Höher, weiter, chancenloser

Will die Schweiz dereinst Winterspiele durchführen, sollte sie die scheinheiligen Attacken gegen das IOK beenden und dafür die Olympiaskeptiker ernster nehmen.

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Die Debatte um Schweizer Winterspiele 2026 ist noch jung, aber bereits erhellend. Sie offenbart, wie Politik und Initianten das Projekt mit ihrer Scheinheiligkeit und ihrem Herumdrucksen zum Scheitern bringen dürften. Zumal der Ruf des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), des Hüters der Spiele, hierzulande ebenso mies ist wie derjenige seines Hauptprodukts: Die IOK-Funktionäre hält man alle für korrupt, die Spiele für eine gigantische Geldfressermaschine.

Dabei gäbe es mit einem smarten Informationsansatz zumindest die Chance, die grosse Mehrheit der Skeptiker zum Nachdenken zu bringen. Als Erstes sollte die Phantomdebatte aufhören. Sie betrifft das IOK-Bashing, das selbst von namhaften Politikern betrieben wird. So sagte Roger Nordmann, der SP-Fraktionschef in Bern: «Ich werde persönlich beim IOK in Lausanne vorbeigehen und ihnen erklären, wie unsere direkte Demokratie funktioniert.» Nordmann spielte darauf an, dass vom IOK keine nationale Abstimmung über das Projekt vorgesehen ist, gerade Olympiagegner aber gerne eine hätten.

«Das IOK kennt die Schweiz 
besonders gut.»

Dabei sollte der Waadtländer Nordmann wissen: Wenn das IOK ein Land besonders gut kennt, dann ist es die Schweiz. Seit 1915 hat das Komitee seinen Hauptsitz in Lausanne, in der Waadt, und geniesst als Verein dank hiesiger Gesetze praktisch Steuerbefreiung. Viele IOK-Mitarbeiter sind Schweizer, der Hauptansprechpartner von Kandidaten wie Sion 2026 ist ein Lausanner. Zudem prägen die 5 Schweizer IOK-Mitglieder (von total rund 100) die Ausgestaltung der Spiele seit Jahren entscheidend mit.

Niemand kennt die Sicherheitslage von 2026

Weiter profitieren die Schweizer Sportverbände und das Nationale Olympische Komitee sowie einzelne Sportevents jährlich direkt oder indirekt von IOK-Geldern. Die (Sport-)Schweiz nimmt vom solventen IOK seit vielen Jahren also sehr, sehr freudig Beiträge an.

Statt scheinheilige Stimmungsmache gegen das IOK zu betreiben, sollte man sich folglich auf das wahre Problem konzentrieren, will man Sion 2026 nur schon ins Rennen gegen andere Kandidaten schicken: Man müsste ehrlicher die vielen olympiaskeptischen Bürger informieren und eingestehen, dass solche Spiele finanziell ein enormes Risiko darstellen.

Niemand mit intaktem Verstand weiss heute, wie sich die Sicherheitslage in 9 Jahren präsentieren wird. Deshalb ist es bizarr, nun ein Sicherheitsbudget von 302,8 Millionen Franken vorzulegen. Mit dieser Zahl samt Kommastelle wollen Bund und Initiatoren offensichtlich eine Kalkulierbarkeit suggerieren, die unmöglich ist. Ebenso gut hätte man 3xx Millionen in diesen entscheidenden Budgetposten schreiben können – oder gleich erklären können, dass man zum jetzigen Zeitpunkt bloss schätzen kann.

Was aber tut Sportminister Guy Parmelin? Er sagt, der Bund beteilige sich mit 995 Millionen und keinem Franken mehr, falls Sion 2026 den Zuschlag erhalte. Das klingt erst einmal nach Stärke und klarem Signal ans IOK: Wollt ihr uns als Gastgeber, müsst ihr eure Regeln überdenken.

Bloss hat das IOK mittlerweile klargestellt, dass es sich keinesfalls an den Sicherheitskosten ausserhalb der Stadien beteiligen wird. Die öffentliche Sicherheit könne bei einem solchen Grossanlass nun einmal nur das Land garantieren – also die öffentliche Hand.

Mehrere Milliarden, steht dazu!

Würden die budgetierten 302,8 Millionen darum nicht reichen, müssten natürlich die Steuerzahler für den Fehlbetrag aufkommen. Wie hoch er auch immer ausfallen würde. Wenn der Bund nicht zahlte, müssten Kantone und Städte die Lücke schliessen. Darüber aber reden die Olympia-Turbos ungern. Sie weichen der Kernfrage wie geschmeidige Athleten lieber aus.

Sollte es zu einer gesamtschweizerischen Abstimmung über Sion 2026 kommen, was zurzeit unwahrscheinlich ist, gelingt der Ja-Coup einzig mit Ehrlichkeit. Dazu würde gehören, dass man sagt: «Wir möchten für einen vierwöchigen Sportanlass von globaler Bedeutung und Ausstrahlung mehrere Milliarden aufwenden. Die Welt werden wir damit keinen Deut verändern, ihr aber immerhin zeigen, wozu wir fähig sind.»

Erstellt: 26.10.2017, 18:48 Uhr

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