«Ich bin ein Handball-Junkie»

Der fünffache MVP der Bundesliga Andy Schmid spricht vor der Europameisterschaft über eine verlorene Wette, Zwangsferien auf den Malediven und sein Kinderbuch.

Auf dem Feld sei er Spieler, nicht Arbeiter, sagt Andy Schmid (36) – er möchte den Gegner austricksen. (Foto: Sabina Bobst)

Auf dem Feld sei er Spieler, nicht Arbeiter, sagt Andy Schmid (36) – er möchte den Gegner austricksen. (Foto: Sabina Bobst)

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Wenn Sie am Freitag mit der Schweiz gegen Schweden zum EM-Start antreten, ist das für Sie das grosse «endlich»?
Das grosse «endlich» war nach der Qualifikation. Jetzt herrscht eine grosse Vorfreude. Die EM ist eine Zugabe, die wir geniessen können. Wenn wir mit gewisser Lockerheit an die Sache herangehen, glaube ich auch, dass es gut kommt. Ich werde nicht aufs Feld gehen mit der Einstellung: Jetzt bin ich endlich da, ich muss alles zeigen. Da bin ich genug ruhig in mir selber, um es zu geniessen. Es ist ja nicht selbst­verständlich, dass ich mit 36 noch so etwas erleben darf.

Es ist für die Schweiz die erste EM nach 14 Jahren, beim Gegner treten vier Teamkollegen und der Coach der Rhein Neckar Löwen auf. Ist das emotional nicht ein bisschen viel?
Das kann man nach dem Spiel sagen, wenn ich gut oder schlecht war. Ja, das Goalieduo Appelgren/Palicka, Nielsen und Tollbring, dazu Kristjan Andrésson, der seit einem halben Jahr mein Clubcoach ist. Hinzu kommt mit Eckdahl du Rietz ein Freund von früher. Das macht es schon ein bisschen speziell. Wenn ich hätte wünschen können, hätte ich mir einen anderen Gegner ausgesucht.

Wie haben Sie sich voneinander im Club verabschiedet?
Nicht speziell, aber dieses Spiel war vorher natürlich schon immer wieder mal ein Thema, auch im Training. Vor einem Penalty zum Beispiel tönte es: «Schweiz gegen Schweden, es steht 20:20, es ist die 45. Minute.»

Haben Sie eine Wette abgeschlossen?
Nein, nein.

Aber im Herbst haben Sie mit Teamkollege Mads Mensah gewettet. Sie verloren einen Tennismatch gegen den Dänen 1:6, 6:4 ,0:6 – und mussten die Haare blond färben.
Ich habe eigentlich gedacht, ich sei besser im Tennis. (lacht) Aber die Niederlage hatte vielleicht auch mit dem Alter zu tun.

Sie sind jetzt 10 Jahre bei den Löwen. Jedes Mal im Januar ist mehr als die Hälfte des Teams entweder an die EM oder die WM eingerückt, Sie nicht. Wie war das?
Am Anfang habe ich das fast genossen. Doch je länger das so gegangen ist, desto mehr habe ich das Gefühl bekommen, jetzt muss ich da mal zeigen, was ich kann. Ich spiele Jahr für Jahr Champions League, bin fünfmal nacheinander in der Bundesliga zum besten Spieler gewählt worden, und ich sitze im Januar irgendwo auf den Malediven am Strand. Das war schon sehr speziell.

Sie trugen sich 2017 mit dem Gedanken, nicht mehr im Nationalteam zu spielen. Wer oder was hat Sie umgestimmt?
Da waren einerseits sehr intensive Gespräche mit dem Verband. Die Verantwortlichen zeigten mir einen Weg auf, wie es aussehen könnte, auch später im Verband. Das war sehr wichtig für mich, denn im Endeffekt will ich nach der Karriere nicht zwischen Stuhl und Bank fallen. Trainer Michael Suter hat auch Überzeugungsarbeit geleistet. Aber in erster Linie war es ein sportlicher Entscheid. Ich habe gesehen und gespürt, dass es vorangeht.

Dazu gehört auch, dass neun Schweizer im Ausland spielen.
Ich habe schon vor fünf Jahren gesagt, die Schweiz wird erst besser, wenn Spieler ins Ausland gehen. Nehmen Sie Roman Sidorowicz in Melsungen. Er hat zwar zuletzt sehr wenig gespielt, aber man sieht, welche Fortschritte er gemacht hat. Oder welche Qualität uns Alen Milosevic bringt. Am Yellow-Cup habe ich gegen Tunesien von der Bank aus unsere Deckung angeschaut. Das ist jetzt eine A-Nationalmannschaft, habe ich gedacht. Da stehen Männer. Ich erinnere mich noch an früher. Da hat man uns mehrmals gefragt, ob wir die Nachwuchsauswahl seien. So war es, damals sind so ein paar kleine «Büebli» gekommen. Oder nehmen Sie Samuel Röthlisberger. Als er nach Stuttgart wechselte, fragte sich jeder, was das soll. Aber jetzt stellt er etwas dar, er steht hin, strahlt in der Defensive Ruhe aus, hat Selbstvertrauen.

