«Wir Goalies machen sehr viele Fehler»

Leonardo Genonis Wechsel von Bern zu Zug war der Königstransfer. Vor der Saison spricht der fünffache Meister über Misstritte, Stress und Vorzüge, verschlossen zu sein.

Ruhig auch in Ausnahmesituationen: Leonardo Genoni. Foto: Reto Oeschger

Ruhig auch in Ausnahmesituationen: Leonardo Genoni. Foto: Reto Oeschger

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Warum sind Sie Goalie?
Schwärmt nicht jedes kleine Kind, das sich für Eishockey interessiert, von der Ausrüstung, den Masken, den grossen Schonern, Handschuhen? So war es bei mir. Ich war schon mit fünf mehrmals wöchentlich auf dem Eis und sah die Goalies. In der Hockeyschule durfte ich mich erstmals im Tor versuchen. Dort war es einfach: Die Tore sind nicht so gross, wenn ich mich hinlegte, fielen eigentlich keine Tore mehr. Ich dachte darum damals schon, ich sei ein guter Goalie. Später, als ich alle Positionen ausprobierte, kristallisierte sich schnell heraus, dass ich mehr Qualitäten habe im Tor als auf dem Feld. Also entschied ich mich nach der Moskito-Stufe, Goalie zu werden.

Sie waren Meistergoalie in Davos und in Bern, nun kommen Sie als aktueller Champion zum EVZ. Ihr letztes Club-Spiel war also das Meister-Spiel mit dem SCB, das letzte mit der Nationalmannschaft an der WM gegen Kanada, als die Schweiz im Viertelfinal bis 0,4 Sekunden vor Schluss führte und dann dennoch in der Verlängerung verlor. Welches Spiel fiel Ihnen einfacher zu vergessen?
Ich vergesse kein Spiel. Ich lerne ja sehr viel aus den Spielen, vor allem aus Niederlagen, aus Fehlern. Ich kann besser werden, wenn ich jedes Spiel kritisch anschaue. Es war ja auch nicht so, dass mein letztes Spiel mit dem SCB fehlerlos war. Ich machte auch dort viele Fehler, es ging einfach auf, wir schossen ein Tor mehr und gewannen. Gegen Kanada war das dann umgekehrt.

Goalies und ihre Coaches betonen aber immer wieder die Wichtigkeit des Vergessens, besonders unmittelbar nach Fehlern. Wie gut sind Sie da?
Sehr gut. Egal, ob ich gerade die Parade oder den Fehler der Saison hinter mir habe: Die nächste Situation muss immer bei null anfangen. «Vergessen» ist vielleicht ein zu grosses Wort. Aber abhaken können muss man.

Viele Goalies haben ein eigenes Ritual, das nach jedem Gegentor zu beobachten ist.
Ich habe eigentlich keines. Oder wenn, dann ein unbewusstes. Was ich nach Gegentoren versuche, ist, mit der Körpersprache zu arbeiten. Ich will, dass meine Mitspieler mich sehen und wissen: «Hey, der ist noch da, der steht zu euch, egal was passiert!» Das war auch bei diesem Tor gegen Kanada 0,4 Sekunden vor Schluss so. Es war bloss der Ausgleich, es ging weiter, wir hätten in der Verlängerung noch gewinnen können.

Fred Brathwaite, ein kanadischer Goaliecoach, sagt, dass er schon bei den Allerjüngsten auf die Körpersprache nach Gegentoren achtet. Denn da könne der Torhüter mit falschen Signalen die ganze Mannschaft mental herunterziehen.
Das ist so. Und es ist egal, wie alt du bist. Die Ausstrahlung ist das A und O eines Goalies. Er kann sich nicht verstecken in diesem Moment. Wenn ich als Goalie meinen Mitspielern mit meiner Körpersprache nicht helfe, mache ich sie 2 Zentimeter kleiner. Dann beginnen sie nachzudenken.

