Christian Stucki über sein Gewicht und Unterwäsche-Werbung

Warum Christian Stucki trotz seiner 34 Jahre im August Mitfavorit auf den Königstitel ist, nie Mister Schweiz wird – und weshalb er den Erfolg nicht seiner Masse verdankt.

«Würde ich ohne Königstitel aufhören, müsste ich trotzdem nicht mit eingezogenem Schwanz herumlaufen»: Christian Stucki, 34. (Foto: Lukas Maeder/13 Photo)

«Würde ich ohne Königstitel aufhören, müsste ich trotzdem nicht mit eingezogenem Schwanz herumlaufen»: Christian Stucki, 34. (Foto: Lukas Maeder/13 Photo)

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Fühlen Sie sich alt?
Manchmal, nach dem Training beispielsweise. Ich bin 34, nicht 20, 25 – aber damit kann ich umgehen.

Ihre Konkurrenten um den Titel des Schwingerkönigs – Orlik, Wicki, Giger – sind mindestens 11 Jahre jünger. Lässt sich der Altersnachteil kompensieren?
Ja, mit Erfahrung. Bleibe ich gesund, bestreite ich im August mein siebtes «Eidgenössisches». Ich weiss, um was es geht; weiss, wie es ist, vor solcher Kulisse zu schwingen.

Es gibt Schwinger, die sagen, das Alter spüre man vor allem am Morgen nach einem Fest. Das ist abhängig vom Fest, von der Stärke der Gegner, der Dauer der Gänge, vom Resultat. Nach einem Sieg fällt das Aufstehen leichter.

Spielt das Après-Schwingen ebenfalls eine Rolle?
Das ist bei mir nie ein grosses Thema. Ich bin froh, wenn ich zeitig nach Hause gehen kann: Beine strecken, Sportpanorama schauen und dann ab ins Bett. (lacht)

Das «Eidgenössische» führt über acht Gänge und zwei Tage. Viele Szenekenner sagen: Diese Dauer ist für Sie ein Nachteil.
So schlecht waren meine Leistungen an «Eidgenössischen» nicht. Ich stand im Schlussgang, war Zweiter, Dritter, Vierter. Das musst du erst einmal erreichen.

«Klar wäre meine Karriere ohne Königstitel unvollendet.»

Wäre Ihre Karriere ohne Königstitel unvollendet?
Klar wäre sie unvollendet. Aber würde ich ohne Königstitel aufhören, müsste ich trotzdem nicht mit eingezogenem Schwanz herumlaufen. Der Sieg in Zug wäre das Tüpfelchen auf dem i. Ich habe im Winter entsprechend investiert.

Was haben Sie investiert? Werden Sie doch noch zum 10-Kilometer-Jogger?
Äuä, Seich! Wer geht schon Joggen? (lacht) Im Ernst: Der Jogging-Weltmeister bin ich nicht.

Während des Spitzensport-WKs der Armee können die besten Schwinger in Magglingen in professionellem Rahmen trainieren. Sie sind nicht dabei. 2005 drohte wegen einer Infektion die Amputation Ihres linken Beins.
Es war dramatisch. Anderthalb Jahre lang konnte ich nicht schwingen. Ich musste zum Nuklearmediziner. Mir wurde etwas Radioaktives gespritzt, um herauszufinden, ob der Knochen angegriffen war. Ich hatte Glück, nur die Narbe ist geblieben. Mister Schweiz werde ich sicher nicht mehr. Und noch wegen des Spitzensport-WKs: Er ist toll, aber für mich wäre das der Horror.

Horror?
In Magglingen oben drei Wochen lang Fitness, Schwingen, Fitness, Schwingen, Fitness, Schwingen ... dieses monotone Leben wäre nichts für mich. Ich habe zwei Kinder und eine Frau. Ich kann mein Training auch so gut gestalten.

Ihre jüngeren Konkurrenten richten das Leben aufs Schwingen aus. Und Sie?
Schwingen ist ein grosser Teil meines Lebens. Aber nicht alles. Ich kämpfe seit 27 Jahren im Sägemehl. Die Karriere ist bald vorbei. Und danach? Ich mag den Kontakt zu Leuten, die nicht aus Schwingerkreisen stammen. Auch ich bin fokussiert, verfolge hohe Ziele, setze den Tunnelblick auf. Aber du musst auch nach links springen dürfen, nach rechts. Ich brauche Freiheiten.

Seit Sie mit Coach Tommy Herzog arbeiten, scheinen Sie mental stärker zu sein. Sie schwingen aggressiver. Wie gross ist Herzogs Anteil?
Er kann seine Sicht sehr gut vermitteln, mich motivieren. Aber an einem Fest ist der Trainer machtlos. Da muss der Athlet liefern.

