«Im Himalaja verschwindet ein ganzer Kulturraum»

1864 Kilometer, fünf Paar Schuhe: Peter Hinze macht mit einem extremen Lauf auf fatale Veränderungen in Nepal aufmerksam.

An einem Tag lief er 25 bis 45 Kilometer: Peter Hinze unterwegs bei Gokyo mit Blick auf den Mount Everest. Foto: Peter Hinze/Knesebeck Verlag

An einem Tag lief er 25 bis 45 Kilometer: Peter Hinze unterwegs bei Gokyo mit Blick auf den Mount Everest. Foto: Peter Hinze/Knesebeck Verlag

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Peter Hinze trampte bereits 1982 durch Tibet, als das Land noch für Ausländer gesperrt war. Später war der Münchner Journalist mit buddhistischen Mönchen aus Lhasa befreundet, die Widerstand gegen die Chinesen leisteten. Er traf den Dalai Lama, berühmte Sherpas und den Erstbesteiger des Everest, Edmund Hillary.

Nach mehr als 20 Himalaja-Reisen verband er im vergangenen Jahr zwei seiner Leidenschaften, den Ausdauersport und Südasien, und durchlief das höchste Gebirge der Welt in Nepal der Länge nach: 1864 Kilometer, 95'000 Höhenmeter in der dünnen Luft auf Trails bis auf 6000 Meter Höhe. Darüber hat der 61-Jährige nun ein Buch geschrieben.

Sie haben einen 87-tägigen Traillauf unter extremen Bedingungen absolviert. Andere Sportler stilisieren sich danach auf allen Kanälen selbst zu Helden. Was ist Ihr Ansatz?
Für mich war das kein sportliches, es war ein menschliches Abenteuer. Ich habe kein Laufbuch geschrieben, sondern ein Nepalbuch über diejenigen, die entlang des Trails leben. Die sind mir wichtig, nicht die physische Leistung.

Zu diesen Menschen hätten Sie aber auch viel einfacher wandern können.
Ich laufe eben gerne lang und ich liebe die Berge, besonders den Himalaja und seine Bewohner – also lag es für mich nahe, meine Vorlieben zu verbinden. Drei Sherpas begleiteten mich, alles versierte Läufer. Wir waren ein Team, die Sherpas auf Augenhöhe mit mir, dem Ausländer.

Er hatte während er ganzen Strecke kaum Verletzungen: Peter Hinze lief den Great Himalaja Trail ab. Video: Youtube

Wie haben die Nepalesen auf Sie reagiert?
Wenn wir Leuten begegneten und denen sagten, woher wir kamen, konnten sie es kaum glauben. Wir schafften an einem Tag eine Strecke, für die ein Wanderer etwa zweieinhalb Tage braucht, meist 25 bis 45 Kilometer – das hat eine Art Hochachtung erzeugt, sodass die Menschen sehr offen uns gegenüber waren. Wenn es uns irgendwo gefallen hat oder uns jemand einlud, blieben wir. Das Erlebnis war immer wichtiger als die Strecke.

Was waren Ihre grössten Schwierigkeiten?
Nässe, Schneestürme. Auch die Hygiene war schwierig. Aber in der Höhe riecht man nicht. Man muss nicht unbedingt jeden Tag duschen. Nur der Schlafsack klebt ein bisschen, wenn man sich reinlegt. Die Ernährung ist so eine Sache: Jeden Tag Dal Bhat, Reis und Linsen. Manchmal gar nichts. Energie-Gels oder dergleichen kann man nicht mitschleppen. Ich habe elf Kilogramm abgenommen, die Haut an den Armen hing am Ende herunter. Es dauerte sieben Monate, bis ich wieder Lust hatte zu laufen. Dafür hatte ich kaum Verletzungen. Nur eine entzündete Hand nach einem Sturz. Fünf Paar verschlissene Schuhe – aber keine einzige Blase. Allerdings Blutegel, teils 20, 30 Stück auf einmal, überall am Körper. Ständig muss man stehen bleiben und sich gegenseitig nach den Parasiten absuchen. Es blutet lange nach. Sehr unangenehm.

«Den Himalaja, den wir kennen, müssen wir langsam vergessen»: Peter Hinze (r.) mit einer Einheimischen (l.). Foto: Peter Hinze/Knesebeck Verlag

Sie waren im vergangenen Jahr nicht der einzige Trailrunner im Himalaja. Der weltbeste Bergläufer, Kilian Jornet, lief zweimal hintereinander den Everest hoch. Was halten Sie davon?
Das war eine total bewundernswerte, aussergewöhnliche Leistung – aber was bringt sie dem Land? Eigentlich lockt so was die genau falschen Leute an. Es zeigt ja, wie vermeintlich einfach der Everest ist. Nach dem Motto: Wenn den einer hochlaufen kann, werde ich ja wohl noch mit einem Führer hochgehen können.

