Wohlwend führt den HCD in ein neues Zeitalter

Der Davoser Trainer versteht Weiterbildung als Hobby und Liebe als Erfolgsrezept.

Er musste einst zum Trainerjob überredet werden: Christian Wohlwend, 42, vor seiner Bühne in Davos.

Er musste einst zum Trainerjob überredet werden: Christian Wohlwend, 42, vor seiner Bühne in Davos. Bild: Thomas Egli

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Es dauert bloss Minuten, ehe die ganz grossen Fragen gestellt werden. «Woher kommt diese Leidenschaft?», will ein Reporter wissen. «Warum sind Sie so ehrlich?», erkundigt sich ein ­anderer. Die Reporter strecken ihre ­Mikrofone noch näher zum Gesicht des Schweizer Trainers. Und sie werden nicht enttäuscht: Es folgt der Wohlwend-Moment.

«Wir sind Menschen. Wir sind ­Liebe. Wir sind Energie», sagt Christian Wohlwend, hebt beide Arme und blickt kurz nach oben. «Man kann immer Liebe ­geben. Und eines ist sicher: Wenn du gibst, gibst, gibst, bekommst du immer Liebe zurück.»

Es sind solche Sätze, mit denen der Engadiner an der Junioren-Weltmeisterschaft ganz Kanada in seinen Bann zog. Auf Youtube finden sich grandiose Zeugnisse davon, wie er Interviews in Kult verwandelt. Und doch tun sie in ihrer Skurrilität einem Mann unrecht, der in der Schweiz die höchsten Trainerdiplome erwarb. Der sein Team in den WM-Halbfinal führte und auch beim Aufschwung des A-Nationalteams eine Schlüsselrolle spielte. «Unser Playbook ist in Volvos Schädel entstanden», sagt Chefcoach Patrick Fischer.

Vor dem Halbfinal der Schweiz gegen Finnland an der Junioren-WM sprach Wohlwend davon, Gold zu gewinnen. (Video: Youtube/TSN)

«Volvo» ist der Übername des 42-jährigen Bündners. Und Fischer ist voreingenommen. Der Mann, den er 2016 als Scout ins Nationalteam holte, ist einer seiner besten Freunde. Die beiden arbeiteten gemeinsam in Lugano. Doch kennen gelernt haben sie sich, als Fischer Captain des HC Davos war und Wohlwend ihm eine Versicherung verkaufte. «Cooler Typ», dachte Fischer damals.

«Headcoach in Davos, das musst du geniessen und zelebrieren»

Im Dezember 2019 ist der coole Typ selbst in Davos. Längst verkauft er ­keine Versicherungen mehr, und statt die U-20 bereitet Wohlwend jetzt den HCD aufs wichtigste Turnier des Jahres vor: den Spengler-Cup. Gerade hat er das Training geleitet, nun sitzt er im ­Stadionrestaurant beim Mittagessen, es gibt Salat, Rindfleisch, Teigwaren. «Wenn du etwas machen darfst, was sehr wenige machen dürfen, ist das ein Privileg», erklärt Wohlwend. «Wenn du in einem Halbfinal bist oder in Davos Headcoach, musst du das zelebrieren und geniessen.»

Der Mann zu seiner Linken hört das gerne. Raeto Raffainer ist Sportchef des HCD, war bis vor ein paar Monaten schon beim Verband sein Vorgesetzter. Und ist doch viel mehr. Als es im ­Frühling darum ging, welcher Trainer die Ideen des Clubs am besten umsetzen könne, deklarierte der Sportchef seine Nähe zu einem der Kandidaten: Auch Raffainer und Wohlwend sind Freunde.

«Wir dürfen nun mit einer Mannschaft arbeiten, die bereits der Identität des HCD entspricht: Intensität, Speed, hohes Battle-Level, offensive Ausrichtung.»Christian Wohlwend

Die Ideen waren so klar wie ihre Umsetzung schwierig. Denn es ging um nichts weniger, als den HCD nach 22 Jahren Arno Del Curto von einer Autokratie in ein modernes Sportunternehmen zu verwandeln – mit Spezialisten sowie klar getrennten Aufgaben. Und dabei zugleich das Erbe eines Mannes zu bewahren, der Davos und dessen Image geprägt hat wie keiner zuvor.

