«Wir sind keine Sklavenhalter»

Besitzer Hans-Ulrich Lehmann will den EHC Kloten wie ein Unternehmen führen – auch wenn das Spieler kostet.

Keine Angst, sich zu exponieren: Hans-Ulrich Lehmann in seiner Hotelanlage in Zweidlen. Fotos: Reto Oeschger

Keine Angst, sich zu exponieren: Hans-Ulrich Lehmann in seiner Hotelanlage in Zweidlen. Fotos: Reto Oeschger

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Als Sie im Mai den EHC kauften, kannten Sie kaum einen Spieler. Hat sich das geändert?
Ja. In der ersten Phase war ich sehr nahe beim Team, weil ich mit jedem Spieler das direkte Gespräch suchte – auch, weil es um die Lohnkürzungen ging. Heute braucht es diese Nähe nicht mehr. Und dazwischen habe ich die Mannschaft zum Biken nach Glattfelden eingeladen.

War einer besser in Form als Sie?
Nein, keiner kam mir nach. (lacht) Aber Eishockeyspieler haben auch einen ganz anderen Muskelaufbau, als wenn man wie ich regelmässig Velo fährt. Ich habe den Ausflug aus anderen Gründen gemacht: Ich wollte wissen, wie die Spieler mit der Situation umgehen, mit dem Präsidenten unterwegs zu sein.

Und wie war es?
Keiner kam auch nur eine Minute zu spät – das war schon mal das Erste. Das Zweite war: Jeder hatte ein Velo, ich musste für keinen eines organisieren. Das war für mich toll: Sie erhielten eine Aufgabenstellung, und jeder hat erfüllt.

Haben Sie auch etwas über einzelne Spieler erfahren?
Natürlich. Wenn Sie mit 25 zusammen­gewürfelten Leuten Velo fahren, haben Sie nach zehn Minuten die ersten verloren. Das gab es bei uns nicht – es waren nicht alle gleich stark, aber alle schauten füreinander. Da hatte ich das Gefühl: Doch, die funktionieren als Team. Dann wollte ich wissen, wie der eine oder andere auf Druck reagiert. Also bin ich am Stadler Berg in die Pedale. Ich wollte wissen: Wo sind die Leader? Das spürt man sofort in einem Aufstieg – wer übernimmt den Lead, wer reklamiert oder flucht? Das war spannend. Aus dem ­gleichen Grund wollte ich auch nicht, dass der neue Trainer zu viel übers Team erfährt.

Warum nicht?
Weil mit einem Neuen im ersten Moment die ganze Hierarchie infrage gestellt wird. Wir wollten sehen, wie Pekka Tirkkonen die Mannschaft einschätzt. Und ob die Hierarchie, die es zuvor unter Sean Simpson gab, wirklich noch aktuell ist.

«Der Dorfcharakter zeichnet uns aus»: Lehmann vor dem Riverside.

Rückkehrer Roman Schlagenhauf spielte zuletzt in vorderen Linien ...
Er hat sicher Potenzial. Doch ich kenne ihn noch zu wenig, und ich weiss auch nicht, wie wichtig das Umfeld für ihn ist. Aber es ist lustig: Die ältere Generation, ein Vater Schlagenhauf, ein Wäger, die kommen auch wieder. Wir hatten kürzlich eine Veranstaltung, und da standen sie plötzlich da, das war toll. Wir müssen die Grössen von früher wieder einbinden – ich fände es schön, wenn sie an Match­tagen Pommes ausgeben und Bier ausschenken. Der Dorfcharakter muss wieder entstehen. Das zeichnet uns aus, und wir haben auch gar keine anderen Ansprüche.

Kommt diese Botschaft in Kloten an?
Es ist ein Prozess. Die erste Einladung nach der Club-Übernahme kam von der SVP. Ich hätte ein Referat halten sollen mit dem Titel: «Wann wird Kloten wieder Schweizer Meister?». Da habe ich gesagt: Unter diesem Titel komme ich auf keinen Fall. Sie haben ihn dann geändert.