Ihnen ging es jedenfalls nicht um Rekorde, sondern um eine Bestandsaufnahme. Wie steht es um den Himalaja?
Den Himalaja, den wir kennen, müssen wir langsam vergessen. Es ist eine bedrohte Welt: durch den Klimawandel, den Verlust jahrhundertealter Traditionen, die Abwanderung der Bevölkerung, das Vordringen der Zivilisation. Ein ganzer Kulturraum verschwindet. Davon erzählten mir die Menschen.

Der Strassenbau wird von den Chinesen vorangetrieben: Die Cultural Route führt zum tiefsten Punkt der Strecke. Foto: Peter Hinze/Knesebeck Verlag

Woran zeigt sich das beispielsweise?
Apa Sherpa, der 21 Mal auf dem Everest stand, erzählte mir, dass man früher vom Gipfel nur auf Eis hinunterschaute. Heute sieht man Seen. In Mustang und der Annapurna-Region sind die grössten Apfelplantagen des Landes entstanden. Bald werden dort auch Kiwis angepflanzt, bis auf 3800 Höhenmeter. Plötzlich gibt es Moskitos in Mustang. Dazu kommen Überschwemmungen, Reisernten fallen aus, die kälteliebenden Yaks sind im Bestand bedroht. Gleichzeitig braucht man sie weniger als früher. Geheizt wird nicht mehr mit ihrem Dung, sondern mit Solarenergie. Statt mit ihrem Fell wärmen sich die Leute jetzt mit synthetischen Decken aus China. Die Bauern fahren auf den neuen Strassen zum Einkaufen nach Kathmandu. In zwei, drei Jahren kann man den Himalaja Trail mit dem Motorrad abfahren. Die Chinesen bauen ein Dutzend Strassen. Ob da ein Chörten, ein Kultbau, steht, ist denen egal – die fahren durch. Nepal ist für sie nur ein Transitland auf dem Handelsweg nach Indien.

Ist diese Entwicklung tatsächlich zu bedauern – oder spricht daraus nicht vielmehr die westliche Verklärung der traditionellen Rückständigkeit?
Natürlich, wir haben diese Klischeebilder im Kopf. Wir denken immer an den 70-jährigen Mönch, der im Schein seiner Butterlampe an der Gebetsmühle dreht. Wir sehen nicht die Frau, die von einem fahrenden Arzt im Dorf operiert wird und stirbt, weil er sein Besteck in ihrem Körper vergisst und sie mangels Strasse nicht schnell genug ins Krankenhaus transportiert werden kann. Die Nepalesen fragen: Warum wollt ihr, dass wir im Dunkeln sitzen? Wir wollen es auch warm haben, wie ihr.

Unterwegs auf den wüstenartigen, trockenen Landschaften: Peter Hinze läuft auf dem Trail oberhalb Lo Manthang, der «Hauptstadt» Mustangs. Foto: Peter Hinze/Knesebeck Verlag

Woher kommt das verzerrte Bild, nach all den Jahren, in denen Touristen Nepal kennengelernt haben?
Nepal ist für uns immer nur Everest und Annapurna, also vor allem der Distrikt Solu-Khumbu. Der ist buddhistisch – aber 80 Prozent aller Nepalesen sind Hindus, das ist vielen gar nicht klar. Am Everest ist es am wenigsten nepalesisch, es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen dem Touristischen und dem Authentischen. Aber alles konzentriert sich auf den Berg – er ist eine westliche Erfindung. Die Strecke zwischen den Hauptorten Lukla und Namche Bazar erinnert an die Wege um den Starnberger See: breite Trails, überall Restaurants, eine deutsche Bäckerei – das hat seine Herausforderung total verloren.

Profitieren die Sherpas inzwischen wenigstens ausreichend vom Tourismus?
Das grosse Geschäft machen die nepalesischen Agenturen in Kathmandu. Die Betreiber gehören dort zur Oberschicht. Sie organisieren alles bis hin zu Helikopterflügen mit Champagnerfrühstück am Fusse des Everest. Die Träger auf den Trails dagegen sind arme Schlucker. Überhaupt wird die Bevölkerung ausgebeutet. In Katar schuften sich Tausende Nepalesen zu Tode. In Nepal selbst gehören Prostitution und Arbeitssklaven zum System.

Wie empfinden Sie die Veränderungen, die Sie beobachtet haben?
Als Romantiker bedauere ich sie, als Freund der Nepalis sage ich, sie haben das Recht, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 23.11.2018, 19:30 Uhr

Buchtipp



The Great Himalaja Trail. 1864 Kilometer Trailrunning durch eine bedrohte Welt in Nepal. Knesebeck, München 2018, 288 Seiten mit 200 farbigen Abbildungen, 35 Euro

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