Weihnachten bei Burger King

Alexandre Picard war auf dem Weg in die Skiferien, als ein Anruf von Arno Del Curto kam. Jetzt ist die «Nervensäge» eine wichtige Figur beim HC Davos.

Hart, wild und energisch: Alexandre Picard ist der Typ, den ein Team im Playoff braucht. Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

Hart, wild und energisch: Alexandre Picard ist der Typ, den ein Team im Playoff braucht. Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

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Kennen Sie das? Sie joggen durch den Wald, als plötzlich ein hünenhafter Hund auftaucht und Ihnen am Bein hochspringt. Ständig. Der Besitzer ruft noch: «Keine Angst, er beisst nicht!» Aber das beruhigt nicht. Sie denken trotzdem: «Der schnappt jeden Moment zu!» Es nervt, es verunsichert. Und mit diesem lähmenden Gefühl ­bewegen Sie sich fort.

Alexandre Picard hat bei seinen Gegnern denselben Effekt wie der Hund beim Jogger. Der HCD-Stürmer spielt mit der Furcht, pöbelt und höhnt. Nie weiss der Gegner, was er als Nächstes tut. Das lenkt den Fokus vom Wesentlichen weg. Und wer auf seine Mätzchen reagiert, muss mit Vergeltung rechnen.

Ein unheimlicher Anblick

Eine Szene aus dem Viertelfinal: ­Klotens Philippe Schelling liefert sich ein Wortgefecht mit Picard, hält ihn am Helm fest. Da kommt die Reaktion, ein wuchtiger linker Haken. Schelling erschrickt, hält die Hände schützend über den Kopf und hofft, dass der Regen von einprasselnden Schlägen bald ein Ende nimmt. Triumphierend fährt Picard zur Strafbank – und lacht. Da, wo ein Schneidezahn sein sollte, klafft eine Lücke. Ein unheimlicher Anblick.

«Ich nehme mir nicht vor, eine Nervensäge zu sein», sagt Picard. «Es ist ­etwas, das in mir schlummert und hervorkommt, sobald ich aufs Eis gehe. Wie ein Schalter, der umgelegt wird.» Abseits sei er anders. Daheim mag er es ruhig. Im Rink aber gibt es beim 30-Jährigen keine halben Sachen: «Wenn sich der Gegenspieler in jedem ­Einsatz umsehen muss, weil einer mit Karacho kommt, um ihn zu checken, dann ermüdet ihn das. Er begeht Fehler», sagt er. «Das kann ich mit meiner Spielweise erzwingen. Es war schon immer mein Spiel.»

Nur 7 Plätze hinter Owetschkin

Kein Wunder, hiess sein Juniorenteam ­Lewiston MAINEiacs – die Wahnsinnigen aus Maine. Nach einer auffälligen letzten Saison mit 85 Punkten und 160 Strafminuten wurde Picard damals 2004 schon an achter Stelle von Columbus ­gedraftet – nur sieben Positionen hinter einem ­anderen Alex: Owetschkin. Aber durchsetzen konnte er sich in der NHL danach im Gegensatz zum Russen nie. 2012 flüchtete er nach Genf, fand da Stabilität.

Bis zu diesem Sommer. Da machte ihm Servette-Boss Chris McSorley klar, dass er in seiner Planung keine Rolle mehr spielen würde. Trotz laufendem Vertrag. Eine Ausmusterung, wie sie in Genf schon andere Spieler erfuhren.

Picard verstand, er ist sich das harte Geschäft aus Nordamerika gewohnt. Er sah sich nach einem neuen Arbeitgeber um. Doch dann erlitt er im Sommer­aufbau einen Daumenbruch. Unter diesen Umständen würde ihn niemand mehr unter Vertrag nehmen. Also blieb er in Genf und hoffte, später doch noch eine Chance zu erhalten. Sie kam nicht. Erst recht nicht, weil dann auch noch ein Tumor in seiner Hand entdeckt wurde. Und als er wieder gesund war, spielte er selbst dann nicht, als drei Ausländer verletzt ausfielen.

Del Curto, der «Hoteldirektor»

An Heiligabend hatte Picard genug. Er buchte für sich und seine Familie Ski­ferien in Zermatt. Frische Luft, andere Gedanken. Er lenkte schon auf den Parkplatz der Talstation ein, als sein Handy klingelte. Zuerst dachte er, der Mann am anderen Ende sei der Hoteldirektor, der etwas klären wolle. «Er sprach so ein komisches Gemisch aus Englisch und Deutsch», erzählt Picard. «Aber da sagte er: ‹Nein, nein, Del Curto hier! Kannst du für uns am Spengler-Cup spielen?›»

Picard besprach sich kurz mit seiner Frau. Und schon fuhr er zurück nach Genf, um seine Ausrüstung zu holen. Dann weiter nach Davos. Zehn Stunden war die Familie insgesamt unterwegs, auf der Rückbank quengelten Sohn (2) und Tochter (1). Das Weihnachtsmenü kam von Burger King. «Es war echt ­heftig. Aber an diesem Tag nahm mein Schicksal eine Wendung», sagt Picard.

Ein Glücksfall für den HCD

Weil die Bündner auch nach dem Spengler-Cup viele Ausfälle beklagten, wurde sein Engagement bis Saisonende verlängert. Er wurde zum Glücksfall für den HCD und der HCD ein Glücksfall für ihn. Am Ortsrand durfte er ein traumhaftes Chalet mit Bergpanorama und Sauna ­beziehen. Er ist sich sicher: «Kein Ausländer der Liga wohnt schöner.»

In Davos traf er auf einen Coach, der ihn versteht, «weil er genauso emotional ist wie ich». Picard wechselte quasi von einem «leidenschaftlich Verrückten» zum anderen. Trotzdem seien McSorley und Del Curto verschieden: «Arno ist ­näher an den Spielern, Chris legt mehr wert auf Struktur und Organisation.»

Picard trotzt einer Verletzung

Picard spürt keine bösen Gefühle gegenüber McSorley, auch wenn er sich seinen Abgang aus Genf stilvoller gewünscht hätte: «Wir hatten ein gutes letztes ­Gespräch.» Er ist einfach froh, dass er nun die Chance erhält, sich zu zeigen. Ja sogar: Meister zu werden. Er macht den HCD noch unberechenbarer.

«Er ist schon ein verdammt wilder Hund! Einer von hundert würde in seinem Fall überhaupt noch spielen!», brüllt Del Curto in seiner Begeisterung und ­offenbart, dass ­Picard schon seit Playoff-Start ­angeschlagen ist. Welche Verletzung ihn plagt, will er aber nicht verraten.

Ein wilder Hund also? Picard grinst. «Aber ich beisse nur die Bösen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2016, 01:17 Uhr

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