«Wir sind falsch programmiert»

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger kritisiert nach den beiden Niederlagen die fehlende Disziplin des Teams. Die Probleme würden tiefer sitzen, als er gehofft habe.

Schon wieder verloren: Severin Blindenbacher (l.) und Christian Marti nach dem 1:2 gegen Fribourg. Foto: David Kündig (EQ Images)

Schon wieder verloren: Severin Blindenbacher (l.) und Christian Marti nach dem 1:2 gegen Fribourg. Foto: David Kündig (EQ Images)

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Die ZSC Lions haben ein miserables Wochenende mit zwei Niederlagen hinter sich. Erschraken Sie am Freitag beim 1:6 in Lugano?
Als wir nach Lugano fuhren, wusste ich: Das ist ein Prüfstein. In der Vorbereitung oder der Champions League hatten wir uns gegen gute Teams steigern ­können. Diesmal gelang uns das nicht. Ich erschrak übers Resultat. Aber wie es dazu kam, überraschte mich nicht.

Wie meinen Sie das?
Die Mannschaft spielt zu überhastet, zu nervös. Uns fehlt die nötige Geduld. Wenn wir in Rückstand geraten, meinen wir, wir müssten sofort wieder aus­gleichen. Dann meint jeder, er müsse sein Glück in der Offensive suchen. ­Defense first, Defensive zuerst, das müssen wir noch lernen. Und das rächt sich dann halt gegen ein Team vom Kaliber Luganos.

Was muss konkret anders werden?
In unserem Team fehlen die Disziplin und das Vertrauen in die Mitspieler. Das äussert sich in unserer Spielweise. Und auch darin, dass wir uns immer ­wieder dumme Strafen einhandeln. Wir haben viele Dinge nicht intus, die eine gute Mannschaft ausmachen. Wir sind falsch programmiert. Wir meinen, wir ­müssten offensiv brillieren. Dabei kommt die beste Offensive aus einer ­extrem soliden Defensive.

Ist nicht auch ein Problem, dass der alte Kern um Spieler wie Seger, Blindenbacher oder Wick das Team nicht mehr tragen kann und sich noch kein neuer gebildet hat?
Spieler wie die Genannten, die bei ­grossen Erfolgen in tragenden Rollen ­dabei waren, dürfen, ja sollen nach wie vor tragen. Aber das Ziel ist, dass nun die Spieler der 90er-Jahrgänge mehr Verantwortung übernehmen. Sie sind jetzt ja auch in einem guten Alter dafür. Da müssen sie reinwachsen, das ist ein ­Prozess. Um den zu unterstützen, haben wir beispielsweise einen Charakter­spieler wie Kevin Klein geholt. Aber was mir schon lange aufgefallen ist: Wir ­haben eine extrem ruhige Garderobe. Vor dem Fribourg-Match war diese ­Saison ­erstmals ein bisschen Stimmung in der Kabine.

Ist der Fall von Ex-Captain Mathias Seger nicht ein Problem? Was macht es für einen Sinn, wenn er nicht einmal vier Minuten spielt wie am Samstag?
Wir haben kein Seger-Problem. Er ist einer von neun Verteidigern. Es ist aber so, dass alle diese neun NLA-Format ­haben, und wenn einer überzählig ist oder nicht viel spielt, ist er nicht glücklich. Das kann ich nachvollziehen, ­gehört aber zum Geschäft.

Das Coaching wirkt etwas beliebig. Müsste Hans Wallson mit seinem Coaching nicht klarer definieren, wer seine Schlüsselspieler sind?
Da bin ich nicht ganz gleicher Meinung. Die meisten erhalten nebst ihren Ein­sätzen bei fünf gegen fünf auch Eiszeit im Power- oder Boxplay. Was stimmt: Es haben sich noch nicht alle Linien ­gefunden.

«Ich hatte die Hoffnung gehabt, die Probleme ­würden weniger tief sitzen.»Sven Leuenberger

Sitzen die Probleme tiefer, als Sie gedacht hatten, als Sie kamen?
Ich hatte die Hoffnung gehabt, sie ­würden weniger tief sitzen.

Die schwedischen Coaches Hans Wallson und Lars Johansson setzen mehr auf Eigenverantwortung als ihre kanadischen Vorgänger. Müssen sie autoritärer werden?
Die Trainer müssen die Mannschaft zu einer Einheit formen. Manchmal auch mit harter Hand. Aber die Spieler ­müssen auch mehr Eigenverantwortung zeigen. Es muss eine Kombination sein.

Heisst das, es könnte personelle Konsequenzen geben, wenn das nicht gelingt?
Es heisst, dass wir die Probleme anpacken müssen. Die letzten Jahre konnte das Team mit seinem Talent vieles ­überdecken. Momentan haben wir ­gerade noch ein paar Absenzen, und so hat sich die Situation akzentuiert. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Wenn ­alles stimmen würde, wären wir die letzten zwei Jahre erfolgreicher gewesen. Das Wichtigste ist, dass man sich auf den ­anderen verlassen kann, wenn es hart auf hart geht. Das hat mit Disziplin und Vertrauen zu tun und mit Respekt dem anderen gegenüber. Momentan ist das nicht der Fall. In der Kette lässt immer wieder einer los.

Nochmals: Könnte es personelle Konsequenzen geben?
Nicht, wenn sich alle in den Dienst der Mannschaft stellen und wir auf gute Leistungen kommen.

Werden Sie diesen Prozess mit den gleichen Trainern durchziehen?
Ich sehe keinen Grund, wieso nicht. Wir müssen nun zeigen, dass wir zusammenstehen und einen Plan verfolgen können. Und da gehören die Trainer dazu.

Erstellt: 17.09.2017, 22:47 Uhr

ZSC-Sportchef Sven Leuenberger

«Was mir schon lange aufgefallen ist: Wir haben eine extrem ruhige Garderobe.» (Bild: Keystone Anthony Anex)

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