spielen fünfmal. In einem Spiel in Buffalo hatte er eine Gehirnerschütterung erlitten. Er kam zurück, als sei nichts geschehen, überraschte viele. Auch sich selbst?

Timo Meier und sein Schweizer WG-Kollege Vincent Praplan im «Ich oder Du?» (Video: Kristian Kapp)

Meier denkt nach und sagt: «Diese Art Verletzung ist nicht einfach, da willst du nichts anbrennen lassen.» Er habe mit den Ärzten daran gearbeitet, sich so wohl wie möglich zu fühlen bei der Rückkehr. «Ich machte schnelle Fortschritte, das Gefühl war entsprechend gut.» Es scheint, als könne Meier nichts verunsichern. Wechselgerüchte? Verletzungen? Egal.

Spezielle Vertragssituationen? Ebenfalls.

Meiers erster, für junge Spieler standardisierte NHL-Kontrakt läuft im Sommer aus, erstmals überhaupt wird er ins Feilschen um eine Salärerhöhung involviert sein. Wie gut er aktuell spielt, entscheidet darüber, ob er nächste Saison zwei, fünf oder gar über sechs Millionen US-Dollar verdienen wird. Das kann hemmen. Nicht Meier. Klar habe er das im Kopf, sagt er. «Ich will dennoch Spass haben. Und wenn ich der Mannschaft helfe zu gewinnen, dann wird der richtige Vertrag kommen, da bin ich zuversichtlich.»

Der Karlsson-Effekt

Meier hilft der Mannschaft, und wie! Aber die Mannschaft hilft auch Meier. Die San Jose Sharks, bereits ein etabliertes Spitzenteam, haben sich 2018 so gut verstärkt, dass die Erwartungen noch grösser geworden sind.

Ein seltenes Bild: Timo Meiers erster Faustkampf in einem NHL-Match, am 18. Dezember 2018 gegen Minnesota.

Und kamen die Sharks zu Beginn der Saison damit nicht immer klar, sind sie nun richtig ins Rollen geraten. «Alle müssen am selben Strick ziehen, das ist nicht immer einfach bei sehr viel Talent im Team», sagt Meier. Mittlerweile hätten sich die neuen Spieler ans Team gewöhnt: «Es gibt keine Ausreden mehr.»

Gerade die Integration Karlssons ist eine Herausforderung. Der Schwede spielt mit einer derart hohen Spielintelligenz, dass er für Gegner wie Mitspieler höchst unberechenbar ist. Auch Meier fand sich in Situationen wieder, als ihn Karlsson-Pässe wie aus dem Nichts überrumpelten, Pucks an ihm vorbeirauschten.

«Karlsson ist einer, der Sachen macht, die andere nicht können», sagt Meier. Er vergleicht ihn mit Joe Thornton, einem weiteren hochbegabten Mitspieler: «Wenn du mit solchen Spielern auf dem Eis stehst und sie den Puck führen, lernst du: Stock immer aufs Eis!» Meier hat sich als lernfähig gezeigt.

Kein Glaube an Glück und Pech

Lockerheit, Lernfähigkeit und, zuallererst, Selbstvertrauen. Dieses erwähnt Meier immer wieder, es ist quasi seine Religion: «Es spielt für mich nicht nur beim Toreschiessen eine Rolle. Es hilft mir sogar beim blossen Schlittschuhlaufen.»

Woran Meier nicht glaubt, sind Glück und Pech: «Ich weiss, welch grosses Opfer ich erbracht, welche Arbeit ich investiert habe. Und meine Persönlichkeit erlaubt es mir nie, mit mir zufrieden zu sein.» Selbst glückliche Abpraller, diese «lucky bounces», von denen er derzeit zweifellos profitiert, müssten erarbeitet werden, betont Meier.

Statistiker könnten das Gegenteil behaupten, auf den ersten Blick hätten sie recht: Gleich 17 Prozent von Meiers Schüssen landen bislang im Tor. Letzte Saison waren es noch 10, ein Durchschnittswert, im Jahr davor erschreckend tiefe 3,5.

Die These des Mitspielers

­Logan Couture, Linienkollege und einziger Sharks-Stürmer mit mehr Skorerpunkten als Meier, kennt den Grund: «Timo schoss früher von überall, auch von hinter der Torlinie, und zerstörte damit oft ganze Spielzüge. Heute weiss er, wie er Mitspieler besser nützen kann.» Meier stört diese These nicht: «Er hat recht!»

Eine plausible Erklärung hat der Schweizer aber parat: «Ich war damals in der vierten Linie, hatte keine Top-Spieler neben mir, kam auf acht bis neun Minuten Eiszeit. Ich wollte das Beste daraus machen, in jedem Shift ein Tor war schon damals mein Ziel. Ich forcierte darum zu vieles.»

Die Lockerheit war Meier noch fremd – welch Kontrast zu heute: «Heute spiele ich doppelt so viel, gehe bei jedem Einsatz mit lockeren Gedanken aufs Eis und weiss: Ich werde genug Chancen bekommen.»

Erstellt: 20.12.2018, 15:16 Uhr

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