Es gibt Goalies, die nach Gegentoren die Hände verwerfen. Das Dümmste, was man tun kann?
Ich habe das noch nie gemacht. Das zeugt von Schuld-Weitergabe und davon, dass du dich aus der Schusslinie nehmen willst. Ich ticke überhaupt nicht so.

Die Goaliewelt ist nicht nur für Zuschauer fremd. Viele Top-Goalies erzählen, dass selbst Mitspieler oder gar Cheftrainer keine Ahnung hätten, was Goalies mit ihrem Goaliecoach da machen.
Ich habe schon einige interessierte Mitspieler erlebt, vor allem Stürmer. Diese wollen zum Beispiel wissen, was wir genau machen in bestimmten Situationen, wohin wir schauen. Weil der Stürmer dieses Wissen für sich nützen will. Er will sich in einen Goalie hineinversetzen können.

«Ja, ich schaue mir auch gerne zu, sehe gerne Sachen, die ich gut gemacht habe. Ich bin aber mir gegenüber sehr kritisch eingestellt, ich will auch alle weniger guten Sachen anschauen.»

Ben Bishop, ein Top-NHL-Goalie, hat diese Methode, wenn ihm das «Vergessen» schwer fällt und er schlechte Spiele aneinanderreiht: Er schaut sich mit seinem Coach so lange alte, schöne Paraden an, bis es ihm wieder besser geht.
Wie es einer macht, ist egal. Ich muss es hinbekommen, dass ich wieder an mich glaube, wenn ich das nächste Mal aufs Eis gehe. Das ist das Wichtigste. Und ich muss bereit sein, wirklich alles Mögliche zu erwarten. Goalie zu sein, ist ein mentales Spiel, das muss einem bewusst sein. Ich werde schwache Phasen haben, dagegen gibt es kein Rezept, aber verschiedene Lösungsansätze. Ja, ich schaue mir auch gerne zu, sehe gerne Sachen, die ich gut gemacht habe. Ich bin aber mir gegenüber sehr kritisch eingestellt, ich will auch alle weniger guten Sachen anschauen. Das ist sehr komplex, das sind so kleine Details, dass sie kaum einer Person ausserhalb der Goaliewelt auffallen. Ich hoffe, dass wir nun mit diesem Gespräch das Eis auch brechen und die Leute dazu animieren können, mehr auf diese Goaliewelt zu achten.

Wie pusht sich ein Goalie, wenn er mental im Tief ist? Feldspieler können physischer spielen als üblich, , Checks häufiger fertig machen, defensiv noch verlässlicher agieren, sich also Schritt für Schritt hochziehen. Ein Goalie kann all das nicht tun …
Das ist schwierig zu erklären. Ich hatte mir letzte Saison in Bern vorgenommen, als Goalie mehr mitzuspielen und mir so einen Extra-Schub zu verleihen. Also öfter auch hinters Tor zu gehen, den Puck zu spielen, den Mitspielern zu helfen. Aber damit begibt sich ein Goalie auf einen schmalen Grat. Dann, wenn er übermotiviert ist und unnötige Aktionen macht.

Sie sind da ein «gebranntes Kind», kassierten das wahrscheinlich grösste Slapstick-Tor der letzten Saison, als Sie in Davos fast von der Mittellinie aus zuschauen mussten, wie der gegnerische Stürmer den Puck in Ihr leeres Tor schob.
Das lief dumm, ich verkantete mit dem Schlittschuh, fiel um und konnte nichts mehr tun. Wir Goalies machen sehr viele Fehler. Dieser war ein offensichtlicher, viele andere werden halt nicht gesehen von den meisten.

