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«Unsere Seele verkaufe ich nicht»

René Fasel brachte die NHL nach Olympia – nun droht er sie wieder zu verlieren. Der Präsident des Eishockey-Weltverbands wirft der Profiliga in Übersee Profitgier vor.

«Nach 26 Jahren habe ich das Recht und die Pflicht zu gehen.» René Fasel will 2020 abtreten.
«Nach 26 Jahren habe ich das Recht und die Pflicht zu gehen.» René Fasel will 2020 abtreten.
Keystone

Wären Sie gerne Präsident der Fifa statt des Internationalen Eishockeyverbands?

Sie sind nicht die Ersten, die mich das fragen. Nein, Eishockey ist mein Sport. Und Präsident der Fifa oder der International Ice Hockey Federation zu sein, sind zwei ganz unterschiedliche Aufgaben. Die Fifa hat 211 Nationalverbände, wir 77. Bei uns ist die kulturelle Vielfalt nicht so gross. Wir haben keine Südamerikaner, keine Afrikaner. Ich war zwei-, dreimal an einem Fifa-Kongress. Sepp Blatter machte das blendend. Er beherrscht viele Sprachen, hat Charme und diplomatischen Touch. Er schaffte es, die unterschiedlichen Kulturen durch den Fussball zu verbinden. Das ist sicher eine spannende Aufgabe. Aber ich bin sehr, sehr happy mit meinen Eishockeyanern.

Einen Vorteil hätte es für Sie, Fifa-Präsident zu sein. Dann hätten Sie keine Liga, die Ihnen Bedingungen diktiert wie die NHL bei den Verhandlungen um Olympia.

Was soll ich dazu sagen? Die NHL ist ein riesiges Business, macht vier Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr. Davon sind wir weit entfernt.

Sie brachten die NHL-Cracks 1998 auf die olympische Bühne. Schmerzt es Sie besonders, dass die Spiele in Pyeongchang ohne NHL-Beteiligung stattfinden dürfte?

Ich weiss noch, wie ich 1992 gebannt vor dem Fernseher sass, als das Dream Team der NBA-Basketballer in Barcelona zauberte. Mit Magic Johnson, Michael Jordan. Wunderbar! Danach sagte Juan Antonio Samaranch, der damalige IOK-Präsident, zu mir, ich solle die NHL-Spieler nach Olympia bringen. Das schafften wir. Und solange eine Chance besteht, die NHL umzustimmen, werden wir unsere Türe so weit wie möglich offenhalten.

War die Olympia-Absage der NHL vor einem guten Monat ein Bluff? Oder ernst gemeint?

Wahrscheinlich wollte sie bluffen, und dann ging es in die falsche Richtung. Wie gesagt: Wir sind immer noch dran. Ich bin in Diskussionen mit dem IOK, um unsere Offerte anzupassen. Das Problem ist, dass Gary Bettman, der NHL Commissioner, etwas Unrealistisches verlangt. Er fordert für die NHL die gleichen Rechte wie ein Topsponsor, der 100 Millionen Dollar bezahlt. Er will die olympischen Ringe für die NHL gebrauchen. Wenn das IOK dazu Ja sagt, was machen wir mit der Leichtathletik, dem Schwimmen, Turnen, Skifahren, Eiskunstlaufen? Dann müssten wir allen grossen Sportverbänden diese Rechte zugestehen. Zudem geht es auch ums Prinzip.

Inwiefern?

Wir sind es, die an Olympia auftreten, die Welt-Hockeyfamilie. Nicht eine Profiliga aus Nordamerika. Ich habe hier auch noch etwas zu sagen. Ich werde unsere Seele nicht verkaufen. Sie ist das Einzige, was wir haben. Ich bin bereit, über den Atlantik zu schwimmen, wenn es sein muss. Aber es gibt eine Grenze, die ich nicht überschreite. Und wenn die NHL entscheidet, nicht zu kommen, dann ist es halt so. Es ging vorher auch ohne die NHL. Der Final 1994 in Lillehammer, Schweden gegen Kanada, mit Forsbergs Penalty, war auch denkwürdig. Eishockey hat den grossen Vorteil, dass es nicht von der Qualität der Spieler lebt, sondern von den Emotionen. Man kann auch am Sonntagabend ein Zweitligaspiel schauen, und da geht ebenfalls einiges ab.

Bis wann können Sie die Türe offen halten für die NHL?

Das Problem ist, dass die NHL stets eine grosse Anzahl Gäste mitnimmt. In Vancouver hatten wir zwischen 600 und 800. In Sotschi über 400. In Südkorea wären es ähnlich viele. Und in Gangneung hat es nicht Hotels à discrétion. Wir können diese Kapazitäten nur noch bis Ende Juni, spätestens Mitte Juli freisperren. Bettman pokert hoch. Dabei riskiert er aber auch den nächsten NHL-Lockout im September 2020.

War die Weigerung des IOK, sich auch für Pyeongchang an den Reise-, Hotel- und Versicherungskosten zu beteiligen, nicht ein schlechtes Signal an die NHL?

