Wenn der Hockey-Nationaltrainer den Tomahawk ausgräbt

Die indianische Kultur half Patrick Fischer bei der Selbstfindung und der Entwicklung seines Führungsstils. Am Sonntag wurde er zum Trainer des Jahres gekürt.

Mit Cowboyhut und einem Mustang an der Hand in der US-Prärie: Patrick Fischer im September bei einer Reise ins Gebiet der Lakota-Indianer. Foto: Privatarchiv Patrick Fischer

Mit Cowboyhut und einem Mustang an der Hand in der US-Prärie: Patrick Fischer im September bei einer Reise ins Gebiet der Lakota-Indianer. Foto: Privatarchiv Patrick Fischer

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Winnetou war der Kindheitsheld Patrick Fischers. Doch der Zuger musste fast 43 werden, bis er den Wilden Westen so durchquerte, wie wir das aus den Verfilmungen der Karl-May-Klassiker kennen: hoch zu Pferd. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Marco nahm er Anfang September an einer 18-tägigen Kultur- und Landschafts­reise des Schweizers Charly Juchler im Mittleren Westen teil – ins Gebiet der Lakota-Indianer.

Acht Tage ritt Fischer auf einem Mustang durch die Prärie, vier, fünf Stunden täglich, einmal sogar acht. Auf Instagram veröffentlichte er Fotos, die an die Marlboro-Werbung der 1980er-Jahre erinnern – ohne ­Zigaretten, natürlich.

Auf der Spur von Sitting Bull

Seine früheren Erfahrungen bei den Indios in Südamerika haben Fischer geprägt. In diesem Sommer besuchte er erstmals die Indianer in Nordamerika. Er begab sich mit der Gruppe auf die Spuren des legendären Sitting Bull, erkundete das Gebiet, wo sein Lieblingsfilm «Der mit dem Wolf tanzt» gedreht wurde. Und ritt mit Indianern, die darin mitgespielt haben.

Im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota, einem der ärmsten, lernte er aber auch die Kehrseite des heutigen Alltags des an den Rand gedrängten Urvolks kennen: «Da ist nicht mehr viel übrig geblieben von der Indianerromantik aus den Filmen», sagt er. «Die Kinder haben keine Perspektiven, es sind viel Alkohol und Drogen im Spiel.» Ihn, der so fasziniert ist von der indianischen Kultur, schmerzte das besonders.

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So richtig in Berührung mit dieser kam er erstmals 2001 beim HC Davos, als er im Februar einen schweren Knorpelschaden an der rechten Kniescheibe erlitt. «Es war eine turbulente Zeit. Meine damalige Frau war schwanger, und mir sagte man, ich müsse aufhören mit dem Eishockey. Kubilay Türkyilmaz musste seine Karriere wegen der gleichen Verletzung beenden.» Doch Fischer fand Hilfe und Zuversicht bei einer indianisch-schamanischen Heilerin in Davos – und gab dann im Herbst überraschend schnell sein Comeback. «Damals wuchs meine ­Faszination für diese Kultur. Mir wurde klar, dass ich die Indianer besuchen möchte.»

Diesen Traum erfüllte er sich acht Jahre später, als er mit 33 erneut alle überraschte und trotz eines weiterlaufenden Vertrags beim EV Zug seine Karriere beendete. Zuerst vertrieb er sich die Zeit als semiprofessioneller Pokerspieler. Als er von Karten zu träumen begann, entschied er sich fürs Kontrastprogramm und reiste mit seinem Bruder zu den Shipibo-Indianern im peruanischen Amazonas-Regenwald. Deren Ruhe, Einfachheit, Naturverbundenheit beeindruckten ihn. Und die bewusste Lebensweise, obschon ihnen wohl noch niemand erklärt hatte, dass man das heute als Achtsamkeit bezeichnet und die Lehre davon ein lukrativer Geschäftszweig geworden ist.