Wie wichtig ist die mentale Arbeit in einer Sportart, die derart stark auf Kraft basiert?
50 Prozent läuft im Kopf ab, den Rest macht der Körper.

Wenn sich die Zuschauer fragen: Weshalb riskiert Stucki nicht mehr? Dann ist das eine Frage des Kopfs statt der Kraft.
Es ist vor allem eine Kopfsache.

«Eben ist der Kopf manchmal leer.»

Und was geht im Kopf vor?
Eben ist er manchmal leer. (lacht) Dann hast du keine Ideen mehr, kein Rezept. Du bist «out of order». Das ist ein Teil des Schwingens.

Herzog hat eine befleckte Vergangenheit, er wurde als Bobanschieber des Dopings überführt. War oder ist das für Sie ein Problem?
Nein. Wir haben die Sache sehr früh diskutiert. Jeder soll sich seine Meinung bilden. Doping ist immer ein heikles Thema. Aber es steht nicht zwischen uns.

Auch im Schwingsport gibt es Dopingfälle. Die Sanktionen gegen Martin Grab sind weiterhin hängig. Wie haben Sie auf diesen Dopingfall reagiert?
Ich war schockiert. Für so einen wie den «Märtel» hältst du eigentlich die Hand ins Feuer. Aber ich möchte nicht darüber sprechen. Doping passt zu keiner Sportart.

Und schon gar nicht ins Bild der heilen Schwingerwelt.
Ich bin froh, gibt es Kontrollen. Sie fördern den sauberen Sport. Entscheidend ist die Eigenverantwortung. Jeder muss etwa bei einer Krankheit prüfen, welche Substanzen das Medikament beinhaltet.

«Alles ist sehr gross geworden, an manchen Festen zu gross.»

Seit der Schwingerverband dem Dopingstatut von Swiss Olympic unterstellt ist, haben sich die Kontrollen gemehrt. Auch bei Ihnen?
Ja, es kann immer einer vor der Haustür stehen, am Arbeitsplatz oder im Training auftauchen. Bei mir kommen sie meistens nach Hause nach dem Motto: Morgenstund hat Gold im Mund. Ich liege dann häufig noch im Bett. (lacht)

Im Schwingsport hat sich nicht nur die Dopingbekämpfung gewandelt: Mehr Zuschauer, bessere Verdienstmöglichkeiten für die Athleten – gibt es Entwicklungen, die Sie stören?
Es ist alles sehr gross geworden, an manchen Festen zu gross. Da muss man sich durch 300 Leute hindurch boxen, bis man endlich am Sägemehlring steht. Das Limit ist erreicht. Der Schwinger sollte wieder vermehrt im Fokus stehen.

Und wenn man wie Sie noch Hand um Hand schüttelt, dann …
... wird es noch schwieriger. Die vielen Zuschauer sind ein schönes Problem. Aber auch mir wird es manchmal zu viel, wenn ich nirgends Ruhe finde, 25 Leute fragen muss: Könnte ich bitte durch?

Sind die Schwinger quasi Allgemeingut geworden?
Früher war es ruhiger. Nun werde ich sehr oft erkannt, und ich steche aus der Masse heraus. Man muss sich damit arrangieren, auch wenn es Tage gibt, an denen man keine Lust hat, zu reden. Das Gegenüber braucht dies aber nicht zu spüren.

«Es gibt unverschämte Kerle, die ziemlich nerven können.»

Hat sich Ihre Frau nie beschwert, wenn Wildfremde das Essen im Restaurant störten?
Es gibt unverschämte Kerle, die ziemlich nerven können. Das lässt sich aber nicht ändern.

Gibt es für Sie eine Grenze?
Wenn es um die Kinder geht, wird es heikel. Aber ich sage nicht konsequent Nein. Einer meiner Söhne ist gar in einen Werbespot involviert. Es wäre komisch gewesen mit einem fremden Kind. Aber es ist sicher nichts Alltägliches.

Sie sind schweizweit populär. Kommt es vor, dass Sie Ihre Bekanntheit ausnutzen?
Ja – und in gewissen Situationen kann ich damit gut leben. Zugreifen, wenn es sich ergibt, das machen andere auch. Ich bin aber keiner, der bettelt, damit er etwas umsonst kriegt. Ich nutze meinen Namen so selten wie möglich aus.

