«Ich schwinge gerne, aber ich will auch das Leben geniessen»

Am Tag nach dem Gewinn des Königstitels erklärt Christian Stucki, weshalb er über 30 werden musste, um wie ein Spitzensportler zu denken.

Alle Gänge mit Stucki-Beteiligung: So schwang sich der König zu seinem Titel. (Video: SRF)

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Drei Stunden hat er geschlafen in der Nacht auf Montag, von vier bis sieben Uhr. Danach wurde Christian Stucki von Manager Rolf Huser nach Lyss chauffiert. Im Garten seines Hauses hat er ein Schwingerstübli eingerichtet mit all seinen Kränzen, Bildern, sonstigen Erinnerungen. Seit gestern steht die Siegertreichel vom «Eidgenössischen» in Zug in der Ecke. Stucki fläzt sich in einem Stuhl, Auto um Auto fährt vor. Der König scherzt, es solle rasch einer bei der Gemeinde anrufen: Es brauche jemanden, der den Verkehr regle. Der Berner (34) ist am Tag nach dem Triumph entspannt, müde und heiser.

Sind Sie froh darüber, nicht mehr nur der Schwingerkönig der Herzen zu sein?
Das war auch ein schöner Titel. (schmunzelt) Aber der jetzige ist noch etwas schöner.

Der Schwingerkönig der Herzen basiert auf Ihrer Geste nach dem verlorenen Schlussgang am «Eidgenössischen» 2013, als Sie Matthias Sempach auf die Stirn küssten. Hat sich Sempach am Sonntag revanchiert?
Als wir uns sahen, sagte einer zu Mättu: «Jetzt gib du ihm ein Müntschi.» Er liess es bleiben, ich war nicht unbedingt unglücklich darüber.

Sie sind der erste Schwinger seit 121 Jahren, der an einem «Eidgenössischen» einen Schlussgang verloren hatte und später doch noch König wurde. Haben Sie realisiert, welch grosses Ziel Sie erreicht haben?
Während der Fahrt von Zug nach Lyss hat es mir ein paar Tränen rausgedrückt. Aber so richtig fassen kann ich den Erfolg wohl erst später.

Haben Sie sich die Aufzeichnung des Schlussgangs angesehen?
Als ich im Bett lag, schaute ich mir alle Gänge nochmals an – respektive nur die sechs gewonnenen. (lacht) Das waren Hühnerhautmomente. Ich bin einfach nur glücklich.

Da und dort wird angezweifelt, ob Joel Wicki im Schlussgang wirklich ganz am Boden war. Was sagen Sie dazu?
Ich habe keine Zeitlupe gesehen. Aber wenn sich die Kampfrichter im Schlussgang eines «Eidgenössischen» nicht zu hundert Prozent sicher sind, geben sie das Resultat nicht. Unter uns Schwingern war das kein Thema, Joel hat nichts in diese Richtung erwähnt.

Plötzlich umstritten: der Schlussgang zwischen Stucki und Wicki. (Video: SRF)

Vor dem Schlussgang liefen Sie gemächlich in die Arena, gingen zum Brunnen, warteten später im Ring auf den Gegner. Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf?
Da lief einfach mein Film ab. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Du hast deine Abläufe, hältst dich daran, sie geben dir Sicherheit. Ich ging den Plan nochmals durch, sprach mir Mut zu. Ich wusste: Ich muss gewinnen. Und mit zunehmender Gangdauer würde es schwieriger werden. Ich wusste: Ich muss ziehen. Ich wusste auch: In der Regel reichen bei mir ein guter Zug oder zwei Züge für die Entscheidung. Es klappte im ersten Anlauf.

Wicki ist bekannt dafür, sofort nach dem Zusammengreifen die Entscheidung zu suchen. Viele Berner unterlagen ihm im ersten Zug, Sie aber nicht.
Ich bin grösser und schwerer als Wicki, das macht die Aufgabe für ihn extrem schwierig. Im fünften Gang trafen wir bereits aufeinander und stellten. Du darfst dich beim Greifen nicht einpacken lassen, musst die Beine nach hinten ziehen, damit er nicht zu weit hinten Griff fassen kann. Er hat das gegen mich so gemacht, ich ebenfalls.

