Wie durch den Fleischwolf gedreht

Im Eishockey sind Tempo und Intensität nicht unbedingt dasselbe, weiss Kolumnist Kent Ruhnke.

Die Verneigung des Meistertrainers: Als sich Lugano und Bern 2004 letztmals im Final duellierten, siegte der SCB mit Coach Kent Ruhnke.  Foto: Edi Engeler (Keystone)

Die Verneigung des Meistertrainers: Als sich Lugano und Bern 2004 letztmals im Final duellierten, siegte der SCB mit Coach Kent Ruhnke. Foto: Edi Engeler (Keystone)

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Arno Del Curto sagte etwas Interessantes vor dem letzten Playoff-Spiel seines HCD gegen den SCB: «Wir haben kein Problem mit dem Tempo, sondern mit der Intensität.» Die meisten würden nun glauben, das sei dasselbe. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderer Coach zwischen diesen beiden Merkmalen so klar unterscheiden würde. Doch ich glaube, Arno hatte recht. Seine Verteidiger wurden von den Berner Forecheckern regelrecht erdrückt. Und so erstickte der SCB die Davoser Angriffe im Keim. Es war die richtige Strategie, die aber nur dieses Berner Team mit seiner einzigartigen Kombination von Wucht und Schnelligkeit so perfekt anwenden konnte.

Lugano wie Muhammad Ali

Das ist keine gute Neuigkeit für Berns Finalgegner. Denn das heisst, dass sich die Luganesi besser darauf vorbereiten, sich Einsatz für Einsatz durch einen Fleischwolf quälen zu müssen. Nicht, dass sie nicht mit körperbetontem Spiel umgehen könnten. Das bewiesen sie gegen Servette. Sie stürzten sich auf jeden Fehler der Genfer, fanden ihr Glück in den wenigen Konterchancen, die ihnen zugestanden wurden. Ihre Taktik erinnerte mich an Muhammad Alis Kampfstil: «Float like a butterfly, sting like a bee» – schwebe wie ein Schmetterling, stich zu wie eine Biene. Servette war für mich das ­bessere Team, doch Lugano enteilte mit dem Sieg.

Die grosse Frage ist nun: Können uns Bern und Lugano so viel Drama und solch spektakuläres Eishockey bieten, wie wir uns das von Finals gewohnt sind. Davon bin ich überzeugt. Der SCB ist der beste Achte der Schweizer Playoff-Historie. Seine Geschichte erinnert mich an jene der Los Angeles Kings von 2011/12. Ein Trainerwechsel im Dezember führte zu einer wilden Jagd auf einen Playoff-Platz, den sich die Kings erst in den letzten Tagen der Regular Season ­ergatterten. Und dann zerstampften sie im Playoff jeden Gegner, gewannen zehn von elf Auswärtsspielen auf ihrem Weg zum Stanley-Cup. Wenn der SCB im Final seine Intensität der ersten beiden Runden reproduzieren kann, hat er die gleiche Bestimmung.

Lugano hat die potentere erste Linie, doch danach ist der SCB punkto Speed und Breite überlegen. Lars Leuenberger kann vier Linien durchwechseln, ja seine vierte Linie sehe ich sogar als grösstes Plus: Die Kombination von Schnelligkeit, Kraft und Härte, die Pascal und Alain Berger sowie Gian-­Andrea Randegger vereinen, bereitete Zürich und Davos grosse Probleme. Die Abwehrreihen der beiden Teams stufe ich als gleichwertig ein, der Goalie könnte entscheidend sein. Der gute Menschenverstand sagt uns, dass der erfahrene Jakub Stepanek im Vorteil ist. Doch es gibt zahlreiche Beispiele von jungen Goalies, die im Playoff über sich hinauswuchsen. Elvis Merzlikins hat die Grösse und die technischen Fähigkeiten, um den Unterschied zu machen. Aber was geht in seinem Kopf vor? Das weiss nur er.

Unterhaltsam, aber gefährlich

Und dann kommen wir noch zum Coaching. Beide Trainer stehen in der NLA erstmals im Final. Der eine kann sich kaum einen Bart wachsen lassen, der andere bekommt ihn praktisch über Nacht. Ich glaube nicht, dass die Coachs im Verlaufe der Serie noch grossen Einfluss ausüben können. Die Frage ist vielmehr: Wer hat bei seinem Team ein System etabliert, das diesem die beste Chance auf den Sieg gibt? Ich glaube, da sind die Berner im Vorteil. Ihr 1-3-1-System lässt nicht viele Konterchancen zu – und davon lebte Lugano gegen Servette. Die Tessiner sind eher spielerisch orientiert, lieben es nicht so sehr, sich am Gegner aufzureiben.

Ich habe in der Schweiz noch nie solch körperbetontes, rasantes Eis­hockey gesehen wie in diesem Playoff. Das war unterhaltsam für uns, aber brutal für jene auf dem Eis. Es schaut ziemlich gefährlich aus da draussen. Jedes Mal, wenn ein Spieler ein gewagtes Dribbling probiert oder aus der Balance ist und so einer Attacke aus­geliefert, wird er von seinem Gegenspieler erbarmungslos dafür bestraft. Und ich finde, die Liga hatte keine klare Linie, um gegen diese fragwürdigen Angriffe vorzugehen.

In der NHL ist es allgemein bekannt, dass jede brutale Attacke, legal oder nicht, mit einem Faustkampf abgegolten wird, um sich für die subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit zu rächen. Müsste man dies auch in der Schweiz einführen? Oder schaffen es die Schiedsrichter, sich an den verschärften Härtestandard der NLA anzupassen? Es braucht ein Ventil, durch das die aufgestauten Spannungen in einer hart umkämpften Serie abgelassen werden können – bevor die Spieler zur Selbstjustiz greifen. Das beste Eishockey sehen wir, wenn die Spieler auf der feinen Linie zwischen Aggression und Gewalt balancieren. Doch es darf nicht überborden.

Bierduschen und Champagner

Das letzte Mal, dass sich diese beiden Teams im Final duellierten, war 2004. An einem Gründonnerstag hatte sich ganz Bern auf die grosse Meisterparty vorbereitet. Wir hatten schon eine Hand an der Champagnerflasche. Doch das Schicksal wollte es, dass wir kurz vor Schluss das entscheidende 3:4 bekamen. Also mussten wir nochmals nach Lugano für ein entscheidendes Spiel, mussten wir uns nochmals den Bierduschen stellen, von Polizei­eskorten begleitet und den quälenden Gedanken an die verpasste Chance.

Ich nahm einen Anzug aus dem Schrank, den ich seit dem 1. April 2000, seit der Meisternacht mit den ZSC Lions, nicht mehr getragen hatte. Es ist ein Armani-Anzug, und er schaute immer noch gut aus. Es war mein Glücksanzug. Wir siegten in Overtime. Ich habe ihn immer noch und würde ihn Lars Leuenberger ausleihen, falls er ihn möchte. Allerdings glaube ich, dass er ihm nicht passt. Und wahrscheinlich braucht er ihn ohnehin nicht. Er hat sicher einen eigenen Glücksbringer.

Kent Ruhnke (63) führte Biel (1983), den ZSC (2000) und Bern (2004) zum Titel. Das Playoff begleitet er für den TA mit seinen Kolumnen.

Erstellt: 01.04.2016, 22:23 Uhr

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