Sie waren mehrmals Teil von Doku-Sendungen: Man sah Sie beim Sumo-Ringen in Japan, beim Surfen in Biarritz, Sie kämpften mit Einheimischen im Senegal, in der Mongolei. Wie waren die Rückmeldungen?
Viele fanden die Sendungen toll. Es gab auch unschöne Briefe. Negative Rückmeldungen nehme ich auf, vergesse sie aber wieder. Vielleicht ist auch ein wenig Neid dabei. In anderen Ländern zu schwingen war etwas Aussergewöhnliches. Klar, man hat mich fast «füdleblutt» gesehen. Aber gehe ich in Lyss ins Schwimmbad, sehen die Leute auch dort, dass ich einen Ranzen habe.

Aber im Fernsehen sehen es ein paar mehr als im Schwimmbad.
Klar, ich hätte Nein sagen können. Aber es war spannend: andere Länder, andere Sitten.

Hat es sich finanziell gelohnt?
Millionär bin ich nicht geworden.

Mittlerweile verdienen Sie mit dem Sport so gut, dass Sie nicht mehr arbeiten müssten.
Das sagen Sie. Von den Sponsoren erhalte ich ein schönes Sackgeld (lacht). Aber ich bin nicht Schwingerkönig. Das macht viel aus.

Jeder Schwinger muss dem Verband 10 Prozent der Werbeeinnahmen abgeben. 2018 belief sich das Total auf 2,277 Millionen Franken. Wie viel trug Stucki zur Summe bei?
Da können Sie lange rätseln.

«Werbung für Unterwäsche zu machen wäre absurd.»

Sind Sie dank dem Schwingen reich geworden?
Was heisst reich? Ich konnte dank des Sports ein Einfamilienhaus bauen. Aber auch ich muss aufs Geld schauen. Irgendwann werde ich nicht mehr schwingen, dann wird nichts Zusätzliches mehr reinkommen. Jeder will so lange «grasen», wie er kann.

Für was würden Sie nie Werbung machen?
Etwas mit Unterwäsche wäre absurd. Mich hat man ja im Schweizer Fernsehen oft genug halbblut herumspringen sehen.

Ging es früher um Stucki, ging es häufig um die Grösse, ums Gewicht. Sind Sie froh darüber, sind mittlerweile vor allem Ihre sportlichen Erfolge das Thema?
Ich werde nach wie vor auf mein Gewicht reduziert. Viele Gespräche handeln davon. Das Ganze werde ich nicht mehr los, es stört mich aber auch kaum mehr.

Experten loben Ihre Beweglichkeit, das Gespür für den Zweikampf. Werden Sie unterschätzt?
Sicher. Wenn einige denken, ich sei nur wegen der Masse erfolgreich, dann sollen sie das tun. Ich hätte nur mit Grösse und Gewicht niemals über 40 Schwingfeste gewinnen können. Es gibt genügend andere grosse und schwere Schwinger, die nicht vorne mitmischen.

Während der Schulzeit soll es wegen Ihrer Grösse viele Sprüche gegeben haben. Stimmt es, dass Sie einmal mit einer Ohrfeige antworteten?
Ein einziges Mal, sonst war ich der Liebste. Aber da lief der Kessel über. Es war keine Fadengerade, eher ein Chlapf. So etwas gehört doch zur Schulzeit. Ich war nie auf Konfrontation aus.

«Ich hörte mit Fussball auf, weil ich keine Schuhe mehr fand.»

Als Jungschwinger war Ihre Grösse ein Segen. Sie hoben die Gegner an und schmetterten sie ins Sägemehl.
Natürlich, damals habe ich stark von der Grösse profitiert. Das Gefühl fürs Schwingen war auch noch nicht so ausgeprägt wie heute.

Hat Ihnen das Schwingen geholfen, Ihre Statur in einem positiven Licht zu sehen?
Mich hat das nie gestört – ausser beim Kleider kaufen. Ich hörte auf mit Fussballspielen, weil ich keine Schuhe mehr fand (Stucki hat Schuhgrösse 51, die Red.). Deshalb begann ich mit Hornussen.

Am Erfolgreichsten sind Sie als Schwinger. Ist Zug die letzte Chance auf den Königstitel?
Es wird wohl die letzte Ölung sein.

Denken Sie an den Rücktritt?
Nicht direkt. Es kommen spannende Jahre. Ich möchte bis zum nächsten «Eidgenössischen» 2022 in Pratteln weiterschwingen.

Also doch nicht die letzte Ölung?
Es gibt Phasen, in denen mir vieles schwer fällt. Dann frage ich mich, warum ich mir das antue, wenn ich doch lieber bei den Jungs wäre. Aber solange ich gesund bleibe und die Freude am Sport behalte, mache ich weiter. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.05.2019, 13:18 Uhr

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