Unschweizerisch schweizerisch

Nationalcoach Patrick Fischer feilt an der Identität des Schweizer Eishockeys. Am Samstag steigt das Team in die WM in Bratislava – am Horizont ist die Heim-WM 2020.

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Patrick Fischer wurde medial nicht mit Fanfaren begrüsst, als er am 3. Dezember 2015 als erster einheimischer Eishockey-Nationaltrainer seit 18 Jahren und Simon Schenk vorgestellt wurde. «Die vierte Wahl» lautete die Überschrift in der «Neuen Zürcher Zeitung». «Ein mutiges und ein falsches Signal», urteilte die «Berner Zeitung». Der «Tages-Anzeiger» bezeichnete ­Fischers Ernennung als «grosses Risiko».

Dreieinhalb Jahre später darf man feststellen: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Fischer erstrahlt im silbernen Glanz der letztjährigen Weltmeisterschaft in Kopen­hagen. Die Swissness, die damals propagiert wurde, erscheint nun beinahe ­visionär. Und Fischer fasziniert auch ­viele, die sich sonst nicht fürs Eis­hockey interessieren.

Der 43-jährige Zuger ist lange genug dabei, um zu wissen, dass im Sport Erreichtes nichts garantiert für die Zukunft. Dass einen hinter der nächsten Ecke oft schon wieder ein Rückschlag erwartet. Doch etwas verschafft ihm WM-Silber sicher: mehr Zeit. Er sagt: «Wir wissen, dass man nicht von heute auf morgen das kreativere, offensivere Eishockey installieren kann, das uns vorschwebt. Dank dieser Medaille können wir weiterarbeiten. Sie war eine Bestätigung für unseren Weg.»

Dieser Weg, der ist ein unschweizerisch schweizerischer. Einer, der die eigenen Stärken betont, dazu beitragen soll, die eigene Hockey-Identität herauszubilden. Das ist ein grosser Schritt in einem Land, das in diesem Sport so lange von den ausländischen Entwicklungshelfern lebte. Ja immer noch lebt. Der schwedische Hockeylehrer John Slettvoll brachte in den Achtzigerjahren das Profitum in die Schweiz. Die Nordamerikaner rissen mit ihrer optimistischen Let’s-go-Mentalität mit. In der Ausbildung setzten Tschechen und Russen neue Massstäbe. ­Aktuell weht wieder eine nordländische Trainerwelle durch die höchste Liga.

«Ich wäre stolz, wenn wir in
20 Jahren sagen könnten: Das war der Start von etwas Grossem.»

Raeto Raffainer, Sportdirektor

«Identitätsfindung heisst, verstehen, wer wir sind», sagt der abtretende Nationalteamdirektor Raeto Raffainer. «Was macht unsere Spieler aus? Wie funktionieren sie am besten?» Arrivierte Hockeynationen wie Schweden, Kanada oder Finnland seien der Schweiz in diesem Prozess Jahrzehnte voraus. «Wir haben ihn erst vor ein paar Jahren angestossen. Ich wäre stolz, wenn wir in 20 Jahren sagen könnten: Damals begannen wir, auf heimisches Schaffen zu setzen. Das war der Start von etwas Grossem, vom wahren Schweizer Eis­hockey. Und heute spielen die Schweizer so, so und so.»

Eine Erkenntnis, ebenso simpel wie wichtig, ist für Raffainer die folgende: «Wir ­haben keine Chance, eine eigene Identität ­herauszubilden, wenn wir nicht eigene Leute im System haben – wie nun eben Patrick ­Fischer oder Christian Wohlwend. In Schweden und Finnland haben sie fast keine ausländischen Trainer und Funktionäre mehr.» Man könnte auch die NHL erwähnen. So gross dort der europäische Einfluss auf dem Eis auch ist, der letzte europäische NHL-Headcoach war Ivan Hlinka 2001 bei Pittsburgh.

