Und plötzlich sitzt das Idol daneben

Die Schweizer Teenager Philipp Kuraschew und Janis Moser sind an der WM nicht nur dabei, sondern mittendrin. Ihr steiler Aufstieg ist ein Abbild des neuen Jugendstils im Welteishockey.

Verblüffende Youngster: Philipp Kuraschew und Janis Moser posieren nach dem perfekten WM-Start vor der schmucken Eishalle in Bratislava. (Bild: freshfocus/Andy Müller)

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Wie die meisten Teenager hat ­Janis Moser zu Hause in seinem Zimmer Poster seines Idols aufgehängt. Es seien sogar mehrere, sagte er schmunzelnd, alle von der gleichen Person: von Roman Josi, dem Schweizer Captain der Nashville Predators.

Und nun sitzt Moser in Bratislava in der Kabine ausgerechnet neben Josi, den er nur aus der fernen Traumwelt NHL kannte. «Er ist supercool, ruhig und angenehm, überhaupt nicht abgehoben, wie man vielleicht annehmen könnte», schwärmt der 18-Jährige. «Sehr bodenständig.» Das sind Geschichten, wie sie eine A-Weltmeisterschaft schreibt.

Im letzten Sommer war Moser ein talentierter Verteidiger, der gerade mal zwei Spiele in der National League gespielt hatte und hoffte, sich in der ersten Mannschaft des EHC Biel zu etablieren. Nun spielt er in der Slowakei mit und gegen die Besten der Welt.

«Wenn ich vor den Spielen Zeit habe, mir Gedanken zu machen, werde ich schon kurz nervös», sagt er. «Aber wenn es begonnen hat, bist du so fokussiert auf den Moment, dass das verfliegt.» Moser spielt an der Seite von Captain Raphael Diaz, seinem anderen Sitznachbarn in der Kabine, und dass er kaum auffällt, ist ein gutes Zeichen. Das heisst, dass er keine Fehler macht.

«Bringt sich nie in schwierige Situationen»

«Er spielt immer gleich, egal auf welchem Level», sagt Assistenzcoach Christian Wohlwend. «Egal, ob er für Biel spielt, an der U-20-WM oder nun im A-Nationalteam. Er hat eine solche Ruhe mit dem Puck, trifft smarte Entscheidungen. So bringt er sich nie in schwierige Situationen.»

Wohlwend war sein Coach an der Junioren-WM in Vancouver, wo die Schweizer im Viertelfinal die Schweden schlugen und auf Rang 4 landeten. Natürlich half es, dass er Moser so gut kannte. Und Philipp Kuraschew, an jenem Turnier der Schweizer Offensivleader, mit sechs Treffern sogar der beste Torschütze überhaupt – und nun in Bratislava der Center zwischen Gregory Hofmann und Lino Martschini.

Nur 3 Spiele gegen Männer

«Als Enzo Corvi in der Vorbereitung verletzt ausfiel, wussten wir, dass wir noch einen spielstarken Mittelstürmer brauchen», erzählt Wohlwend. «Da war es klar, dass wir Kuraschew anschauen müssen.» Und der 19-Jährige, der zuvor gerade mal drei Spiele gegen Männer absolviert hatte, bestand den Test. Der schweizerisch-russische Doppelbürger, der mit 16 ins kanadische Junioreneishockey wechselte, ist ein Spielmacher mit Abschlussqualitäten. «Sein letzter Pass und sein Schuss sind gefährlich», lobt ihn Wohlwend. «Er hat eine hohe Spielintelligenz.» In Bratislava steht er schon mit zwei Assists zu Buche.

Kuraschew ist acht Monate älter als Moser und wurde 2018 von Chicago mit der Nummer 120 gedraftet. Im März erhielt er, der an der U-20-WM für Aufsehen gesorgt hatte, nun einen Dreijahresvertrag bei den Blackhawks. Im nächsten Herbst würde er sich gerne aufdrängen für einen Platz im Team, das mit US-Stürmer Alex DeBrincat (21) schon einen Jungstar hat. Die WM ist für ihn ein idealer Zwischenschritt, um sich ans Männerhockey zu gewöhnen. «Es ist schon ein bisschen intensiver und härter hier», sagt er. «Aber ich habe dafür auch bessere Mitspieler. So hält sich das die Waage.»

Auch Moser träumt von der NHL, kann aber erst in diesem Juni gedraftet werden. Bis vor kurzem wurden ihm nur Aussenseiterchancen eingeräumt, doch seine WM-Nominierung dürfte seinen Kurs nach oben treiben. Er mache sich nicht gross Gedanken, ob hier Talentspäher auf der Tribüne sitzen würden, sagt der Bieler. «Die Scouts schauen dir immer zu. Und wenn du gut bist, bemerken sie dich irgendwann.»

Die Ernährung als Thema

Nicht nur auf dem Eis, auch daneben wirkt er schon recht abgeklärt. Und damit er künftig noch mehr Wucht aufs Eis bringt, arbeitet er mit einem Ernährungsberater zusammen. War er bei einer Körpergrösse von 1,83 Metern vor einem Jahr noch 66 Kilo, so sind es nun 72. «Die Ernährung ist ein grosses Thema bei mir», sagt er. «Es braucht einfach Zeit, aber ich werde gut unterstützt. Es kommt gut.»

Seine nähere Zukunft sieht der Verteidiger ohnehin noch in der Schweiz. Ein Wechsel ins ­kanadische Junioreneishockey ist für ihn, der die Sporthandelsschule besucht, kein Thema. «In Biel habe ich alles, was ich brauche», sagt er. «Meine Familie ist hier, das Umfeld ist ideal, die Infrastruktur auch.» Und im Finnen Antti Törmänen hat er beim EHC einen Trainer, der auf ihn setzt. Da wäre ja noch das Beispiel Josis, der erst mit 20 nach Übersee wechselte, dafür dann im Farmteam gleich eine Schlüsselrolle übernahm und im zweiten Jahr NHL-Stammspieler war.

Moser kam eher zufällig zum Eishockey, bei Kuraschew war der Weg vorgezeichnet. Sein Vater stammt aus Moskau, war ein erfolgreicher Spieler in der Sowjetunion und ist seit 20 Jahren ein gefragter Ausbildner in der Schweiz – bei Davos, Bern, den SCL Tigers und Rapperswil. ­Inzwischen ist er Headcoach beim EHC Chur in der Mysports-League. Und natürlich reist er auch nach Bratislava, um seinem Sohn zuzuschauen.

Zwei Teenager an einer A-WM, muss man sich da besonders um sie kümmern, ihnen gut zureden, sie beruhigen? Wohlwend lacht und schüttelt den Kopf. «Das ist ja das Verrückte», sagt er. «Die Jungen sind heute viel weiter, ­gehen in die NHL und schlagen gleich ein. Auch die unsrigen sind da nicht anders. Die haben es faustdick hinter den Ohren.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.05.2019, 17:23 Uhr

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