«Ich spüre eine Euphorie im Land, das ist fantastisch»

Handball-Nationaltrainer Michael Suter (44) über Teamführung, EM-Träume und Badminton.

Viel Spielraum: Als Coach könnte Michael Suter in einer Sekunde alle Feldspieler auswechseln. (Bild: Urs Jaudas)

Viel Spielraum: Als Coach könnte Michael Suter in einer Sekunde alle Feldspieler auswechseln. (Bild: Urs Jaudas)

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Ab Freitag spielt die Schweiz in Göteborg erstmals seit 14 Jahren wieder an einer EM-Endrunde. Wenn ein grosses Turnier in Schweden ansteht, werden Erinnerungen wach an die WM 1993, an der die Schweiz Rang 4 belegte. Wie haben Sie jenes Turnier mitverfolgt?
Das erlebte ich sehr intensiv. Ich war noch im lokalen Sport tätig, im letzten Jahr, bevor ich zu Pfadi Winterthur wechselte. Ich habe die Spiele alle gesehen, sie alle aufgenommen und habe die Videokassetten teilweise noch im Keller. Ja, und dieser Spanien-Match, in dem es um den Einzug ins Bronzespiel ging. Die Schweiz gewann mit einem Tor Unterschied. Ich habe es genau in Erinnerung. Natürlich war es kein Zufall, dass Linksaussen Stefan Schärer das entscheidende Tor geschossen hat. Er war eines meiner Vorbilder. Ich habe wie alle mitgelitten.

Kann man den Handball von damals mit dem von heute vergleichen?
Nein. Die Sportart ist viel athletischer geworden, viel schneller, dynamischer. Nicht härter, schon gar nicht unfairer – im Gegenteil. Es gibt weniger versteckte oder harte Fouls als früher. Je wichtiger Spiele sind, desto fairer wird gespielt. Es gab auch diverse Regelanpassungen, von denen viele heftig kritisiert wurden. Ich fand alle Neuerungen richtig, und es ist ja auch keine zurückgenommen worden. Wir sind definitiv daran, eine Weltsportart zu werden.

Eine der Neuheiten ist das Angreifen mit sieben Feldspielern und ohne Goalie, das Sie so akribisch wie kein anderer pflegen. Wie sind Sie darauf gekommen?
Ich hatte das schon gespielt, als die Regeln noch anders waren, da musste der zusätzliche Angreifer mit einem speziellen Leibchen ausgestattet sein. Bei uns trug oft einer der Weitschützen dieses Shirt, er sollte auch werfen. Ich lege sehr viel Wert auf die Organisation meiner Teams. Sieben gegen sechs kann etwas vom Besten sein, wenn man die Variante gut spielt. Es geht ein bisschen weg von diesen Duellen Mann gegen Mann, weg vom Krafthandball. Eine gute Organisation verzeiht sogar mal einen Fehler.

«Früher hiess es für einen jungen Spieler die ersten zwei Jahre: Schnauze halten, Wasser tragen, isotonisches Getränk anmachen, auf der Ersatzbank sitzen.»Handball-Nationaltrainer Michael Suter

Stichwort Organisation: Wie führen Sie ein Team?
Es gab schon verschiedene Sachen über mich zu lesen, früher zum Beispiel, dass ich ein harter Hund sei. Aber wenn man mit Junioren arbeitet, muss man einen klaren Weg vorgeben. Wenn das Team einmal weiss, wohin du willst, dann kannst du normal kommunizieren und erklären. Man entwickelt seinen Stil. Ich muss in der Sache sehr präzis sein. Wenn etwas im Training geübt wird, will ich schon, dass es sehr genau abläuft, das braucht man ja nachher auch im Spiel. Mich interessiert Teamführung enorm, das ist ein zentrales Thema für mich. Ich beobachte und lese über ganz viele Trainer, aus verschiedensten Sportarten.

Was hat sich geändert?
Der Stil. Früher hiess es für einen jungen Spieler die ersten zwei Jahre: Schnauze halten, Wasser tragen, isotonisches Getränk anmachen, auf der Ersatzbank sitzen. Bei den Jungen von heute kommt schon nach zwei Partien, in denen sie im Ersatz waren, die Frage nach dem Warum. Die Rollenverteilung muss präziser sein. Die Hauptrollen sind sowieso definiert, daher nehme ich mir für die Nummern 16 bis 24 zum Beispiel sehr, sehr viel Zeit. Es wird viel mehr kommuniziert. Ich habe dann aber auch klare Vorstellungen: Ist der Job so definiert, will ich das auch genau so haben.

