Wenn sie ewig weiterspielen

Vorstellen, wie es sein könnte: Die 15. oder 18. Verlängerung, die Spieler kriechen mehr, als dass sie Schlittschuh laufen. Und die Erinnerung an Karl Grob.

Erschöpft und ausgelaugt nach 117 Minuten und 43 Sekunden: Die Spieler des HC Genève-Servette nach der Niederlage gegen den SC Bern im längsten Spiel der Schweizer Eishockeygeschichte.

Erschöpft und ausgelaugt nach 117 Minuten und 43 Sekunden: Die Spieler des HC Genève-Servette nach der Niederlage gegen den SC Bern im längsten Spiel der Schweizer Eishockeygeschichte. Bild: Martial Trezzini/Keystone

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Radio SRF hiess damals noch Beromünster – es war die unverwechselbare Stimme von Jean-Pierre Gerwig oder vielleicht auch von Gody Baumberger. Aber die Schweizer Fussballer spielten in Cagliari gegen Italien, das weiss ich genau, es stand 0:4, es muss blamabel gewesen sein, und jetzt berichtete Gerwig oder eben vielleicht doch Baumberger, dass Karli Grob für die letzten Minuten ins Tor darf – d e r Karli Grob, den ich noch wenige Monate zuvor auf dem Heslibach in Küsnacht bestaunt hatte. Er spielte nun beim FC Zürich und erstmals im Nationalteam.

Und dann, wir hörten die Reportage am Autoradio und fuhren durch den San-Bernardino-Tunnel, der kurz zuvor eröffnet worden war, rauschte es nur noch, keine Stimme, kein Ton mehr aus Cagliari. Der Tunnel ist lang, sehr, sehr lang – stand es weiterhin 0:4? Was macht mein Grob? Hält er alles? Ist er ein Held? Es rauschte nur. Und als es – endlich! – nicht mehr rauschte, kam Musik, aus Cagliari kein Gerwig oder Baumberger mehr, nur Musik, kein Resultat.

Es gab damals noch keine Handys. War es beim 0:4 geblieben, und wie war Grob an diesem Samstag? Wir erfuhren es erst viel später, am übernächsten Tag, aus der Zeitung. Es blieb beim 0:4.

Daran musste ich denken, vor kurzem. Ich lag im Bett, sah – auf dem Handy! – das Eishockey-Playoff-Spiel zwischen Servette und Bern, sie spielten und spielten, es stand 2:2, das nächste Tor wollte nicht fallen, ich war müde, Mitternacht vorbei, ich mochte nicht mehr. Es könnte ja noch ewig dauern.

Am Morgen, als ich erwachte, hätte ich zum Handy greifen können und gleich gewusst, wie es geendet hatte. Ich wollte nicht. Ich stellte mir vor: Sie spielen weiterhin. Die 15. oder 18. Verlängerung. Sie spielen inzwischen schon mehr als 12 Stunden, es steht immer noch 2:2. Vielleicht liegen einige Spieler nach Luft schnappend in der Kabine. Und jene, die noch auf dem Eis sind, kriechen mehr, als dass sie Schlittschuh laufen. Der Torhüter quer vor seinem Tor, sein Stock am Boden – um wach zu bleiben, trinkt er ständig starken Kaffee aus seiner Flasche. Die Coachs stehen nicht mehr an der Bande, sie sitzen, einer mit geschlossenen Augen. Die Zuschauer – jene, die nicht nach Hause gingen, weil sie zur Arbeit mussten – gähnen. Die vier Schiedsrichter auf Stühlen. Das Fernsehen überträgt nur noch aus einer Kamera­sicht, aus der Totalen, der Kommentator sagt alle paar Minuten einen knappen Satz.

Ich will mir vorstellen, wie es sein könnte – in unserer Zeit, in der wir immer sofort alles wissen wollen und können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2019, 12:13 Uhr

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