Letzte Saison war der Finne Aki Näykki Ihr Goalietrainer. Er sagte nach diesem Fehler, dass er ihn gar nicht ansprach nach der Partie. Dass er seine Goalies vorerst generell in Ruhe lasse nach schlimmen Fehlern und nur dann mit ihnen darüber rede, wenn diese es explizit wünschen.
Es braucht in solchen Momenten Fingerspitzengefühl des Goalietrainers. Und es braucht Vertrauen. Je mehr sich Goaliecoach und Goalie «spüren», desto eher weiss der Trainer, wie der Torhüter reagiert, wenn er ihn auf bestimmte Themen anspricht. Es geht ja oft um solche Extremsituationen. Mir war zuvor so etwas noch nie passiert. Zudem lachte ein Grossteil des Teams über meinen Fehler. Darum konnte ich es auch mit Humor nehmen. Wir schauten es noch einmal im Videostudium an und hakten die Sache dann ab.

Die Arbeit mit Näykki beeindruckte Sie von Anfang an.
Wir kannten uns nicht, hatten aber ein langes Gespräch, bevor er in Bern unterschrieb. Ich merkte schon da, dass er ein offener Mensch ist, der nicht nur mit dem Goalie, sondern mit dem Menschen arbeiten will. Das gefiel mir sehr gut. Er wollte mich nicht nur im technischen Bereich, sondern auch als Person kennen lernen und mich weiterbringen. Und ich bin geprägt von finnischen Goalies, das geht zurück bis zu Ari Sulander, zu dem ich als ZSC-Junior hochschaute.

Was wirklich speziell ist: Näykki wollte alles aus Ihrem Privatleben wissen, auch Ihre Ehefrau kennen lernen. War das nicht unangenehm? Und fiel es da nicht schwer, sich zu öffnen?
Wenn zwei auf der gleichen Wellenlänge sind, geht das. Du findest dann wie im normalen Leben Freunde. Er sprach mit mir auf Augenhöhe. Das ist ein Vorteil gegenüber dem, der dich herumkommandiert.

Sie waren sich aber nicht immer einig mit ihm. Es gab im März diese Episode in der Viertelfinalserie gegen Genf …
... ja, als wir diese späten, auch kuriosen Tore kassierten, fragte mich Aki, ob wir nun im mentalen Bereich arbeiten und darüber reden sollten. Ich sagte Nein.

Und Sie kassierten prompt wieder späte, kuriose Treffer …
… und wieder kam die Frage von Aki. Auch Kari Jalonen erkundigte sich plötzlich bei mir und fragte, ob alles in Ordnung sei, ob wir ein Problem hätten?

Es kommt kaum vor, dass der Cheftrainer sich einmischt in die Goaliearbeit.
Es ist üblich, dass Fragen des Headcoachs zunächst über den Goalietrainer laufen.

Wie reagierten Sie auf die erneute Nachfrage?
Ich blieb dabei, sagte Nein. Ich sagte, dass ich genau gleich weiterarbeiten will, als hätte es diese kuriosen Treffer gar nicht gegeben. Ich wusste: Das waren Tore, die normalerweise nicht fallen.

«Ich hatte noch nie Angst vor dem Versagen. Ich spüre auch keinen Druck, weder von Mitspielern noch von ausserhalb. Ich habe vor allem Spass.»

Wir sprachen vom Spass im Leben eines Goalies. Es geht aber nicht nur lustig zu und her. Mike Valley, NHL-Goaliecoach und Buchautor, schrieb: «Keine Position im Sport ist so anfällig auf psychische Probleme, ­Angstzustände und als Folge dessen Muskel­übersäuerung, Atemnot, ­Übelkeit und Schweissaus­brüche.» Kennen Sie das?
Es ist schon so, auch wenn er das sehr extrem formuliert. Jede Medaille hat zwei Seiten, und das hier ist die Kehrseite des Goaliejobs. Mit dieser muss ich umgehen können. Ich bin alleine auf dem Eis, bin oft im Stress. Und es steckt sehr viel Arbeit hinter dem Goalieleben, die genauso im Verborgenen bleibt wie all diese aufgezählten Probleme.