Entsprechend behutsam wird die Botschaft nach aussen getragen. Die Titelseite des Clubmagazins inszeniert den neuen, sechsköpfigen Trainerstab als Gruppe Gleichberechtigter. Und nach dem ersten Umblättern blickt einem ein lächelnder Wohlwend entgegen. «Ich war als junger Trainer stets ein Arno-Fan», steht im ersten Absatz. Danach lobt der Coach die Transfers seines Vorgängers und versichert den erfolgsverwöhnten Fans, dass gar nicht alles anders werde: «Wir dürfen nun mit einer Mannschaft arbeiten, die bereits der Identität des HCD entspricht: Intensität, Speed, hohes Battle-Level, offensive Ausrichtung.»

Die Auftritte in der Meisterschaft geben ihm recht: Davos ist wieder ein Spitzenclub. Und weil Wohlwend denselben Dialekt spricht wie Del Curto, weil er dieselbe Intensität und Zitierbarkeit zeigt, ist die Versuchung gross, die beiden zu vergleichen. Dabei sind sie grundverschieden. Über Del Curto gab es nie Homestorys wie bei Wohlwend schon nach wenigen Wochen – mit Frau Kathy, den beiden Söhnen und zwei wuscheligen Katzen. Und die Offenheit, mit der Wohlwend über Privates spricht, passt perfekt zur Generation Facebook.

Versicherungsmakler, Golfhändler, Spieleragent

Zum Beispiel über seine Kindheit als Sohn eines Hoteldirektors in Montreal, auf den Bahamas, im Engadin: «Mein Vater war ein Gastgeber, ein Künstler, konnte acht Sprachen. Sein Job in den grossen, schönen Hotels war es, die wichtigen Gäste zu unterhalten.» Der rege Austausch damals habe ihn geprägt. «Menschen interessieren mich. Ich habe gelernt, offen zu sein, auf ­Leute zuzugehen, mich nicht abzuschotten», sagt Wohlwend.

Die Neugier blieb sein Begleiter. Während einer von Verletzungen geprägten Spielerkarriere – «14 Knochenbrüche, Diskushernie, fast ein Auge verloren», zählt er auf und greift zur Gabel – machte Wohlwend eine Ausbildung nach der anderen, nennt Weiterbildung heute «ein Riesenhobby». So versuchte er sich als Versicherungsmakler, Golfhändler, Spieleragent. Und so wurde er auch Trainer: Ein Bekannter bearbeitete ihn 2007 so lange, es nebenbei beim Zürcher Zweitligisten Wallisellen zu probieren, bis Wohlwend nachgab.

Christian Wohlwend fühlt sich in Davos wohl. (Bild: Thomas Egli)

Damit fand er seine Berufung. Bald übernahm er eine Liga höher vollamtlich den EHC Bülach, 2013 führte ihn sein Beziehungsnetz als Junioren­trainer nach Lugano. «Es gibt Leute, die ­mögen Veränderungen nicht», sagt der Hotelierssohn, «ich aber liebe sie.»

Auch darum passt der Engadiner vor diesem 93. Spengler-Cup perfekt zum HCD. Der Club spielt in einem Stadion, das nach zwei Dritteln Runderneuerung in frischem Glanz erstrahlt. Der Club hat sportlich einen Quantensprung gemacht. Und er hat nun einen Coach, mit dem sich all das vermarkten lässt – nie besser als am Spengler-Cup.

Als Wohlwend fertig gegessen hat, tritt ein Mann an den Tisch. «Wo muss ich hin?», fragt der Trainer. «Du hättest schon vor fünfzehn Minuten dort sein sollen», antwortet der Medienchef. Er lächelt. Der nächste Wohlwend-­Moment kann kommen.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 25.12.2019, 17:05 Uhr

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