Wecke nie einen schlafenden Bären

Naht das Ende der Top 4? Nicht so schnell! Die Herausforderer aus Biel könnten es noch teuer bezahlen, dass sie den SC Bern zurück in die Halbfinalserie gelassen haben.

Was macht ein Finne gegen einen Finnen? Lässt er noch finnischer spielen? Biel mit Trainer Antti Törmänen ist gefordert. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Was macht ein Finne gegen einen Finnen? Lässt er noch finnischer spielen? Biel mit Trainer Antti Törmänen ist gefordert. Foto: Anthony Anex (Keystone)

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Wir alle dachten, die Hegemonie der Top 4 sei endlich vorbei. Zürich, Lugano und Davos haben schon versagt, es hängt nun alles an den Bernern. Und sie hingen anfangs in den Seilen beim Versuch, aufrecht zu bleiben gegen die jungen Emporkömmlinge aus Biel, die erbarmungslos auf sie einprügelten. Aber dann wachte der SCB auf. Wir pflegen in Kanada zu sagen: «Wecke nie einen schlafenden Bären!» Vielleicht hatten sich dies die Bieler auch gesagt, als sie sich am Samstag in die Postfinance-Arena schlichen, um den Sieg zu stehlen. Doch das geht im heutigen Playoff-Eishockey nicht mehr. Und die Bieler könnten dafür teuer bezahlen.

Mit einem dominanten Auftritt putzten die Berner das Eis mit einem Bieler Team, das auf mich den Eindruck machte, als sei es ziemlich zufrieden mit sich und seiner 2:0-Führung. Es war der klassische Fall eines Herausforderers, der noch lernen muss, wie man Feuerproben besteht. Die Bieler warteten ab, um zu schauen, was der Abend bringen könnte. Sie diktierten nicht mehr den Stil und das Tempo des Spiels – das 2:6 war die logische Folge.

Speed und genaue Pässe

Beim Verfolgen der Halbfinals kriecht eine Frage in meinen Kopf: Was tut ein Finne, um einen anderen Finnen zu schlagen? Noch finnischer ­spielen lassen? Kari Jalonen ­duelliert sich mit seinem Vor-Vorgänger beim SCB, Antti Törmänen. Und Jalonens früherer Lehrling, pardon Assistent, führt Lausanne im anderen Halbfinal. Den EVZ ausgenommen, spielen alle Teams nun finnisch. Verstehen Sie mich nicht falsch. Nicht, dass es kein gutes Eishockey wäre. Taktisch ist es sogar wunderbar. Aber es verschreibt sich dem destruktiven Spiel. Setze den Puckführenden unter Druck, mache jeden Check fertig, gewinne die Hoheit vor dem Tor – um jeden Preis. Aber wenn diese drei Teams sehen, dass sie keinen Druck ausüben können, ziehen sie sich in die neutrale Zone zurück und zwingen ihre Gegner dazu, sich durch die Mitte zu schlängeln und den Puck reinzuschiessen. Wie früher haben die nordländischen Coaches einen Weg gefunden, die individuellen Fähigkeiten der gegnerischen Spieler zu neutralisieren.

Manchmal sehen wir trotzdem wundervolles Eishockey. Wie die Bieler zu Beginn von Spiel 2 am Donnerstag ihren 3-gegen-2-Konter ausführten, war etwas vom Besten, was ich in der Schweiz gesehen habe. Es war eine Kombination von Speed und zentimetergenauen Pässen, die zeigte, welche Möglichkeiten einem das heutige Tempospiel eröffnet. Fuchs lancierte Earl mit einem Flippass, dieser spielte quer durch die Beine eines Verteidigers zu Brunner, der den Puck nur noch am liegenden Hiller vorbeischiessen musste. Alles ging so schnell – atemberaubend!

Es ist spannend, zu beobachten, was sich die Coaches ausdenken, um den Gegner zu überraschen. Das dritte SCB-Tor am Samstag war eine einstudierte Variante. Rüfenacht gewann das offensive Bully, der Puck kam zurück zu Blum an der blauen Linie, Arcobello und Moser tauschten ihre Positionen, um die Bieler zu verwirren. So kam Arcobello an der Bande ungedeckt an den Puck, Rüfenacht fuhr zurück, und Untersander sprintete vors Tor. «Wer deckt nun wen?», fragten sich die Bieler. Und bevor sie sich versehen hatten, hatte Untersander den Laserpass Arcobellos vors Tor schon zum 3:0 verwertet.

Was heisst das also für die Bieler? Lauft, so schnell ihr könnt! Lauft!

Törmänens Gesicht zu sehen, war unbezahlbar. Er war so verärgert, dass ich anhand seiner Lippen nicht ausmachen konnte, ob er auf Finnisch oder Englisch fluchte. Er kannte diese Variante, sein Team ebenfalls. Ich bin sicher, dass Törmänen seinen Spielern diesen Spielzug schon im Video gezeigt hatte. Gerade deshalb ist es so herausfordernd zu coachen – und manchmal so frustrierend. Du kannst noch so viel planen und erzählen, am Schluss sind es die Spieler, die es ausführen. Oder eben nicht.

Ich habe schon oft geschrieben, dass die Berner gerne in ihrer Komfortzone spielen und Mühe haben, ihr Niveau anzuheben, wenn es nötig ist. Dass sie im Viertelfinal gegen Servette dreimal im dritten Abschnitt ein 2:0 verspielten, überraschte aber selbst mich. Und in Spiel 2 gegen Biel passierte ihnen fast dasselbe, als sie nach dem 2:1 wieder zu passiv wurden und noch in Overtime verloren. Am Samstag hörten die Berner nach ihrer 3:0-Führung erneut auf zu attackieren, wurden aber nicht mehr bestraft.

Die Frage für mich ist: Kann der SCB dem Gegner seinen Willen aufzwingen? Aus meiner Erfahrung schaffen es grosse Mannschaften, Führungen nach Hause zu bringen. Bei meinen Meisterteams war dies jeweils das letzte Stück im Puzzle – ein wichtiges. Aber die Bieler wissen noch nicht, was es wirklich braucht, um zu gewinnen. Ich glaube, es ist immer noch der SC Bern, der über den Ausgang der Serie entscheiden wird. Doch wo, bitte schön, ist Scherwey?

Neue Dominanzverteilung

Als ich am Donnerstag sah, wie die Berner Schlüsselspieler versagten, dachte ich: Vielleicht ändern sich die Zeiten ja wirklich. Die Top 4 haben in den letzten 20 Jahren ja jede Meisterschaft gewonnen. Ebbett lief vor dem 0:1 Brunners hinterher. Und Moser liess sich vor dem Overtimetor Rajalas den Puck wegnehmen wie ein Novizejunior. Ich glaube, Zug wird die Dominanz der grossen vier durchbrechen. Aber wir haben ja noch genug Zeit, im Final über den EVZ zu reden.

Doch eben: Nie solltest du einen schlafenden Bären wecken. Und falls du es tust, musst du dir den folgenden Ratschlag zu Herzen nehmen: Wenn du vom Bären gejagt wirst, musst du schauen, dass du schneller bist als die Person neben dir. Was heisst das also für die Bieler? Lauft, so schnell ihr könnt! Lauft!

Erstellt: 02.04.2019, 17:57 Uhr

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