Natürlich war es das. Und Bettman nützte es aus. Er sprach von fehlendem Respekt. Das war der Anfang der Probleme. Dabei sagte ich ihm immer: Es soll nicht am Geld scheitern. Wir haben ja nun die elf Millionen Dollar gefunden, indem wir die Ausgaben etwas reduzierten, Reserven anzapfen. Klar geht ein gewisser Teil des Geldes verloren, der sonst in die Entwicklung des Eishockeys geflossen wäre. Aber es trägt auch zur Entwicklung dieses Sports bei, wenn die besten Spieler an Olympia mitspielen. Rein von der Strahlkraft her.

Sie galten 2013 bei den Wahlen des IOK-Präsidenten nicht als Unterstützer von Thomas Bach. War die Streichung dieser Gelder seine Retourkutsche?

Dazu gebe ich lieber keinen Kommentar ab. Bach wird sicher sagen, es sei keine Retourkutsche gewesen. Aber ich habe ihm wie auch Generaldirektor Christophe de Kepper gesagt: Das IOK kann sich in Zukunft vor den technischen Kosten nicht drücken. Ich denke da auch an Golf, das in Rio ja einen guten Erfolg hatte. An den Basketball. Oder ans Baseball, das in Tokio 2020 dabei sein wird. Bei uns sind die Kosten einfach höher, weil wir pro Team 25 Spieler haben. Das IOK ist an einem Scheideweg. Es muss sich entscheiden, wohin es will. Wenn es Stars und Profis will, muss es dafür die Kosten übernehmen. Die technischen Kosten, wohlgemerkt. Ich bin dagegen, dass man die Athleten bezahlt. Aber die technischen Kosten schon, für die Reisen, Hotels, Versicherungen. Zumal die vergleichsweise tief sind.

In Zahlen ausgedrückt?

Das IOK nimmt an Winter- und Sommerspielen gut sechs Milliarden ein. Die technischen Kosten in den diversen Sportarten würden etwa 100 Millionen betragen.

Sie stehen in dieser Diskussion zwischen den Fronten.

Ich trage einfach zwei Hüte. Auf der einen Seite bin ich IOK-Mitglied, auf der anderen IIHF-Präsident. Ich bin ein grosser Unterstützer der olympischen Bewegung. Der Gedanke fasziniert mich: Leute zusammenbringen, Sport, De Coubertin. Das grosse Problem der olympischen Bewegung ist, dass man die Übersicht verloren hat. Es geht nicht mehr um den Sport, es wird nur noch über Korruption gesprochen, über Doping, über Geld. Diese Bewegung kann in sehr grosse Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich nicht wieder auf ihre Wurzeln besinnt. Aber nochmals: Wir von der IIHF haben unsere Hausaufgaben gemacht, wir haben das fehlende Geld aufgetrieben. So gesehen hat sich für die NHL nichts verändert.

Alexander Owetschkin hat angekündigt, dass er in Pyeongchang spielen wird, auch wenn ihm die NHL keine Freigabe erteilt. Würde ihn der internationale Verband spielen lassen?

Wenn Owetschkin an Olympia spielen will und von seinem nationalen Komitee eingeschrieben wird, hat er das Recht, in Pyeongchang dabei zu sein. Kein Problem. Er muss einfach einen Pass haben und gemeldet werden. Voilà.

Das heisst, Sie würden seine Teilnahme nicht verhindern?

Aber sicher nicht. Jeder ist willkommen! Es gibt ein paar juristische Hürden, aber das klären wir ab. Gewisse Parameter müssen erfüllt sein, etwa punkto Antidoping.

Die NHL wird dagegen vorzugehen wissen, dass ihre Spieler abwandern. Nicht?

Das kann schon sein. Schauen Sie: Wir haben gegenüber der NHL absolut kein Druckmittel. Früher war es einfacher, als es noch die Sowjetunion gab und wir wenigstens die besten Sowjets und Tschechoslowaken an Olympia hatten. Heute hat die NHL einfach die besten Spieler der Welt. So wie Europa die besten Fussballer hat. Jeder Fussballer, der heraussticht, landet einmal bei Barcelona, Real Madrid, Bayern München oder in England. Weil er da am meisten verdient. Bei uns träumt jeder Bub von der NHL. Aber man muss den Jungen vor Augen halten, dass es von 10 000 nur einer schafft. Einer. Es braucht viel, um diesen Traum zu realisieren. Unheimlich viel Talent und auch Glück, damit man in einem Club landet, in dem auf einen gesetzt wird. Von den 60 bis 70 Spielern, die wir jährlich verlieren, bestehen nur 10 in der NHL. Und es ist schwierig, danach zu Hause wieder Fuss zu fassen, wenn man es nicht geschafft hat. Man kommt als Verlierer zurück. Ich sage Bettman immer: Wir sind Sport, ihr seid Business. Natürlich verdienen die NHL-Cracks gut. Aber sie werden auch ausgepresst. NHL gleich No Home Life, man ist immer unterwegs.