Noch einmal zu den Salär­kürzungen: Sind Sie zufrieden mit dem ­Ergebnis?
Zufrieden ist man nie, aber wir haben unser Ziel erreicht, das Gesamtbudget um dreissig Prozent zu senken. Und vom Gesamtbudget sind ja gut achtzig Prozent Personalkosten.

Das wären 6 Millionen Franken weniger Ausgaben?
Ja, etwa sechs Kisten sind draussen.

Freuen Sie sich auf Ihre erste Saison im EHC?
Natürlich, klar. Kollegen sagen oft zu mir: «Spinnst du eigentlich, warum tust du dir das an?» Und die Frage ist ja nicht unberechtigt. Aber das Leben besteht eben nicht nur aus Zahlen. Wenn Sie nur Zahlen im Kopf haben, ist die Welt furchtbar langweilig. Im Sport ist es eigentlich umgekehrt, der besteht fast nur aus Emotionen. Die muss man jetzt vielleicht etwas abtemperieren.

«Ich würde keinem raten, zur persönlichen Profi­lierung einen Eishockeyclub zu kaufen.»

Werden Sie oft gefragt, ob nun alles gut kommt beim EHC?
Ja, extrem oft. Das habe ich unterschätzt. Wenn ich an einem Sommerabend in unser Restaurant kam und die Terrasse voll war, wurde ich nur noch als Kloten-Präsident wahrgenommen. Das hätte ich nie gedacht. Neulich kam eine wildfremde Frau auf mich zu, umarmte mich und sagte: «Herr Lehmann, danke vielmals, dass es weitergeht.» Mich hat das berührt.

Hat öffentliche Anerkennung auch eine Rolle gespielt, als Sie den Club übernahmen?
Nein, nein, bitte nein. Das können Sie mir glauben. Ich denke heute noch: Wenn ich nur zwei Tage zuvor das Telefon nicht abgenommen hätte! An jenem Morgen wollte ich noch Velo fahren und sagte zu meiner Frau: «Kloten ist an uns vorbeigegangen.» Um 10 Uhr läutete das Telefon – und ich nehme noch ab. Es war Verwaltungsrat Michael Kloter, er sagte: «Die Kanadier haben alle Bedingungen akzeptiert.» Da konnte ich ja nicht mehr gut sagen: Jetzt mache ich es nicht.

Das klingt nicht nach einem ­Herzensentscheid.
Es war Ehrensache. Ich würde sicher keinem raten, zur persönlichen Profi­lierung einen Eishockeyclub zu kaufen. Die kann er günstiger haben.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
Ich gebe den Leuten sehr lange Zügel, aber ich kontrolliere schon. Das KKK vom Militär (Kommandieren, Kontrollieren, Korrigieren; die Red.) setze ich schon um. Aber nicht, indem ich permanent hinter allen her bin.

In Ihrem Hotel haben Sie nach wenigen Monaten das halbe ­Personal ausgewechselt.
Damals wurden falsche Personalentscheide gefällt, da war ich selber schuld. In Kloten wusste ich innert kürzester Zeit: Das sind superintegre Leute. Ein Peter Lüthi, ein Matthias Berner, ein Pascal Müller oder ein Fige Hollenstein: Mit denen könnte ich eine Woche in die Ferien, und wir hätten keinen Stress miteinander.

Sie selbst haben allerdings keinerlei Eishockeyvergangenheit.
Nein, aber der Auslöser für mein Engage­ment war ja, dass der EHC der über­regionale Club in Zürich Nord überhaupt ist. Und ich bin mit meinen Unternehmen schwerpunktmässig ebenfalls in diesem Gebiet tätig – da gibt es schon Synergien.

Philippe Gaydoul und die ASE Group verloren als Clubbesitzer Millionen und erfuhren kaum Anerkennung. Davor hatte Jürg Bircher die Flyers ruiniert – und doch erinnern sich heute viele lieber an ihn. Warum?
Als Präsident musst du sichtbar sein. Zum Beispiel in der Loge: Du musst den Leuten Grüezi sagen, ob du Lust hast oder nicht. Die Logenbesitzer erwarten das, und Bircher war einer, der das noch gemacht hat. Es geht nicht nur darum, was man selbst empfindet – auch die Wahrnehmung der anderen ist wichtig.

