«Ich werde nicht den Clown spielen»

Eine Auswahl der stärksten Schwinger bereitet sich im Spitzensport-WK auf das «Eidgenössische» vor. Schwingerkönig Matthias Glarner (33) ist zum Zusehen gezwungen. Sein Ziel verliert er aber nicht aus den Augen.

Von Woche zu Woche schauen: Matthias Glarner. Foto: Raphael Moser

Von Woche zu Woche schauen: Matthias Glarner. Foto: Raphael Moser

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«No ei Minute. Chömet: Schaffe, schaffe!» Matthias Glarner blickt auf die Stoppuhr, lässt die Fussgelenke kreisen, beobachtet die Schwinger in Kirchberg BE beim Zweikampf. Der Spitzensport-WK vereint einige der stärksten Schwinger. Glarner, ausgebildeter Sportlehrer und Schwingerkönig von 2016, koordiniert die Trainings. Selbst zum Schwung ansetzen darf er nicht. Noch nicht.

Im Juni 2017 stürzte er von einer Gondel, zog sich eine Beckenringsprengung und eine schwere Sprunggelenkverletzung zu. Am linken Fuss waren zwei Quadratzentimeter Knorpel abgesplittert. Elf Monate später gab Glarner das Comeback. Die Schmerzen blieben. Deshalb liess er sich im vergangenen Herbst erneut am linken Fuss operieren. Sein Ziel: als amtierender Schwingerkönig beim «Eidgenössischen» in Zug den Titel verteidigen. Dem Meiringer bleiben sechs Monate – er absolviert einen Wettlauf mit der Zeit.

Matthias Glarner, Sie verfolgen aus nächster Nähe, in welch guter Verfassung sich Konkurrenten wie Armon Orlik und Joel Wicki befinden. Motiviert oder demotiviert Sie das?
Physisch bin ich nicht weit von ihnen entfernt. Schwingerisch habe ich Rückstand. Ich kann noch nicht im Sägemehl trainieren. Aber ich profitiere von der Dynamik in der Gruppe: Jeder gibt Gas. Das motiviert.

Sie liessen sich nochmals am linken Fuss operieren. Hat sich der Eingriff gelohnt?
Auf jeden Fall. Letztes Jahr gewann ich nach dem Comeback beim Oberländischen Schwingfest den Kranz. Der Zustand des Fusses ist heute besser, als er es bei diesem Fest war. Das stimmt mich optimistisch. Aber ich kann nicht abschätzen, wie stark sich die Situation noch bessern wird.

Mit Verlaub: Sie gehen nicht gerade wie ein Balletttänzer.
Das werde ich auch nie mehr. Diese Gewissheit ist da. Der Fuss war gebrochen, der Knorpel fehlt. Ich werde für immer gewisse Einschränkungen haben.

Das ist eine brutale Erkenntnis.
Das gehört nun zu meiner Geschichte. Die wichtigste Frage ist im Moment: Wie kriege ich es hin, dass die Schmerzen im Zweikampf erträglich werden?

Wo stehen Sie im Februar 2019?
Stand jetzt kann ich mich im Sägemehl bewegen, Griffe fassen, aber nicht ziehen. Sagen wir es so: Ich kann noch nicht schwingen – aber so tun als ob (lacht). Es liegt sehr viel Arbeit vor mir. Es dürfte im Hinblick auf Zug eine Punktlandung geben.

Im Idealfall?
Im Idealfall.

Sie haben im Gegensatz zu anderen Schwingern keine Wettkampfagenda publiziert. Wie sieht Ihre Planung aus?
In meiner Situation ergibt eine Wettkampfagenda keinen Sinn. Ich muss von Woche zu Woche schauen, ob und wie es vorwärts geht. Mich bei vielen Festen anmelden, nur um mich wieder abzumelden, das wäre ein Mist. Ein Fixpunkt existiert: der Brünigschwinget einen Monat vor dem «Eidgenössischen». Wenn ich dort nicht Vollgas geben kann, nicht konkurrenzfähig bin, dann wird es auch nichts mit der Teilnahme in Zug.

Sie sind Sportler durch und durch, aber auch Realist: Was überwiegt momentan im Hinblick auf die Teilnahme am «Eidgenössischen»: Zweifel oder Zuversicht?
Ich muss, will und werde alles reinwerfen. Das ist mein Antrieb. Gelingt mir das, werde ich mit mir im Reinen sein – unabhängig davon, ob es mit der Teilnahme geklappt hat oder nicht.

Sie sind Titelverteidiger, aktueller Schwingerkönig. Inwiefern hat dies einen Einfluss?
Den Clown spielen werde ich in Zug sicher nicht. Entweder kann ich meine Rolle würdig ausfüllen, oder ich lasse es bleiben.

Hadern Sie manchmal?
Seit langem nicht mehr. Beim Sturz hatte ich grosses Glück. Nun erachte ich es als extrem spannende Herausforderung, mit diesem Rucksack den Weg zurück zu finden.

Schwinger-Grössen wie Kilian Wenger, Armon Orlik oder Remo Käser trainieren im Spitzensport-Wiederholungskurs der Schweizer Armee. (Video: Keystone-SDA) (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.02.2019, 09:49 Uhr

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