Ist die NHL also eher ein Fluch als ein Segen fürs Eishockey?

So weit würde ich nicht gehen. Die NHL gehört zum Eishockey, wird immer das Mass aller Dinge bleiben. Aber was ich am meisten bedaure, ist, dass wir nicht Hand in Hand arbeiten können. Zum Beispiel in Asien.

Wie würden Sie sich das vorstellen?

Wenn wir zusammen ein Zehnjahres-Projekt aufstellen würden, könnten wir da unheimlich viel bewirken. Die Marke NHL ist sexy. Sie ist frisch, amerikanisch. Die Chinesen haben das gerne. Man sah ja, wie gut die NBA ankam in China. Und auch Südkorea ist nach Amerika ausgerichtet. Die NHL sollte doch nach Pyeongchang kommen und dann 2022 nach Peking, und wir könnten uns um die Basisarbeit kümmern. Um die Ausbildung der Coaches, der Spieler, der Schiedsrichter, um die Infrastruktur. Der chinesische Präsident Xi Jinping will 300 Millionen Wintersportler. Wenn nur ein Prozent davon Eishockey spielt, wären das drei Millionen. Also mehr, als wir auf der ganzen Welt lizenzierte Spieler haben. Unglaublich!

Aber wäre das für die NHL profitabel?

Das ist ja genau das Problem! Man muss zuerst Geld investieren, bevor etwas zurückkommt. Wenn die NHL nicht bereit ist, etwas zu tun, damit danach Millionen von Leuten ein Jersey der Montreal Canadiens kaufen, verstehe ich das nicht. Man kann doch nicht nur den unmittelbaren Profit vor Augen haben. Die NHL wählte nun ihren eigenen Weg, veranstaltet Vorsaisonspiele in Peking und Shanghai. Davon wussten wir nichts. Wenn Sie mich fragen, ob die NHL nach Peking kommen dürfe, wenn sie nicht nach Pyeongchang kommt, sage ich ganz klar: Nein!

Ist das jetzt nicht eine Trotzreaktion?

Ich kann doch jetzt nicht sagen: «Kein Problem, kommt nicht nach Pyeongchang. Ihr könnt dann ja in Peking wieder dabei sein.» Das kann ich nicht! Es ist einfach bedauerlich, dass wir unsere Synergien nicht nutzen. Mir liegt die Entwicklung des Eishockeys in Asien sehr am Herzen. Allein in der Region Peking gibt es Tausende, die in mehreren hundert Mannschaften auf Natureis spielen. In den nächsten Jahren wollen sie tausend Eisbahnen bauen, hat mir der Sportminister gesagt. Und so, wie ich die Chinesen kenne, geht das schnell, sobald das grüne Licht der Regierung kommt. Dann braucht es die Ausrüstung, die Trainer, die Zeitnehmer etc. Diese Ausbildung kann nicht einfach die IIHF übernehmen, dazu brauchen wir die Landesverbände. Denkanadischen, den finnischen, den tschechischen. Es ist eine unwahrscheinlich schöne, spannende Aufgabe. Dass man da von Grund auf etwas aufbauen kann. Ich bin ganz begeistert. Aber es ist schade, dass man die NHL nicht einspannen, ihren Brand nicht nutzen kann.Eishockey zu betreiben, ist relativ teuer. Wäre es in China eher ein Sport der Eliten oder der Massen?Die Preise kommen mit der Masse automatisch herunter. Die Chinesen produzieren ja wahrscheinlich schon jetzt 90 Prozent aller Materialien im Eishockey für westliche Marken. Dann können sie die Schlittschuhe und Stöcke auch gleich selber herstellen. Und wenn man Produktionszahlen in Millionenhöhe erreicht, werden die Preise fast irrelevant. Dann wird Eishockey erschwinglich.

Sie sind bis 2020 in Ihrem Amt bestätigt – und dann 26 Jahre IIHF-Präsident. Hätten Sie sich das 1994 vorstellen können?

Als ich mit 35 Präsident des Schweizer Verbandes war, regte ich mich immer darüber auf, wenn die alten Herren auf ihren Stühlen im Council sassen. Jetzt bin ich einer von denen. 2020 werde ich 70 sein, ich könnte also noch einmal antreten. Aber nach 26 Jahren habe ich das Recht und die Pflicht zu gehen.

Worauf sind Sie am meisten stolz? Vielleicht auf die Atmosphäre in unserer Hockeyfamilie. Am Kongress kann jeder reden, aufstehen, Fragen stellen. Wie in jeder Familie kommt es auch bei uns zu Auseinandersetzungen, aber es herrscht eine gute Gesprächskultur. Zudem bin ich stolz darauf, wo wir heute mit dem Sport stehen. Als ich kam, hatten wir 40 Verbände, heute sind es 77. In Europa kann es nur unser Ziel sein, nach dem Fussball die Nummer 2 der Mannschaftssportarten zu sein. Diesbezüglich stehen wir heute gut da.

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