Bei den Lions ist es Zeit für ein Housecleaning

Die Zürcher schoben ihre Probleme jahrelang vor sich her – nun haben sie die Quittung dafür bekommen. Damit steigt der SC Bern als klarer Favorit ins Playoff.

Erbittertes Duell: Ein Zweikampf zwischen ZSC-Recke Kevin Klein und Berns Simon Moser wies im Halbfinal 2018 den Weg. Foto: A. Anex (Keystone)

Erbittertes Duell: Ein Zweikampf zwischen ZSC-Recke Kevin Klein und Berns Simon Moser wies im Halbfinal 2018 den Weg. Foto: A. Anex (Keystone)

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Seit fast zwei Jahrzehnten funktionieren die ZSC Lions nun schon wie die Europäische Zentralbank. Es gibt ein Problem? Lösen wir es mit Geld! Man muss das Team stabilisieren? Lösen wir es mit Geld! Man muss umstrukturieren und die Verhaltensmuster ändern? Lösen wir es mit Geld! Keine Strategie? Siehe oben.

Wir alle wissen, was mit Organisationen passiert, bei denen man es versäumt, durchzugreifen, wenn es nötig ist. Die grundsätzlichen Probleme werden vor sich hergeschoben, es gibt immer mehr Baustellen. Und irgendwann kommt es zum Crash. Wie bei den Lions am Montagabend. Mal für Mal waren sie mit einem blauen Auge davongekommen. Aber irgendwann musste es schiefgehen. Und da sich die Probleme über Jahre angehäuft haben, wird es auch eine Weile dauern, bis die Zürcher wieder auf die richtige Bahn kommen.

Die Garderobe der ZSC Lions ist total in Unordnung geraten – im übertragenen Sinne. Es ist Zeit für ein Housecleaning. Man muss sich von den Spielern trennen, die nicht die nötige Professionalität in jedem Training und jedem Spiel zeigen. Es muss endlich damit vorbei sein, ständig nur den Coach zu ersetzen in der Hoffnung, mit einem neuen werde es besser. Wenn die Spieler den Mut haben, in den Spiegel zu schauen, werden sie sehen, dass das Problem sie anstarrt. Nur wenn sie das erkennen, ist ein Wandel möglich.

Die ZSC-Kabine ist total in Unordnung geraten. Es muss endlich vorbei sein, ständig nur den Coach zu ersetzen.

Ich habe schon oft geschrieben, dass ich fest davon überzeugt bin, dass grossartige Teams aus grossartigen Garderoben kommen. Ein Coach kann eine starke Leistung auf dem Eis vergessen, wenn die Kabine nicht bereit ist. Der SCB hat die meiste Erfahrung in seiner ­Garderobe. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das in der Heimkabine in der Postfinance-­Arena gilt – ein kollektives Bewusstsein, was von jedem Spieler erwartet wird. Es herrscht der unausgesprochene Anspruch, dass der Preis zu bezahlen ist. Und zwar jeder Preis, der nötig ist, um zu gewinnen. Es ist nicht der Coach, der das bestimmt. In dieser Hinsicht hat er nicht viel zu sagen. Und auch die Spieler sagen nicht viel. Ein Nicken hier, ein Blick in die Augen dort. Mehr braucht es nicht.

Aus dem Playoff als Sieger hervorzugehen, ist die härteste Aufgabe im Sport. Die Kämpfer bereiten sich nun auf eine Schlacht vor. Ich erinnere mich noch gut, wie im letztjährigen Halbfinal Berns Simon Moser und ZSC-Verteidiger Kevin Klein mit unglaublicher Wucht aufeinanderprallten, unmittelbar vor Lukas Flüeler. Es war der vielleicht härteste Check, den ich je in der Schweiz gesehen habe. Die beiden prallten voneinander ab wie Eringer Kühe beim Kuhkampf im Frühling im Wallis. Klein ging mit leichten Vorteilen hervor – und gab den Zürchern damit das Gefühl, dass sie gewinnen könnten, wenn es hart auf hart geht. Bern wich ein kleines bisschen zurück. Und nur schon eine kleine Abweichung in der Denkweise ist kaum mehr zu korrigieren.

