Wenn Misserfolg kaum eine Rolle spielt

Wie der HC Davos die turbulente und sportlich miserable letzte Saison vergessen macht und nun mit einem namhaften Transfer neben dem Eis aufhorchen lässt.

In Davos wird wieder gejubelt: Marc Wieser feiert seinen Overtime-Treffer beim Sieg in Langnau.

In Davos wird wieder gejubelt: Marc Wieser feiert seinen Overtime-Treffer beim Sieg in Langnau. Bild: Marcel Bieri/Keystone

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Rücktritt des ewigen Kulttrainers Arno Del Curto mit Misstönen, atmosphärische Störungen im Team, deutliches Verpassen des Playoff, schmähliche, wenn auch immerhin erfolgreiche Teilnahme am im Nachhinein bedeutungslosen Playout-Final gegen Rapperswil Jona – bedeutungslos, weil am Ende B-Meister Langenthal gar nicht aufsteigen wollte. Nein, die Saison 2018/19 des HC Davos war alles andere als erfolgreiche, es war das schlimmste Jahr des Rekordmeisters seit seinem Wiederaufstieg 1993.

Es zeigt sich am Beispiel des HCD in diesen Tagen aber auch: Sport ist nicht nur ein hochemotionales, sondern auch oft ein sehr schnelllebiges Geschäft. Kann es einst einen HCD auch nach Arno Del Curto geben? Diese Frage wurde in der 22-jährigen Amtszeit des Engadiners je länger, desto häufiger gestellt. Und jetzt, kein Jahr nach seinem Rücktritt, hat sich der Club längst neu erfunden, erinnert nur noch wenig an den HCD an jenem denkwürdigen 27. November 2018.

Die Strukturen im Club wurden komplett verändert, erneuert, modernisiert. Die Mannschaft tritt zu Saisonbeginn vielleicht nicht ganz so spektakulär wie in früheren Glanzjahren auf (dafür fehlt wohl auch das nötige Spielerpersonal), dafür aber wieder gefestigt und kompakt. Sie hat in den letzten vier Spielen, allesamt auswärts, drei Mal gewonnen und dabei nur fünf Gegentore kassiert – und ja, es ist nach einer Saison des Griesgrams wieder so etwas wie echte Freude rund um das Team festzustellen.

Den Verlust fingen die automatisch tieferen Spielerlöhne auf

Und nun, wenn der HCD heute seine Zahlen öffentlich präsentieren wird, zeigt sich auch: Das sportlich desaströse Jahr hat kaum finanziellen Folgen. Die Bündner schlossen die letzte Saison mit einem Gewinn von 335‘304 Franken ab, ein Jahr vorher, als die Mannschaft in der ersten Playoff-Runde gescheitert war, war ein Verlust von 171'663 präsentiert worden.

Finanziell grösstenteils unabhängig vom sportlichen Erfolg, das gilt in beiden Extrem-Fällen. Weil der HC Davos wie einige andere Clubs keine Meisterprämien mehr zahlt, sondern nur noch solche für die Finalteilnahme, ist es aber auch nicht mehr so, dass ein Titel im schlimmsten Fall sogar erhebliche (Prämien-)Kosten verursacht.

Sportlicher Misserfolg spielte also gar keine Rolle in Davos, trotz rund 700'000 Franken Mindereinnahmen bei den Ticketverkäufen wegen des Verpassens des Playoff sowie generell schlechten Resultaten in der Regular Season.

Dies, weil die Mannschaft wegen stark leistungsorientierten Verträgen im Vergleich zur Vorsaison 1,2 Millionen Franken weniger kostete, gleichzeitig ein Mehr von 300'000 Franken Sponsoringgeldern generiert wurde und der Kristall Club, die Gönnervereinigung und nebst Spengler Cup zweite Lebensversicherung des Rekordmeisters zusätzliches Geld einschoss – Insider gehen von knapp 300'000 Franken aus.

Apropos Stadion: Dieses heisst in der Saison 2019/20 wieder wie früher, in den «guten alten Zeiten», nur noch «Eisstadion Davos» und nicht mehr «Vaillant Arena». Der Sponsoring-Vertrag ist ausgelaufen. Angesichts der Tatsache, dass die Halle derzeit eine riesige Baustelle ist und sie es auch bis Ende Saison bleiben wird, findet sich vorerst kein Nachfolger für Vaillant. Erst ab 2020/21, in der Saison des 100-jährigen Club-Jubiläums, dürfte damit die Arena wieder einen (Sponsoren-)Namen haben.

Auch Arno Del Curto und die ZSC Lions halfen indirekt mit …

Kombiniert mit den Mehrausgaben für den sich immer noch im Gange befindenden Stadionumbau inklusive Trainingshalle (der HCD bestreitet darum die ersten acht Spiele allesamt auswärts) kommt der Club darum auf diese für ihn erfreulichen Zahlen.

Was natürlich auch half, war die Anstellung Del Curtos bei den ZSC Lions im Januar. Der ehemalige Trainer verschwand ab jenem Zeitpunkt von der Lohnliste beim HCD.

Der interessante Nezuzug neben dem Eis

Was in der Bilanz nicht steht und dennoch die vielleicht interessanteste Neuigkeit aus Davos ist, zumindest im Kanton Graubünden, ist der Name des neuen Verwaltungsrats, der an der GV Anfang November zur Wahl vorgeschlagen werden wird: Alois Vinzens.

Der 60-jährige Bündner war als CEO während 16 Jahren das Gesicht der Graubündner Kantonalbank, einem der vier Hauptsponsoren des HC Davos. Nach seinem bereits im Sommer 2018 angekündigten und auf Ende September 2019 erfolgten Rücktritt bei der GKB wechselt er also fast nahtlos zum grössten Sportclub des Kantons.

Das Gesicht der Graubündner Kantonalbank wird Verwaltungsrat im HC Davos. (Bild Arno Balzarini/Keystone)

Gaudenz Domenig, der VR-Präsident des HCD, hat letzten Dezember in Verhandlungen mit Vinzens den Vertrag mit der GKB als Hauptsponsor um drei Jahre verlängern können, ein mehrfach schlauer Schachzug. Vinzens galt als Eishockey-affine Person bei der GKB, die Bank unterstützt auch den drittklassigen EHC Chur finanziell, die Hockeyschule des Kantons, die den Nachwuchs bis zu den Jüngsten hinab fördert, ist nach der Bank benannt.

Nun verlässt Vinzens die GKB. Der wichtigste Verbindungsmann des Rekordmeisters zur GKB geht als Club-VR zwar verloren. Das immense Netzwerk Vinzens im, aber auch ausserhalb des Kantons, hat sich der HCD aber gesichert. Das wird in Zukunft bei der Suche nach neuen Sponsoren sicherlich kein Nachteil sein …


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 03.10.2019, 10:50 Uhr

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