Wo das Normale abnormal ist – und umgekehrt

Ein Blick auf die Sitten in der russischen Eishockeyliga, die nächste Woche in Zürich gastiert. Von einem Opferlamm, untätigen Putzfrauen und rasantem Tempo auf wie neben dem Eis.

«Das ist Russland»: In der KHL ist vieles anders.

«Das ist Russland»: In der KHL ist vieles anders. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Sie scheint so weit weg. Doch plötzlich ist sie ganz nah. Zu nah. Die Eishockey-Liga KHL wirbelt mit fast schon beängstigender Regelmässigkeit jeden Herbst mindestens einen Schweizer Verein so ziemlich durcheinander. Mit dermassen verlockenden Angeboten an Spielern, dass die Umworbenen trotz laufender Verträge einfach nicht widerstehen können. Der EV Zug war vor der Nationalteampause betroffen, Stürmer Viktor Stalberg erlag den Verlockungen von Awangard Omsk. Shane Prince liess vergangene Woche seinen Kontrakt in Davos auflösen. Weil er es doch noch einmal so gerne in der nordamerikanischen Profiliga versuchen würde. Hatte er in der Schule in Geografie ein «Ungenügend», oder nimmt er es mit der Wahrheit nicht so genau? Er unterschrieb bei Sibir Nowosibirsk. Sibirien liegt nicht in Nordamerika.

Die zwei KHL-Spiele im Hallenstadion sollen keine weitere ­Bedrohung für die hiesigen Clubs darstellen. Sie sollen gute Unterhaltung bieten, den Zuschauern die Liga und ihre Spieler ein bisschen näher bringen. Ein wenig den Markt testen, nachdem die NHL ja schon in der Schweiz gewesen ist. Und vielleicht auch mithelfen, dass das Fremde nicht mehr so fremd, das Spezielle am Eishockey in Russland nicht mehr so speziell erscheint. Die Liga ist erst gerade zehn Jahre alt, der erste kanadische Trainer, der in Russland arbeitete, war Dave King vor 13 Jahren.

«Das ist Russland»

Deshalb wird der Wechsel eines Spielers oder Trainers in den Osten noch fast immer zu einem Abenteuer. Matt Gilroy, der vor seiner Unterschrift in Rapperswil in der KHL spielte, sagt: «Auf dem Eis ist alles in Ordnung.» Aber daneben. Da ist einfach alles anders. So, wie es vor rund 50 Jahren wohl gewesen ist, als die ersten Europäer sich aufmachten, um in der NHL oder WHL zu bestehen. Nachvollziehen kann man vieles nicht. Muss man und soll man im Fall der KHL auch nicht. «Das ist Russland», und ein Schulterzucken bleibt in vielen Fällen als einzige Erklärung. Der Amerikaner James Wisniewski, der es nur gerade 16 Spiele in Wladiwostok aushielt, hatte allerdings 2016 seine liebe Mühe damit: «Dort ist das Abnormale normal. Oder das Normale abnormal», war seine Einschätzung

Nicht alle empfinden so. Aber auch nicht alles ist derart unvorstellbar wie das, was Anfang Jahr in Kasachstan geschah. Nach einer Serie von fünf Niederlagen liess Barys-Coach Jewgeni Koroschkin vor einem Training ein Schaf auf dem Eisfeld schlachten, das Blut wurde über die Tornetze verteilt. Das sollte Glück bringen. Die Ausländer waren schockiert.

