Träumen von WM-Gold ist erlaubt

Zentimeter fehlten den Schweizern 2018 in Kopenhagen zum Weltmeistertitel. In Bratislava sind 15 Spieler aus jenem Team wieder dabei.

Nationaltrainer Patrick Fischer – gelingt nach dem silbernen Exploit diesmal auch die Bestätigung? Foto: Claudio Thomas (Freshfocus)

Nationaltrainer Patrick Fischer – gelingt nach dem silbernen Exploit diesmal auch die Bestätigung? Foto: Claudio Thomas (Freshfocus)

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Auch der Umgang mit Erfolg will gelernt sein. Als die Schweizer 2014 in Minsk als WM-Zweite antraten, stürzten sie ab. Sie fanden die Balance nie, kassierten zu viele Gegentore und landeten auf Rang 10. Es war das letzte Turnier unter Sean Simpson, der an sechs Weltmeisterschaften nur zweimal den Viertelfinal erreicht, aber mit der aktiveren, optimistischeren Spielweise den Weg in die Zukunft gewiesen hatte. Sein einstiger Assistent Patrick Fischer hat diesen fortgesetzt, und fünf Jahre später schickt er sich in Bratislava an, es im Jahr nach WM-Silber besser zu machen.

Die Vorzeichen stehen gut. Das Schweizer Eishockey ist nochmals deutlich breiter abgestützt als damals. So breit, dass es sich der Nationalcoach sogar leisten konnte, auf einen NHL-Stammspieler wie Denis Malgin zu verzichten, ohne dass es einem Journalisten eingefallen wäre, daraus eine Polemik zu basteln. Aus der Silberequipe von Kopenhagen sind 15 Spieler wieder dabei – man kennt und schätzt sich im Team. Dazu­gekommen sind vor allem zwei junge, spielerisch brillante Center aus Nordamerika, Nico Hischier und Philipp Kuraschew, deren Enthusiasmus ansteckend ist.

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Was das Offensivpotenzial betrifft, war wohl noch kein Schweizer Nationalteam so versiert wie dieses. Im Tor kann Fischer auf das bewährte Duo Genoni/Berra setzen. Die Verteidigung weist mit den NHL-Cracks Josi und Weber, Captain Diaz und dem Duo Loeffel/Genazzi viel Routine und Kreativität auf. Im Sturm sind die ersten drei Linien mit den Spielmachern Hischier, Kuraschew und Haas bestückt mit sehr viel Angriffsgeist. Wenn etwas fehlt, dann ein Powerflügel nordamerikanischen Zuschnitts wie Niederreiter oder Timo Meier. Die beiden Kraftpakete, die in Kopenhagen wichtige Rollen einnahmen, sind mit Carolina und San Jose noch in den NHL-Halbfinals engagiert.

Mit ihren Qualitäten sind die Schweizer ein Abbild des modernen Eishockeys, schnell und technisch versiert. Der nächste Schritt wäre für sie, diese so einzusetzen, dass sie die Nationen hinter ihnen beherrschen, auch einmal mehr als zwei, drei Tore schiessen. Der Zufall will es, dass für sie in der Gruppenphase zuerst die Pflicht kommt, ehe die Kür folgt. Sie spielen zuerst gegen Italien, Lettland, Österreich und Norwegen – die Nummern 19, 11, 17 und 9 der Weltrangliste. Dann folgen Schweden, Russland und Tschechien. Die zuletzt zweimal siegreichen Schweden sowie das russische Starensemble gelten als zwei der aussichtsreichsten Anwärter auf WM-Gold.

Es braucht etwas Magie für grosse Erfolge. Die entsteht bei den Schweizern nicht immer, aber immer öfter.

Wenn das Wort schon gefallen ist: Zu Gold fehlten den Schweizern in Kopenhangen nur ein paar Zentimeter. Wenn Kevin Fiala in der Overtime des Finals den Puck ein bisschen höher schiesst, trifft er nicht den Schoner von Goalie Anders Nilsson, sondern zum 3:2 ins Tor. Jenes Endspiel, in dem die Schweizer mit Schweden auf Augenhöhe spielten, zeigte, was möglich ist. Das sollte ein Ansporn sein. Träumen vom Weltmeistertitel ist erlaubt. Doch jedes Turnier beginnt wieder bei null, man muss sich alles wieder erarbeiten. Jedesmal wird eine ganze andere Geschichte geschrieben.

Stürmten die Schweizer 2013 in Stockholm mit neun Siegen in den Final, taten sie sich in Kopenhagen lange schwer, sicherten sich den Viertel­final-Einzug erst im letzten Gruppenspiel gegen Frankreich. Doch danach nahmen sie Schwung auf, besiegten Finnland und Kanada verdient. Inzwischen sind sie auf einem Niveau, dass sie an einem guten Tag jeden schlagen können. Und dass die Schweiz so klein ist, ist ein Vorteil punkto Teambuilding. «Wir haben immer einen guten Teamgeist», sagte Fischer jüngst. «Wir haben eine gute Erziehung im Land, eine gute Grundethik. Das hilft.»

Aber es braucht eine ganz spezielle Dynamik, etwas Magie, um grosse Erfolge zu feiern. Die entsteht bei den Schweizern nicht immer, aber immer öfter.

Erstellt: 10.05.2019, 23:47 Uhr

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