Im Sport zeigen Sie weniger Mühe anzuecken. Als einziger NLA-Club verzichten Sie aus wirtschaftlichen Gründen auf einen vierten ­Ausländer. Könnte der auch erst aufs Playoff hin kommen?
Selbstverständlich, das lasse ich offen. Das hängt davon ab, ob wir das nötige Geld generieren. Ich verstehe nicht, ­warum die vier Ausländer so ein Dogma sind. Warum braucht es vier? Es gibt auch gute Schweizer. Letzte Saison hatte ­Kloten vier Ausländer – aber ich bin nicht sicher, dass alle ihren Lohn rechtfertigten.

Haben Sie keine Angst, das Team mit dieser Haltung auszubluten?
Nein. Ich habe den Spielern gesagt: Wir sind keine Sklavenhalter, ihr spielt freiwillig hier. Ich verschanze mich nicht hinter Verträgen. Wenn einer ein Talent ist und andernorts mehr verdienen würde – dann muss man ihn halt ziehen lassen.

Das vereinfacht den Job des ­Sportchefs nicht gerade.
Nein, aber es animiert die Leute, am Puls zu bleiben. Der Spieler ist nicht nur wegen des Salärs in Kloten, sondern auch, weil es ihm ­gefällt und er weiss, woran er ist.

«Der Spieler ist nicht nur wegen des Salärs in Kloten.»

Sie sind Klotens vierter Besitzer seit 2012. Wie lange bleiben Sie?
Schauen wir einmal. Ist der Club noch stärker in der Region verwurzelt, kann auch ein anderer der Chef sein. Aber zuerst müssen wir mit dem ersten Jahresabschluss den Beweis erbringen, dass unser Konzept funktioniert. Niemand dreht uns einen Strick daraus, wenn wir 200 000 Franken Verlust schreiben. Aber es können nicht 2 Millionen sein.

Sie stehen im Ruf, jede Rechnung einzeln zu signieren. Tun Sie das auch in Kloten?
Nein, nein. Aber ich schaue schon kurz drüber. Bevor Zahlungsläufe hinausgehen, muss man sie mir zeigen. So bin ich am schnellsten in der Materie. Aber ich habe mir noch keinen einzigen Vertrag zeigen lassen, das interessiert mich nicht. Man kann ja nicht alle Leute infrage stellen. Ein Matthias Berner (der CEO; die Red.) hat auf viel Lohn verzichtet. Aber er musste zuerst auch lernen: Ist der Lehmann wirklich so, wie er sich gibt – oder ist das nur Show?

Sie haben das Budget massiv ­gekürzt. Kann Kloten auch mit 14 Millionen ins Playoff kommen?
Natürlich. Da habe ich überhaupt keine Zweifel. Das ist unsere Zielsetzung.

Wie viele Kloten-Spiele sehen Sie diese Saison?
Sicher nicht jedes, das liegt terminlich nicht drin. Aber ich versuche natürlich, die Heimspiele möglichst zu besuchen.

Kloten startet im Hallenstadion. Wo verfolgen Sie den Match?
Peter Spuhler (ZSC-Vizepräsident; die Red.) hat mich in seine Loge eingeladen. Ich freue mich sehr, es wird spannend.

Erstellt: 09.09.2016, 10:59 Uhr

Hans-Ulrich Lehmann

Vom Handy zum Hotel

Hans-Ulrich Lehmann, 1959 geboren und Sohn eines Gefängnisaufsehers in Regensdorf, gehörte in den 90er-Jahren als Generalimporteur von Nokia und Gründer von Mobilezone zu den Schweizer Handy-Pionieren. Bald führte ihn die «Bilanz» auf der Liste der 300 reichsten Schweizer (geschätzte 200 bis 300 Millionen Franken). 2006 erwarb er in Zweidlen eine alte Spinnerei und baute sie zur Hotelanlage Riverside um. Der fünf­fache Vater und begeisterte Velofahrer war Finanzvorstand in Glattfelden und kandidierte für die SVP zweimal erfolglos für den Nationalrat.

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