Nach Wicki im fünften erhielten Sie im sechsten Gang Armon Orlik zugeteilt. Haben Sie das als ungerecht empfunden?
Orlik hatte 0,75 Punkte Vorsprung und somit eine andere Ausgangslage für den Kampf. In der Rangliste hatte es viele junge Schwinger um uns herum. Aber dann musste eben wieder der alte Mann ans Werk. Offenbar galt in der Einteilung wie in den Jahren zuvor: alle gegen die Berner. Aber ich habe mein Ei gelegt, mein Ding durchgezogen. Der Plan der Einteiler ging nicht auf.

Sie erhielten für den gestellten Kampf die Note 9, Orlik die Note 8,75. Später monierten Inner- und Nordostschweizer, diese Differenzierung habe Ihnen die Teilnahme am Schlussgang ermöglicht.
Die Notengebung war eher glücklich. Die Kampfrichter schrieben mir eine 9. Und ich ging sicher nicht zum Tisch und sagte ihnen: «Nein, nein, schreibt mir bitte eine 8,75, das wäre korrekt.»

Dennoch waren Sie nach zwei Gestellten gegen Wicki und Orlik auf fremde Hilfe angewiesen.
Ich dachte: Der Zug ist abgefahren, den achten Gang noch runterhämmern und fertig. Dann stellten Orlik und Schurtenberger. Als ich die Nachricht erhielt, ich sei im Schlussgang, war ich wie paralysiert.

Wicki, Orlik, Reichmuth und Giger waren die Favoriten. Und doch ist am Ende wieder ein älterer Berner Schwingerkönig. Wie erklären Sie sich das?
Ich habe im letzten Winter viel investiert, auf dieses Ziel hingearbeitet, konnte hart trainieren. Nach der Verletzung hatten die wenigsten auf mich gesetzt.

Ihr Erfolg hat auch mit Ihrem Wandel zu tun. Dürfen wir festhalten, dass Christian Stucki erst mit 30 Jahren zum Spitzensportler reifte?
Vom Denken her vielleicht ja. Ich kam spät in diesen Modus. Ich schwinge gerne, aber ich will auch das Leben geniessen. Das gehört für mich dazu. Schwingen ist nicht der Mittelpunkt meines Lebens. Aber als ich Tommy Herzog (sein Athletiktrainer seit 2017, die Red.) kennen lernte und er mir ins Gewissen sprach, begriff ich: Investiere ich mehr, kann ich noch erfolgreicher sein.

Wir erinnern uns an ein Interview vor dem «Eidgenössischen» 2010: Da haben Sie geraucht und nicht den Anschein gemacht, als wäre Ihnen das Fest so wichtig.
Ich habe das Leben genossen – aber nicht so exzessiv wie andere, die Wochenende für Wochenende «parat» waren. Im Schwingsport etwas leisten, aber auch richtig geniessen: Mir gefiel das. Aber ich war häufig im Training, während Kollegen in den Ausgang gingen. Es ist nicht so, dass ich früher wenig ins Schwingen investiert hätte.

Was auffällt: Sie sind auf dem Schwingplatz fokussierter.Bei vergangenen «Eidgenössischen» waren Sie quasi All­gemeingut, plauderten nach jedem Gang mit den Leuten.In Zug war das anders.
Die Leute kommen wegen uns Schwingern an die Feste, also will ich ihnen etwas zurückgeben. Ein, zwei Selfies und Autogramme sind kein Hemmschuh. Aber bei mir waren es schnell25 Selfies, 50 Unterschriften und 20 Minuten Zeit, die ich zur Erholung vor dem nächsten Gang hätte verwenden können. In Zug sagte ich: Liebe Leute, jetzt nicht, kommt nach dem vierten Gang am Samstagabend. Für einmal war ich egoistisch.

Kilian Wenger verkörperte den jungen Schwingerkönig. Matthias Sempach den kompletten, modernen. Matthias Glarner den überlegten…
…und ich bin das Alteisen. (lacht)

Welche Werte wollen Sie repräsentieren?
Jene, für die ich immer eingestanden bin: auf dem Boden bleiben. Ich bin der, der ich eben bin. Das schätzen die Leute an mir.

Und hätte Schwingerkönig Stucki Einfluss auf das Welt­geschehen, dann…
...ich bin doch keine Miss Universe. (lacht) Aber überall auf der Welt gibt es Konflikte. Zurzeit brennt der Amazonas. Es wäre ein Traum, in dieser Hinsicht etwas bewirken zu können. Wir müssen Sorge tragen zu Mutter Erde. Sonst werden es unsere Kinder und Grosskinder auf der Welt nicht mehr so schön haben.

Erstellt: 26.08.2019, 21:06 Uhr

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