Ist es ein Tabuthema? Warum reden meist nur zurückgetretene Goalies darüber? Oder anders gefragt: Wann hatten Sie zuletzt Angst?
Ich hatte noch nie Angst vor dem Versagen. Ich spüre auch keinen Druck, weder von Mitspielern noch von ausserhalb. Ich habe vor allem Spass. Ich komme nochmals aufs Kanada-Spiel zurück: Ich konnte mit dieser Situation gut umgehen, haderte überhaupt nicht, hatte auch keine Angst, dass ich einen Fehler in der Verlängerung machen würde. Auch, wenn mir dann prompt einer unterlief … (lacht)

Das müssen Sie jetzt so sagen.
Nein, ich habe ja auch von vielen Sportlern Ähnliches gelesen, dass sie immer noch vor jedem Spiel nervös seien, nicht nur von Goalies – ich lese ja gerne Biografien.

Vom Amerikaner Scott Darling gibts die Geschichte, dass er vor jedem Spiel vor Nervosität erbrechen muss – erst dann findet er die Ruhe, seine Leistung abrufen zu können …
Das zeigt auch, dass wir Goalies auch nur Menschen mit Macken sind. Vielleicht bin ich diesbezüglich aber ein verschlossener Mensch, der diese Gefühle, diese Angstzustände nicht an sich heranlässt. Ich kann Spiele abhaken und habe auch keine Probleme mit dem Einschlafen nach Spielen. Da staunen oft sogar meine Mitspieler. Ich habe Glück, ich habe schon von mehreren gehört, wie sie stundenlang wach liegen. Das ist vielleicht mein Erfolgsrezept.

Torhüter können Identitätskrisen haben. Das sagt zum Beispiel Tampas Curtis McElhinney, und er spricht aus Erfahrung. Es treffe Goalies, die jedes Jahr den Goalietrainer wechseln oder wegen Transfers wechseln müssen. Sie selbst werden in Zug nun den fünften Goaliecoach in fünf Jahren haben. Spüren Sie diese Krise schon?
Ein Nachteil ist die mangelnde Kontinuität. Du kannst in einem Jahr nicht wirklich viel aufbauen. Ich lernte aber von jedem der drei Berner Goalietrainer etwas. Und man muss hier vielleicht auch sagen, dass ich zuvor in Davos neun Jahre lang mit Marcel Kull als Goalietrainer arbeitete. Er formte mich, er packte die Dinge in meinen Rucksack, die mich stark machen. Er gab mir die Ideale mit, die es braucht, ein Goalie zu sein. Keiner in meinem ganzen Leben hat mich je so geprägt.

Erfahrene Goalies mögen in der Regel nicht, wenn der Goaliecoach zu sehr an ihrem Stil herumschrauben will. Näykki hingegen wollte als erstes gleich ihre Körperhaltung grundsätzlich ändern in den Situationen, wenn der Puck sich in den Spielfeldecken befindet und Sie sich an den Pfosten lehnen. Das tönt für Aussenstehende nach klitzekleinem Detail, die beiden unterschiedlichen Stile für diese Situation ist unter Goalies aber fast schon eine «Religionsfrage». Sie machten dennoch mit!
Das passiert wirklich nicht oft. Ich sagte ihm aber: «Wir probieren es!» Obwohl mir diese neue Position nicht wirklich gefällt. Und es ging sehr lange, bis wir soweit waren. Denn wenn du so etwas Neues lernst, musst du die Bewegung tausende Male üben. Lustig war: Als ich es dann nach rund drei Monaten erstmals in einem Match ausprobieren wollte, kassierte ich sofort ein Gegentor. Aki und ich hatten viele Kämpfe bestritten, bis wir endlich so weit waren, und nun nahmen wir wieder zwei Schritte zurück, bevor wir wieder einen Neustart wagten.

Dieses Interview ist zum grossen Teil ein Auszug aus dem Tamedia-Podcast «Eisbrecher». Der ganze Podcast kann hier gehört werden:


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Erstellt: 12.09.2019, 12:53 Uhr

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