Auf dem Weg zum Titel 2004 waren es meine SCB-Kämpfer, die diese Zweifel beim Gegner säten. Yves Sarault, Martin Steinegger, Rolf Schrepfer und Rolf Ziegler stärkten unser Rückgrat. Sie terrorisierten ihre Gegner, bis sich diese fügten. Heute müssen in Bern Tristan Scherwey, Thomas Rüfenacht, Simon Moser und Alain Berger diesen Job übernehmen. 2016 unter Coach Lars Leuenberger umschwärmten die Berner ihre Beute ständig, sie checkten jeden, der dem Puck nahekam. Es war die Geburtsstunde des frenetischen Eishockeys (Druck auf dem ganzen Eisfeld) in der Schweiz. Und die Berner spielten es perfekt.

Wenn es nach der Logik geht, sollte der EV Zug ebenfalls seinen Platz im Final buchen. 

Letzten Winter waren Rüfenacht und Scherwey nicht so streitlustig, und Bern scheiterte. Als Coach musst du dich fragen, wie diese Schlüsselspieler am effektivsten sind. Wenn Hektik herrscht, Trashtalk gemacht wird, man sich bei jedem Unterbruch herumschubst und den Handschuh ins Gesicht streckt. Diese Spieler müssen gleichermassen gehasst wie respektiert werden. Die physischen Leader müssen physisch spielen. Da gibt es keine Ausreden. Es zählt nur noch der Sieg, und die Berner wissen am besten, was sie dafür tun müssen. Nach dem Scheitern des ZSC sind sie für mich im Playoff die klaren Favoriten.

Wenn es nach der Logik geht, sollte der EV Zug ebenfalls seinen Platz im Final buchen. Coach Dan Tangnes lässt das frenetischste Eishockey in der Schweiz spielen. Eine Best-of-7-Serie gegen die Zuger ist etwa so, wie wenn man einen Bienenstock mit baren Händen aus dem Hinterhof entfernen müsste. Das Eishockey der Zuger ist bemerkenswert destruktiv und faszinierend. Die defensive Strategie besteht darin, Fehler zu provozieren. Die offensive, diese auszunützen. Dennis Everberg, Garret Roe und Johann Morant sind die physischen Leader eines EVZ, der nicht die Härte des SCB hat. Der Viertelfinal gegen ein aufstrebendes Lugano wird interessant werden.

Wie schon oft gesagt wurde, basieren erfolgreiche Teams auf einer starken Mittelachse und einem guten Goalie. Mit Mark Arcobello, Andrew Ebbett und Gaetan Haas als Center und Leonardo Genoni im Tor ist kein Team besser besetzt als der SCB. In dieser Hinsicht kommt den Bernern nicht einmal ein Konkurrent nahe.

Eishockey ist ein Sport, der auf einem Spielfeld gespielt wird, das von einer Mauer umgeben ist – der einzige dieser Art. Zumal man den Gegner an diese Mauer wuchten darf, ja sollte. Das verlangt Aggressivität und verleitet die Spieler im Playoff dazu, die Grenzen des Erlaubten auszuloten. Daran ist nichts falsch. Playoff zu spielen, ist das Härteste, aber auch Berauschendste, was diese Männer je erfahren werden. Ein Team mag Talent haben, aber zuallererst steht die Courage. Schüchtere ein oder werde eingeschüchtert. Daraus leitet sich die Antwort auf die ­berühmte Frage Hamlets ab:Sein oder Nichtsein – nämlich ein Champion.

Erstellt: 08.03.2019, 00:09 Uhr

Kent Ruhnke

Der dreifache Meistercoach (Biel, ZSC, Bern) ist TV-Experte und Kolumnist für Tamedia.

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