Zum Hauptinhalt springen

Wehe, man reizt den sanften Riesen

Mit den ZSC Lions würde Dave Sutter gerne erstmals Meister werden – es wäre die Krönung seiner erstaunlichen Reise.

Liebe auf den ersten Blick: In Kamerun geboren, schnürte Dave Sutter mit 9 erstmals die Schlittschuhe. Dann wusste er: Er will Hockeyprofi werden. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)
Liebe auf den ersten Blick: In Kamerun geboren, schnürte Dave Sutter mit 9 erstmals die Schlittschuhe. Dann wusste er: Er will Hockeyprofi werden. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Mit fünf oder allerspätestens sechs muss man mit dem Schlittschuhlaufen begonnen haben. Sonst ist der Zug für eine Profikarriere im Eishockey abgefahren, heisst es. Dave Sutter war neun, als er in Monthey erstmals auf dem Eis stand. «Wir gingen mit der Schule eislaufen», erinnert er sich. «Ein Freund von mir fuhr sehr gut und neckte mich ständig.» Er sei damals mehr übers Eis gestolpert als gefahren. Aber sein Ehrgeiz war geweckt. Zu Hause eröffnete er seinem Stiefvater, er wolle nun Eis­hockey spielen. Der war überrascht, ermutigte ihn aber, es zu versuchen.

Dreimal pro Woche übte sich Sutter fortan im Schlittschuhlaufen, um so gut zu werden wie sein Klassenkollege. Am Mittwoch, Samstag, Sonntag. Nebenan trainierten die Junioren des HC Monthey. «Ich schaute immer rüber und dachte, da will ich auch hin», erzählt er. Er machte schnell Fortschritte, auch dank Lektionen bei einer Eiskunstlauflehrerin. Schon bald durfte er aufs andere Eisfeld, und als er mit 14 im Fussball (im Mittelfeld) wie im Eishockey in die Walliser Auswahl berufen wurde und sich entscheiden musste, wählte er Letzteres. Für ihn, der als Vierjähriger aus Kamerun seiner Mutter in die Schweiz gefolgt war, eine erstaunliche Wahl.

Dass Sutter ein Spätberufener ist, sieht man ihm auch mit 26 noch an. Vergangene Saison erstmals im Schweizer Nationalteam dabei, hat man bei ihm das Gefühl, er habe sein Potenzial noch längst nicht ausgereizt. Vielleicht liegt das auch an seiner beeindruckenden Physis. Mit seinen 1,94 Metern und fast 100 Kilo hat er ideale Voraussetzungen, um Gegner einzuschüchtern, sie seine Wucht spüren zu lassen. Doch er ist exemplarisch fair, ein spielerisch orientierter Verteidiger und kein Abräumer. Wohl auch wegen seines Naturells. «Ich bin ein ruhiger Typ», sagt er.

Es sei denn, es ist Playoff, und er wird gereizt. Im März letzten Jahres war er mit Biel in der Serie gegen Bern bei einer Massenschlägerei mittendrin. Am Samstag tauschte er zur ersten Pause bei einem kollektiven Gerangel einige Faustschläge mit Zugs Raubein Timo Helbling aus. Chris Baltisberger sei von Zugern bedrängt worden, da habe er dem Teamkollegen helfen müssen, sagt er fast entschuldigend. «Ich habe nicht gross nachgedacht. Im Playoff kommen die Emotionen halt mehr aus einem heraus.»

Das grosse Gerangel vom Samstag und mittendrin: Dave Sutter. Quelle: Twitter

Spielen wie Marty McSorley

Coach Hans Kossmann würde sich von seinem sanften Riesen noch etwas mehr davon wünschen. «Ich sage ihm immer, er müsse ein bisschen spielen wie Marty McSorley. Der war der friedlichste Mensch auf Erden. Aber wenn der Puck eingeworfen wurde, war er zwei Stunden lang ganz anders. Weil er das konnte, ­besitzt er nun eine 15-Millionen-Dollar-Villa in Manhattan Beach.»

McSorley, der 14 Monate jüngere ­Bruder von Servettes Chris, war jahrelang der Bodyguard von Wayne Gretzky und mit 3381 Strafminuten einer der meistbestraften NHL-Cracks. Wobei Kossmann gleich anfügt, dass er aktuell sehr zufrieden sei mit Sutters Spiel. In den letzten beiden Partien habe er ihm mit seiner Solidität gut gefallen.

Im Playoff ist Sutters Bedeutung fürs Team gestiegen, zählt er mit über 18 Minuten Eiszeit zu den Top 4 der Abwehr – nebst Kevin Klein, Patrick Geering und Phil Baltisberger. Hatte er in Zürich ­anfangs Mühe gehabt, seine Rolle zu ­finden, hat er sie nun bekommen.

Er habe zum ZSC gewechselt, um sich herauszufordern, sagt er. «In Biel passte es gut. Ich durfte viel spielen, die Stadt gefiel mir. Aber ich wollte den nächsten Schritt machen. Ich wusste, dass ich in Zürich von vielen guten Leuten umgeben sein würde. Dass ich um meinen Platz kämpfen muss. Das ist gut für mich.»

Im Playoff ist die Mutter da

Zudem gab es einen weiteren Grund, wieso er sich für einen Transfer zu einem Grossclub entschied: ­«Natürlich bin ich auch hierhergekommen, um Meister zu werden. In der Zeit, in der ich in Zürich bin, will ich Titel gewinnen.»

Bis da ist es noch ein weiter, steiniger Weg. Doch es sieht besser aus als auch schon. Damit sich Sutter im Playoff ganz aufs Eishockey konzentrieren kann, wohnt seine Mutter für einige ­Wochen bei ihm in Opfikon. «Sie kocht, wäscht, unterstützt mich, damit ich ganz ­fokussiert sein kann aufs Wesentliche.» Und für ihn, der bereits mit 14 wegen des Eishockeys zu einer Gastfamilie nach Genf zog, sorgt der Besuch der Mutter auch für ein Stück Heimat in der Fremde.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch