Vom Pläuschler zum Olympiastarter

2010 spielte Enzo Corvi 2.-Liga-Eishockey, 2018 reist er mit dem Nationalteam nach Pyeongchang.

Der Davoser Enzo Corvi feiert seinen Siegestreffer in Lausanne.

Der Davoser Enzo Corvi feiert seinen Siegestreffer in Lausanne. Bild: Valentin Flauraud/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist Dienstag und rund 24 Stunden her, seit Nationaltrainer Patrick Fischer sein Olympiaaufgebot öffentlich gemacht hat. Doch Hektik herrscht in Davos nicht deswegen.

Ein Teil des Stadions wurde durch das Militär in Beschlag genommen – einmal jährlich, während des WEF, ist das Normalität für die Spieler des lokalen Eishockeyclubs. Und heftiger Schneefall der letzten Tage hat im Kurort ausgerechnet kurz vor dem Besuch Donald Trumps für noch mehr Aufregung als üblich gesorgt.

Es ist der erste schöne Tag seit langem, die Sonne scheint in ihrer vollen Pracht auf Davos. Sie hat aber auch dafür gesorgt, dass vom Dach der Vaillant Arena mehrere riesige weisse Brocken heruntergerutscht sind.

Enzo Corvi kämpft sich zwischen Absperrgittern, Stacheldraht und Schneemassen hindurch Richtung Davoser Promenade, die Augen feucht, so sehr blendet es den Stürmer.

Es könnten auch Freudentränen sein, denn seit einem Tag ist es offiziell: Corvi ist Olympiateilnehmer. «Als mir das Patrick Fischer mitteilte, musste ich kurz durchatmen», sagt er. «Danach hatte ich es realisiert. Der Traum eines jeden Eishockeyspielers geht in Erfüllung.»

Vancouver 2010: Spiele gegen Dielsdorf-Niederhasli

Manchmal schreibt der Sport ­Geschichten, die – wären sie erfunden – als zu schön abgestempelt würden, zu kitschig. Corvis Olympiastory ist so eine. Als er am 25. Februar 2010 in Chur aufsteht, kreisen seine Gedanken ums Eishockey.

Es geht aber nicht um die Nationalmannschaft, die in der Nacht in Vancouver ihren Viertelfinal des olympischen Turniers nach heroischer Defensivschlacht gegen die späteren Finalisten, die mit lauter NHL-Stars antretenden USA, 0:2 verloren hat.

Corvi, 17-jähriger Hobbyhockeyaner, freut sich auf eine Reise nach Luzern und seinen eigenen Viertelfinal: 2.-Liga-Playoff steht auf dem Programm, immerhin 480 Leute sehen an diesem Abend, wie Corvi einen Assist zum 5:2-Sieg des EHC Chur beisteuert.

Selbst sein Land an Winterspielen repräsentieren zu können, davon träumt er in Luzern nicht. «Ich dachte ­damals nicht mal daran, irgendwann überhaupt in der NLA zu spielen», erzählt Corvi. Er denkt schmunzelnd an diese Zeit zurück, als die Gegner eben Luzern oder Wallisellen und Dielsdorf-Nieder­hasli hiessen.

Nein, gegen die Bezeichnung «Hobbyhockeyaner» habe er nichts, sagt Corvi. «Damals in der 2. Liga konnte man das schon so nennen. Ich war auf Chur fixiert, wollte dort Spass haben, ‹pläuschlen› halt.» Nebenbei steckte Corvi in der Lehre zum Heizungsinstallateur.

Er hätte auch bereits längst mit dem Davoser Nachwuchs spielen können. Doch als er mit seinem guten Churer Kollegen Nino Niederreiter zu einem Probetraining eingeladen worden war, entschied sich nur der heutige NHL-Spieler, oben zu bleiben. Corvi verzichtete: «Ich dachte, ich sollte besser die Lehre abschliessen, man weiss ja nie, was passiert.»

Sotschi 2014: Der riesige Trainingsrückstand

2014 spielt die Schweizer Nationalmannschaft in Sotschi, Corvi immerhin in Davos seine erste volle Saison in der höchsten Liga. Dass er zwei Jahre zuvor doch noch den Weg zum HCD gefunden hat, ist Zufall.

Er war Erstligist in Chur, spielte im selben Team wie Arno Del Curtos Sohn Yannick. Der erzählte seinem Vater von einem Stürmer, den er sich unbedingt genauer anschauen müsse – eine Episode als totaler Kontrast zu modernen Scouting-Geschichten.

«Natürlich bereue ich es, nicht schon früher nach Davos gewechselt zu haben», sagt Corvi heute. «Andererseits kann ich nun auch sagen: Ich habe es trotzdem geschafft. Einfach auf Umwegen.»

Die Umwege sind beschwerlich. Nachdem er Chur doch noch verlassen hat, bekommt er neben dem Eis von alten Kollegen auch Neid zu spüren, was er aber als «nicht weiter schlimm» und «normal» wegwischt.

Härter trifft ihn auf NLA-Level der immense Trainingsrückstand. Mehrere Jahre «Hobbysport», gerade in einer für Athleten wichtigen Entwicklungsphase, haben Spuren hinterlassen.

Das Ziel Olympische Spiele ist aber erstmals präsent, wenn auch ganz weit weg: «Der Trainer sagte mir: Wenn ich hart an Kraft und Ausdauer arbeiten würde, werde ich ­irgendwann mit der Schweiz an die grossen Turniere fahren.»

Pyeongchang 2018: Hoffen auf eine Medaille

Heute ist Corvi Stammspieler beim HC Davos, und weil Perttu Lindgren die ganze Saison verpasst, ist der Churer zu Del Curtos wichtigstem Mittelstürmer aufgestiegen. Nun wird Pyeongchang 2018 zu seinem ersten grossen Turnier überhaupt. Erst sechs Testspiele stehen in Corvis kurzem internationalen Palmarès.

Zuletzt war er im November am Karjala Cup in Finnland dabei – und war enttäuscht: «Ich konnte mein Spiel überhaupt nicht durchziehen. Ich bin einer, der kreativ ist, auch mal Dinge riskiert. Aber an jenem Turnier kam es mir vor, als spielte da nicht ich, sondern jemand anders.»

Kreativ, mutig, spielfreudig – Corvis Aufgebot mag auch überraschen, er steht aber für die neue Schweizer Generation, jene, die auch Fischer vorschwebt. Und Corvi denkt und spricht im Sinne des Nationaltrainers: «Ich will auf ­hohem Niveau spielen, Verantwortung übernehmen, kreieren. Und ich hoffe auf eine Medaille.»

Erstellt: 28.01.2018, 10:08 Uhr

Artikel zum Thema

Wie das Schweizer Eishockey-Olympiateam ausgewählt wurde

Advanced Stats werden im Eishockey immer präsenter. Beim Schweizer Verband spielten sie bei der Selektion des Olympiakaders eine wichtige Rolle. Mehr...

Kreative Verteidiger, junge Stürmer

Das Olympiaaufgebot Patrick Fischers beinhaltet einige Überraschungen – das zeichnet die 25 Nominierten aus. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Geldblog Warum Selbstständige den Lohn versichern sollten

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...