Fischer war auch fasziniert von den Ritualen der Shipibo-­Indianer, etwa dem Initiations­ritual vom Jungen zum Mann: «Ihre Zeremonien geben ihnen Kraft. Sie machen nicht einfach Rituale, weil sie Freude daran haben. Diese haben eine wichtige Funktion. In unserer Gesellschaft sieht man das kaum mehr.»

Auch der Zusammenhalt in der Gemeinschaft imponierte ihm. Diese Prägung sieht man heute auch beim Nationalcoach Fischer. Er legt viel Wert auf Harmonie und pflegt gewisse Rituale. An der WM 2017 in Paris wurde nach jeder Partie jenem Spieler ein Tomahawk gegeben, der am meisten fürs Team gearbeitet hatte. In diesem Frühjahr in Kopenhagen, auf dem Weg zu Silber, war der «Wanderpokal» ein feldgrüner Schweizer Armeehelm, Modell 1971.

In der Ruhe des Dschungels habe er gewisse Dinge herausgefunden, auch über sich als Mensch, erzählt Fischer. Man könnte von Selbstfindung sprechen. «Es ist extrem, wie sehr wir durch unsere negativen Gedanken gefangen sind», erkannte er. «Wenn man sich da etwas lösen kann, tut das nur gut.»

So konnte er auch seine Aktivkarriere loslassen, die er so abrupt beendet hatte. Über seine Erfahrungen im Amazonas sprach er öffentlich erst mit etwas zeitlicher Verzögerung im Detail: «Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht», sagt er. «Aber es ist eine sehr private Angelegenheit. Am Anfang versuchte ich, es zu erklären. Doch niemand hat es verstanden. Deshalb hörte ich irgendwann damit auf.»

«Was da in den letzten Jahren passiert ist, ist verrückt»

Der Besuch am Amazonas war für Fischer keine einmalige Sache. 2014 kaufte er dort zusammen mit seinem Bruder ein Stück Land, rund 40 Hektaren. Um den Lebensraum und die Kultur der Shipibo und einen Teil des Regenwalds in jener Region zu schützen. «Was da in den letzten Jahren passiert ist, ist verrückt», sagt er kopfschüttelnd. «Rundherum wurde alles abgeholzt für Reisfelder und Palmölplantagen.» Mit seiner Initiative sorgte er immerhin dafür, dass ein kleines Dorf mit 15 bis 20 Einwohnern erhalten bleibt. «Wir schicken ihnen auch jeden Monat Sachen, damit sie essen und überleben können.»

Fischer liess dort einige Bungalows errichten, wo Freunde und auch Touristen übernachten können, die das Leben der Shipibo kennen lernen wollen. «Ein Paar hat da auch schon geheiratet.» Die kleine Anlage wird von Einheimischen geführt, Fischer ist nicht ins Tagesgeschäft involviert. Für ihn ist es ein Rückzugsort aus dem hektischen Eishockeyalltag geworden. «Mein Bruder und ich probieren, jedes Jahr mindestens zwei Wochen dort zu sein, um die Leute zu sehen. Den Medizinmann, einen älteren Herrn, haben wir sehr lieb gewonnen.»

Keine Fluchwörter

Die Ruhe und Gelassenheit, die Fischer bei den Shipibo-Indianern erfuhr, dürften ihm auch in seiner schwierigsten Zeit als ­Nationalcoach geholfen haben, nach dem Scheitern an den Olympischen Spielen in diesem Februar. «Wenn etwas passiert, reagieren die Indianer nicht mit Dramatik», sagt er. «Sie haben auch keine Fluchwörter. Sie schauen das Leben anders an, versuchen, die Dinge zu verstehen, statt sich von einem Strudel der Emotionen mitreissen zu ­lassen. Diese Einstellung gefällt mir.»

Auch Fischer versuchte nach Pyeongchang primär, das Geschehene zu verstehen. Statt sich Existenzängste zu machen. Er zog seine Schlüsse für die WM, die schon bald folgte. Er habe nicht mehr links und rechts geschaut, sondern nur noch seinem Gefühl vertraut, sagt er. Oder wie er es ausdrückt: «Ich habe den Tomahawk ausgegraben.»

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Erstellt: 13.12.2018, 10:32 Uhr

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