Während einem bei Russen, Tschechen, Kanadiern oder Schweden gleich die Attribute in den Sinn kämen, die sie ausmachten, sei das Bild bei den Schweizern noch unscharf, sagt Fischer. «An diesem Bild arbeiten wir. Wir wollen unsere Stärken ausbauen: unsere Schnelligkeit und unsere Disziplin im System. Wir wussten immer, dass wir gute Läufer sind. Nun versuchen wir, das noch mehr auszuspielen, die Gegner stets unter Druck zu setzen. Offensiv wie ­defensiv.» Am besten gelungen sei dies an der WM 2017 in Paris – obschon der Viertelfinal gegen Schweden damals verloren ging.

«Unsere Identität, das ist Tempo und nochmals Tempo», gibt Roman Josi seinem Chef recht. «Und unsere jüngsten WM-Erfolge haben uns Vertrauen in unsere Fähigkeiten gegeben. Der Schweizer weiss nun, dass er auch gegen die Besten der Welt Grosses erreichen kann.»

«Unsere Identität, das ist Tempo und nochmals Tempo. Und unsere WM-Erfolge haben uns Vertrauen gegeben.»Roman Josi, Nashville-Captain 

Die NHL-Cracks hätten dabei eine wichtige Rolle gespielt, betont Fischer. «Sie sind Botschafter für das Schweizer Eishockey. Dank ihnen hat es einen höheren Stellenwert bekommen, wird uns mehr Respekt entgegengebracht, glaubt jeder mehr an sich. Das ist wie früher bei den Fussballern. Chapuisat ging ins Ausland, dann viele andere, und das Nationalteam wurde immer besser. Das hilft jedem Spieler.»

Ein Ausdruck des gestiegenen Vertrauens in die eigenen Fähigkeiten ist auch der Hashtag #swissmadehockey, der vom Verband im vergangenen August auf den sozialen Medien lanciert wurde. Swiss made ist ein Gütesiegel, und das soll es auch im Eishockey werden. Geplant ist, dass es vor allem in der Ausbildung zu einem Begriff werden soll. Der Filmemacher Riccardo Signorell, selbst ehemaliger NLA-Spieler, drehte dazu Videos mit den Schweizer NHL-Cracks. Er sagt: «Wir wollen ihr Know-how abbilden, sie sollen Aushängeschilder dafür werden, was Swiss made Hockey bedeutet.»

Auf der Ebene des A-Nationalteams ist die Vorgabe klar: Die Schweizer sollen aktiv, kreativ auftreten. So sagt Raffainer: «Wenn wir lernen, auch gegen grosse Nationen mit dem Puck mutig zu spielen, wenn wir ­keine Angst haben, etwas zu kreieren, wird uns das über die Zeit einen Vorteil einbringen gegenüber Nationen wie Deutschland, Norwegen oder die Slowakei, die ­momentan noch auf Augenhöhe sind. Weil wir spielerisch mehr Lösungen ­haben. Diese Spiel­weise hat uns jüngst schon eine WM-­Silbermedaille und einen U-20-Halbfinal eingetragen.»

Zudem hat es Fischer geschafft, das Nationalteam wieder auf­zuwerten. Dabei ist die Heim-WM 2020 in Zürich und Lausanne ein wichtiger Baustein.Ab der Saison 2016/17 kommunizierte er, dass er keine fadenscheinigen Absagen mehr akzeptiere. Sonst sei die Tür zu bis und mit 2020. Getroffen hat es beispielsweise Denis Malgin, der ­pikiert reagierte und sich auf den sozialen ­Medien beschwerte. ­Damit bestätigte er Fischer, der propagiert: «Es soll wieder einen Wert haben, im Nationalteam ­dabei zu sein.» Ab Samstag in Bratislava und in einem Jahr vor der eigenen Haustür.

Erstellt: 08.05.2019, 14:37 Uhr

Ticketverkauf für 2020 eröffnet

Exakt ein Jahr vor Start der Heim-WM am 8. Mai 2020 ist der Ticketverkauf eröffnet. Ab heute sind Packages für alle Spiele in Zürich oder Lausanne und ­Packages für die Vor- oder Finalrunde erhältlich. Tagestickets gelangen ab September in den Verkauf, ab Februar sind dann auch Einzelspieltickets erhältlich. Der genaue Spielplan wird voraussichtlich Ende August kommuniziert. Fest steht schon, dass die Schweizer alle ihre Spiele im ­Hallenstadion austragen werden.

2020.iihfworlds.com

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