«Ich bin teilweise schon sehr
verbissen, was ja nicht immer nur positiv ist.»

Bedeutet Spielen für Sie auch mit 36 noch Intuition?
Handball ist ein Spiel, und ein Spiel muss man mit der richtigen Einstellung angehen. Es gibt Handballarbeiter, aber ich bin ein Handballspieler. Ich will das Spiel spielen, wie ich ein Gesellschaftsspiel spiele. Den Gegner austricksen, ihm einen Schritt voraus sein. Die Ruhe ist als wichtige Komponente hinzugekommen. Es muss schon sehr viel um mich herum geschehen, dass ich die Ruhe und auch das Vertrauen in mich selber verliere.

Was alles steckt hinter dem Weg, den Sie gemacht haben?
Verbissenheit, Ehrgeiz. Ich bin teilweise schon sehr verbissen, was ja nicht immer nur positiv ist. Ich habe mich an jeder Station durchgesetzt, das war entscheidend. Ich habe die Schweiz verlassen, weil ich damals der Beste war. Dann kam Dänemark, dann die Bundesliga. Das Ausein­andersetzen mit dem Sport ist enorm wichtig. Handballsüchtig tönt vielleicht blöd, aber ich bin schon ein Handball-Junkie.

Kunne vi gjøre dette intervjuet på norsk?
(lacht) Vi kunne gjøre det godt. Ja, von mir aus könnten wir dieses Interview gut auf Norwegisch führen. Ich habe ein Jahr in Dänemark gespielt und habe Dänisch gelernt, und meine norwegische Frau spricht mit den zwei Kindern Norwegisch. Ich kann ohne Probleme mit den Schwiegereltern Norwegisch sprechen.

Für Ihren 7-jährigen Sohn Lio schrieben Sie das schöne Kinderbuch «Mein Sprungwurf». Wie lange dauerte es von der Idee bis zur Realisation?
So drei, vier Monate nahm das in Anspruch. Es war kein Riesentext, die Sätze müssen ja relativ kurz sein für diese Altersstufe. Ich habe mir ein eigenes Wochenende mit Lio vorgestellt und dies in einer Art Tagebuch erzählt. Viel mehr Zeit benötigte der Rest: Druck, Illustrationen, eine ISBN-Nummer und, und...

Verkauft es sich gut?
Ende Jahr waren, glaube ich, über 5000 verkauft. Das war eine gute Sache. Ich brauche immer ein Projekt neben dem Sport.

Was ist das nächste?
Gerade diese Woche habe ich ein Brainstorming gemacht. Das nächste Projekt wird wohl irgendwie damit verbunden sein, die Zeit nach der Karriere auf­zugleisen.

Was ist mit der Sockenfirma Uandwoo, die Sie zusammen mit Löwen-Teamkollege Uwe Gensheimer und dem früheren Handballer Marko Vukelic 2013 gegründet haben?
Wir haben sie zu drei Vierteln ausgelagert, für einen bescheidenen Preis verkauft.

Haben Sie in all den Jahren etwas dabei verdient?
Es schaute jeweils ein gutes Feriengeld heraus. Es war aber vor allem einfach mal spannend.

Erstellt: 09.01.2020, 12:39 Uhr

Das Schweizer EM-Team

Torhüter: Nikola Portner (26/Montpellier),
Aurel Bringolf (32 / St. Otmar).
Rückraum: Andy Schmid (36 / Rhein-Neckar Löwen), Lenny Rubin (23/Wetzlar), Roman Sidorowicz (28/Melsungen), Luka Maros (25) und Dimtrij Küttel (25/Kadetten), Michal Svajlen (30/Pfadi), Lukas von Deschwanden (30/Chambéry), Nicolas Raemy (27/Thun).
Kreis: Alen Milosevic (30/Leipzig), Lucas Meister (23/Minden), Samuel Röthlisberger (23/Stuttgart), Philip Novak (20/Kadetten).
Flügel: Marvin Lier (27/Flensburg/Pfadi), Nik Tominec (28) und Maximilian Gerbl (24/Kadetten).
Trainer: Michael Suter (44). – Assistent: Mat-
thias Gysin (43). – Goalies: Michal Barda (63).

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