Wäre es heute noch möglich, dass an einem grossen Turnier einem aus Ihrem Team das geschieht, was Ihnen 1996 bei Olympia in Atlanta passiert ist? Sie haben dort Ihre Frau Santi Wibowo kennen gelernt, die als Badminton-Spielerin für die Schweiz dabei war.
(lacht) Ich habe sie ja nicht in der Disco morgens um drei Uhr getroffen, sondern im Essenszelt, in dem sich alle Schweizer verpflegten, und zur Mittagszeit. Von dem her war das sehr harmlos. Meine Spieler haben derart klare Ideen, sie sind so gerne miteinander zusammen, dass wir uns an den Zielen orientieren, nicht an dem, was wir sonst noch machen könnten.

Wurden Sie in Atlanta Badminton-Fan?
Natürlich. Das Spiel ist unglaublich intensiv, ich selber aber bin relativ unbegabt, ich habe noch keinen Punkt geholt gegen meine Frau. Im Tennis ist es ausgeglichener.

Wie sieht es bei den Kindern aus?
Die älteste Tochter spielt einmal pro Woche Badminton, mein achtjähriger Sohn Handball. Die jüngste Tochter ist Fan von Mujinga Kambundji, sie ist von der Leichtathletik angetan.

«Wegen meiner Knieverletzungen beendete ich die Karriere früh.»Handball-Nationaltrainer Michael Suter

Sie absolvierten beim Winterthurer «Landboten» ein Praktikum in der Sportredaktion. Könnten Sie sich ein Leben als Journalist vorstellen?
Das wäre Plan B gewesen. Ich habe Journalismus und Kommunikation nach dem Lehrerstudium abgeschlossen. Wegen meiner Knieverletzungen beendete ich die Karriere früh, ich begann sofort als Trainer. Die Kombination Trainer/Journalist geht nicht, darum arbeitete ich als Lehrer, bis ich 2011 das Glück hatte, die Handball-Academy in Schaffhausen aufbauen zu dürfen. Ich fand Journalismus schon früh sehr spannend. Während des Praktikums habe ich über alles Mögliche geschrieben. Über ein Seniorenschwimmen in Übersee, bei dem eine 90-Jährige den Weltrekord verbesserte. Oder eine grosse Story über Dressurreiten. Das Spannende war, mit diesen verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen.

Gab oder gibt es etwas, was besser als Handball ist?
Wenn du Handball mal entdeckt hast, kommst du davon nicht mehr weg. Diese Sportart ist unglaublich taktisch, lebt aber auch von den Emotionen. Wie bei den alten Griechen ist alles drin: Laufen, Werfen, Springen, und das in höchster Perfektion. Dazu muss das Teamgefüge stimmen. Das Coaching ist nochmals eine andere Berufsgattung. Im Fussball ist der Einfluss des Trainers während eines Spiels begrenzt. Im Handball aber könnte ich jede Sekunde alle sieben Spieler wechseln. Es gibt enorm viele Möglichkeiten. Diese Vielseitigkeit fasziniert mich extrem.

Wann ist die EM für Sie ein Erfolg?
Wenn wir es schaffen, dass wir uns nach jedem Spiel in die Augen schauen und sagen können, wir haben das gebracht, was wir wollten. Uns ist bewusst, dass wir von aussen an Resultaten gemessen werden. Ich spüre eine Euphorie im Land, das ist fantastisch.

Ist es vermessen, von einem Schweizer Vorstoss in die Hauptrunde zu träumen?
Nein, träumen soll man immer vom Allerhöchsten. Die Frage ist, wie weit die Träume einen bringen. In Schweden gibt es mehrere schöne Städte, nicht nur Göteborg.

Malmö, wo die Hauptrunde stattfindet, ist auch schön?
Ja, Malmö gehört dazu. Von Stockholm, wo die Finalspiele stattfinden, reden wir jetzt nicht. Natürlich träumen wir von der Hauptrunde.


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Erstellt: 05.01.2020, 12:01 Uhr

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