Gehaltsobergrenze von 13,6 Millionen Franken mit Ausnahmen

Die Kontinentalnaja Hokkejnaja Liga (KHL) ködert ihre Spieler, vor allem die Ausländer, mit viel Geld. Es lockt auch der Steuersatz von nur 13 Prozent. Dass der russische Rubel in den letzten Jahren an Wert verloren hat, mindert den Anreiz nicht. Die grossen Vereine, die von Gazprom (SKA St. Petersburg), Rosneft (ZSKA Moskau) oder Tatneft (Gagarin-Cup-Sieger Kasan) gesponsert werden, haben für den schnellen Erfolg fast unbegrenzte Ressourcen. Daran ändert auch eine Gehaltsobergrenze, welche laut Strategie ab 2020/21 «strikt» auf 13,6 Millionen Franken pro Club festgesetzt ist, nichts. Denn Russland wäre nicht Russland, gäbe es nicht die wichtigen Ausnahmen, mit denen sich so manche Vorschrift umgehen lassen kann: Individuelle Boni, Rang- und Leistungsprämien sind nicht in dieser Summe enthalten, die Löhne der Spieler unter 21 Jahren auch nicht.

Schon früher zeigte man sich höchst erfinderisch in diesem Bereich. Es gab Clubs, die sehr viele weibliche Putzkräfte auf ihrer ­Gehaltsliste führten. Es waren die Namen von Spielerfrauen. Die ­taten eines sicher nicht: putzen.

Schnelle Liga

Kein anderes Adjektiv passt so gut zur KHL wie «schnell». Die Liga wurde erst 2008 gegründet, hervorgegangen ist sie aus der russischen Superleague. Teams kamen, gingen, mussten gehen – maximal 28 Mannschaften gehörten dazu, aktuell sind es 25 aus 7 Ländern. Das jüngste Mitglied steht als Paradebeispiel für die schnelle KHL. Am 25. Juni 2016 wurde in Peking im Beisein von Chinas Staatspräsident Xi Jinping und Russlands Präsident Wladimir Putin eine Vereinbarung unterzeichnet, die den Eintritt von Kunlun Red Star in die KHL regelte. Trainer und Spieler waren noch keine bekannt, doch gut zwei Monate später, am 1. September, trat Kunlun zum ersten Meisterschaftsspiel an. Wladimir Jursinow junior, der Sohn der Trainerlegende Wladimir Jursinow, hatte aus dem Nichts eine Mannschaft zusammengestellt, die es­sogar ins Playoff schaffte.

Schnell geht es, wenn Spieler geholt werden müssen, und schnell wird gehandelt, wenn die Erfolge ausbleiben. Der frühere Schweizer Nationalcoach Sean Simpson wurde 2014 nach nur acht Partien in Jaroslawl entlassen, in diesem Herbst erfolgte der erste Wechsel an einer KHL-Bande bereits nach sechs Spielen. Nicht immer bedeutet Entlassung allerdings Entlassung. Der ehemalige Rapperswil- und Fribourg-Trainer Jewgeni Popichin wurde im Oktober 2009 von Torpedo Nischni Nowgorod gefeuert und durch Sergei Michailow ersetzt. Sechs Spiele später war ­Popichin wieder im Amt, weil die Resultate unter dem Nachfolger noch schlechter geworden waren.

Meistertrainer Biljaletdinowals die löbliche Ausnahme

Die Oligarchen und Sponsoren regieren, den Trainern fehlt die Zeit, sich um junge Spieler zu kümmern. Die Ausnahme ist Sinetula Biljaletdinow (im Herbst 2001 in Lugano Trainer). 2005 bis 2011 war er Kasan-Coach, nach seiner Zeit im Nationalteam kehrte er 2013 zurück. Diesen Frühling gewann er mit Kasan den Gagarin-Cup, das KHL-Pendant zum Stanley-Cup.

Auf neun Zeitzonen ist die KHL ausgedehnt. Reist Slovan Bratislava, der westlichste Verein, nach Wladiwostok, hat er 8035 km Flugkilometer vor sich, muss er nach Shanghai, sind es sogar 8435 km. So funktioniert der Osttrip im Falle von SKA St. Petersburg: Am 25. Dezember spielt er in Peking, am 27. in Chabarowsk und am 29. in Wladiwostok. Zumindest die Reisestrapazen der KHL darf man als abnormal bezeichnen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 26.11.2018, 09:27 Uhr

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