Und jetzt: Vollkontakt-Schach!

Mit dem SC Bern und dem EV Zug duellieren sich im Playoff-Final zwei ähnliche Trainer und Teams – beide stellen Kontrolle über alles. Doch wer ist inspirierter?

Bringen die Zuger mit Morant und Holden den Berner Topskorer Arcobello unter Kontrolle? Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Bringen die Zuger mit Morant und Holden den Berner Topskorer Arcobello unter Kontrolle? Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

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Das Schweizer Eishockey nähert sich dem Ende einer Ära. Chris McSorley musste in Genf einen Schritt zurück ­machen – von der Bank auf die Tribüne. Und bei Arno Del Curto frage ich mich, wie lange sein Körper diese Intensität und diesen Stress noch erträgt. Mit seiner unbändigen Leidenschaft hat er dem HCD viele schöne Erinnerungen und denkwürdige Siege beschert. Aber das Ablaufdatum seines 20-jährigen Spielsystems rückt näher. Gegen kompakte und gut bestückte Teams rächt es sich, dass seine Davoser zu oft zu weit voneinander entfernt stehen und zu viel Energie verpuffen, um den Puck zurückzuerobern.

McSorley und Del Curto haben die bissigsten und unterhaltsamsten Teams auf Schweizer Eis kreiert. Aber man braucht eine lange Bank und einen erfahrenen Goalie, um auf diese Weise den Titel zu gewinnen. Im diesjährigen Playoff fehlte beiden Coaches die Kaderbreite und die nötige Disziplin der Spieler. Niemand wird diese beiden Persönlichkeiten dereinst an der Bande ersetzen können – und niemand sollte es versuchen. Denn sie sind einzigartig. Wir werden wohl drei, vier Coaching-­Generationen abwarten müssen, um wieder jemanden zu sehen, der nur annähernd in die Fussstapfen von Chris und Arno treten kann.

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Dem EV Zug ist es mit taktischer ­Finesse und Talent gelungen, die Teams von McSorley und Del Curto zu entzaubern. Der grösste Brocken steht den Zugern aber noch bevor: der SCB. Obschon, wenn ich Kari Jalonen höre, wie er immer wieder vom «Prozess» spricht und davon, dass sein Team auf sein Spielsystem vertraue, erinnert mich das an einen Ausspruch von Mike Keenan: «Das Spielsystem ist wie ein Laternenpfahl für einen Betrunkenen. Es ist nur eine Stütze.» Was Keenan damit sagen wollte: Was Meisterteams ausmacht, sind primär die Inspiration und der Wille, sich aufzuopfern. Jalonen verfügt über ein Team von bärtigen, grauhaarigen Veteranen, die bereit sind, für den anderen einzustehen. Aber können sie auch die nötige ­Inspiration finden?

Diese Serie wird ein Genuss für Taktikfüchse – ein Vollkontakt-Schachspiel, in dem die Choreografie der beiden Antagonisten nur kurz durchbrochen werden wird durch den Austausch einiger gepflegter Faustschläge. Kein Coach wird in den Risikomodus gehen wie Del Curto. Zudem haben beide Teams starke Goalies als Absicherung. Apropos Goalies. Lassen Sie mich die Finalisten auf den verschiedenen Positionen vergleichen. Zugs Torhüter Tobias Stephan hat ein englisches Zitat auf seiner Maske: «You shall not pass», ich lasse dich nicht vorbei. Der Satz ist leicht religiös konnotiert – vor allem in meiner Muttersprache. Wahrscheinlich wird Stephan auch Unterstützung von oben brauchen, um sich die Berner Scharfschützen vom Leib zu halten.

«Leo» sagen sie bewundernd

Wenn die Berner Spieler von Leonardo Genoni reden, nennen sie ihn «Leo». Für mich ist das Ausdruck ihrer ­Bewunderung für ihn. Beide Goalies machen sich gross, geben den Schützen nicht viel Sicht aufs Netz. Und beide sind erfahren genug, um zu wissen, wie viel Verantwortung die Hockeygötter in ihre Hände gelegt haben. Genoni hat schon mehrmals gewonnen, Stephan würde seine Karriere gerne vergolden. Werden ihm die Gedanken daran helfen oder werden sie ihn bremsen? Alles in allem sehe ich keinen klaren Vorteil im Tor für eines der beiden Teams.

Der Ausspruch, ein Goalie könne nur so gut sein wie die Verteidigung, die vor ihm steht, trifft zu. Und das wird im Final nicht anders sein. Beide haben versierte und routinierte Verteidiger. Interessanterweise kommen in diesem Playoff beide ohne ausländische Abwehrspieler aus. Wahrscheinlich, weil sich Schweizer Spieler schwerer damit tun, Tore zu schiessen als zu verhindern.

Zugs Rafael Diaz ist ohnehin besser als jeder Ausländer, und Eric Blum und Ramon Untersander sind für mich das beste Verteidigerpaar. Timo Helbling kann bösartig sein und wird nicht ­zögern, seine Berner Ex-Kollegen mit dem Stock zu traktieren. Doch dank der Routiniers Beat Gerber und David Jobin, die schon oft gewonnen haben, sehe ich den SCB in der Abwehr leicht im Vorteil.

Im Sturm werden wir einige interessante Duelle erleben. Mark Arcobello und David McIntyre sind die Top-Goalgetter ihrer Teams. Arcobello hat den besseren Schuss, doch McIntyre kann von sich aus mehr kreieren. Arcobello hat mit Simon Moser und Thomas Rüfenacht zwei kräftige Kollegen an seiner Seite, die für ihn Platz schaffen, damit er seine Magie ausspielen kann.

Ebbett vs. Holden

Zugs Sven Senteler erinnert mich in vielem an Moser, er ist ein kräftiger Flügel, der nur schwer vom Puck zu trennen ist. Allerdings ist er etwas braver als Moser, der im ersten Halb­finalspiel mit Julien Vauclair den besten Mann des Gegners eliminierte.

Wer mir beim EVZ auch gefällt, ist der schwedische Hüne Carl Klingberg. Es könnte entscheidend sein, ob es den Bernern gelingt, ihn in Unterzahl, wenn er Genoni Schatten spenden wird, vom Tor wegzubringen. Zugs Captain Josh Holden ist mit dem Alter langsamer geworden, und sein Berner Gegenpart Andrew Ebbett ist vielseitiger. Es ist klug von Harold Kreis, dass er beim EVZ konsequent mit vier Linien durchspielt. Doch der SCB ist vorne kräftiger und böser und wird deshalb den Puck mehr kontrollieren. Vorteil Bern.

Und dann noch zu den Coaches: Ich erwarte nicht, dass ich bei meinem nächsten Trip nach Las Vegas einen von ihnen hinter der Bank des neuen NHL-Teams antreffen werde. Ihr ­Charakter wird auf dem Eis von ihren Teams fast perfekt widerspiegelt – ­alles dreht sich um Kontrolle. Zug hat gegen Davos bewiesen, dass es seine Taktik anpassen kann, der SCB spielt schon die ganze Saison gleich. Kari Jalonen verfügt über mehr Talent, Harold Kreis könnte das inspiriertere Team haben. Aber erwarten Sie keine spielerischen Feuerwerke. Beide Finalisten werden grundsolides, kontrolliertes, kompaktes Eishockey zeigen und Fehler brutal bestrafen.

Auch hinter der Bank ist kein Spektakel zu erwarten – oh, wie ich Chris und Arno bereits vermisse! Trotzdem: Geniessen Sie den Final. Der SCB wird ihn in sechs Spielen gewinnen.

Erstellt: 06.04.2017, 08:55 Uhr

Kent Ruhnke (64) führte Biel (1983), die ZSC Lions (2000) und Bern (2004) zum Meistertitel. Das Playoff begleitet er für den TA mit seinen Kolumnen.

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