Der Schweizer, dem die Kenianer hinterherrennen

Der Genfer Julien Wanders trainiert so hart wie kaum ein anderer Leichtathlet. Warum er trotzdem regelmässig seine grossen Ziele verpasst.

Unterwegs im Hochland von Kenia: Julien Wanders im Training mit kenianischen Kollegen. Fotos: Thomas Gmür (Athle.ch)

Unterwegs im Hochland von Kenia: Julien Wanders im Training mit kenianischen Kollegen. Fotos: Thomas Gmür (Athle.ch)

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Es ist Ende Juli, erst Ende Juli, und die Saison ist für Julien Wanders bereits zu Ende. Der Langstreckenläufer hat es in mehreren Anläufen nicht geschafft, sich über 5000 m für die WM zu qualifizieren. Während andere nächste Woche nach London an die Titelkämpfe fliegen, kehrt er zurück nach Kenia, bis im April. Der Genfer sagt: «Es war eine verpfuschte ­Saison.» Eine Saison aber auch, in der er seine Bestzeit immerhin um 11 Sekunden auf 13:37 verbesserte.

Wanders ist 21 Jahre alt und das grösste Schweizer Lauftalent seit André Bucher. Peter Haas, der Leistungssportchef von Swiss Athletics, sagt, Wanders lebe eine Kompromisslosigkeit, die er noch bei keinem Schweizer Athleten erlebt habe. Er ist nicht der Einzige, der das so sieht.

Seit Wanders das Gymnasium abgeschlossen hat, lebt er mehrheitlich in Iten, im Hochland ­Kenias. 2014 war er erstmals dort, seither will er nur noch laufen und leben wie die Einheimischen. Marco Jäger, sein Trainer in Genf, hat früh festgestellt, dass Wanders anders ist als Gleichaltrige im Club. Er machte mit 16 bei ähnlichem Training grössere Fortschritte, er brauchte nur halb so lang, um sich zu ­erholen. Und: Wenn er etwas im Kopf hat, will er es durchziehen.

Wanders hat sich in diesem Sommer nicht für die WM qualifiziert, Wanders hat sich im letzten Sommer nicht für Olympia qualifiziert, und als er sich an der milderen Limite für die EM versuchte, war er zu müde. Wanders setzt sich die höchstmöglichen Ziele. Titelkämpfe in seiner Alterskategorie wie eine U 23-EM gehören nicht dazu. Nach der letzten Saison ist der Verband kritisch geworden, hat die Diskussion mit dem Athleten gesucht. Haas sagt: «Wir waren chancenlos. In seinem Mind-Set gibt es keinen Plan B, es gibt nur diese Ziele.» Wanders gehört den sogenannten World Class Potentials an, den Förderathleten, die vom Verband finanziell unterstützt werden. Jäger schätzt die ­Kulanz von Swiss Athletics und das Vertrauen, das ­ihnen trotz aussergewöhn­lichem Weg entgegengebracht wird.

Musik ist nicht gleich Sport

Wanders ist der Sohn einer Berufsmusikerin und eines ebenfalls ambitionierten Musikers. Er ist in einem leistungsorientierten Umfeld mit vielen Freiheiten aufgewachsen. Jäger sagt, allen drei habe er erst vermitteln müssen, dass man zwar zwölf Stunden am Tag üben und sich mit Musik beschäftigen, aber nicht zwölf Stunden am Tag trainieren kann. Es ist vorgekommen, dass sich Wanders in einem Intervalltraining verausgabte und erst danach zugab, dass er mit 38,5 Grad Fieber gelaufen sei. Der Trainer findet es einfach und schwierig zugleich, mit ihm zu arbeiten. «Wenn Sie ein solches Talent haben, sind Sie immer im Clinch.» Seine Herausforderung sei gewesen, Wanders nicht in ein Schema zu pressen, sondern ihm die Freiheiten zu lassen.

Wanders hat sie sich genommen. Zog mit dem Segen der Eltern nach Iten, lebte erst zwei Wochen im Hotel, dann in einer Familie. Kein fliessendes Wasser, keine Elektrizität, ein kleines Zimmer, genau, was er wollte. Nach fünf Wochen war er im Übertraining, litt unter Magenpro­blemen, die nötige Immunität musste er sich erst zulegen. So ernüchternd der erste Aufenthalt war, so sehr hatte sich der feingliedrige Läufer seinem Traum genähert: sich mit den Besten zu messen, mit ihnen zu trainieren, mit ihnen zu leben. Er sagt, eine seiner grössten Leistungen sei, dass er sich an das Leben in Kenia gewöhnen konnte. «Nur so kann ich dort trainieren.» Iten, auf 2400 Meter über Meer gelegen, ist zu seiner zweiten Heimat geworden, erforderte aber physisch eine spezielle Anpassungsfähigkeit.

Es ist nicht so, dass sich Wanders noch nie bewiesen hätte. Im Dezember verbesserte er den 30 Jahre alten Schweizer Rekord von Markus Ryffel über 10 km auf der Strasse, im Frühling kam er bis auf eine Sekunde an dessen U-23-Rekord über 10'000 m auf der Bahn heran und pulverisierte Viktor Röthlins U-23-Bestmarke im Halbmarathon um über dreieinhalb Minuten.

Nur waren das alles Rennen ohne ­Limitendruck. Bei solchen Gelegenheiten und im Training sei Wanders «mental sackstark», urteilt Jäger. Luca Noti, 14. der ­U-23-EM über 5000 m, ist gleich alt und lebte ebenfalls fast ein Jahr in ­Kenia. Er sagt, wenn es niemand ­erwarte, könne Wanders «richtig ­powern». Der Kenianer Sylvester Kipchirchir, der in Lausanne und Bellinzona Wanders’ Pacemaker war, behauptet, mit ihm zu trainieren, sei gefährlich. Das sei härter als bei den Kenianern selber. Schloss sich Wanders zu Beginn in Iten noch einer Gruppe an, schliessen sich Einheimische heute ihm an.

Marathonläufer Adrian Lehmann, der ebenfalls schon in Kenia mit ihm unterwegs war, ist fasziniert von der Konsequenz. «Für ihn ist alles andere zweitrangig. Ich lebe auch gerne als Spitzensportler, aber ich möchte noch ein Leben daneben haben.» Noti bezeichnet Wanders als Beispiel für einen, «der sich im Kopf keine Grenzen setzt». Wie Jäger sagt aber auch er, dass die mentale Stärke oft zu seiner Schwäche wird.

Die Enge in der Brust

Als Wanders in Lausanne nach 4000 Metern aus dem Rennen ausstieg, brach er hinter den Absperrgittern zusammen und klagte danach über Atemprobleme. Der Arzt stellte nichts Beunruhigendes fest. Wanders sagt: «Diese Enge in der Brust, das ist der Druck, den ich mir in solchen Rennen mache. Das ist keine Entschuldigung, aber das muss ich in den Griff kriegen.»

Jäger kennt Wanders seit frühester Kindheit und bezeichnet ihn als Hochsensiblen, der sich nach aussen selbst­sicher gibt, innerlich aber zweifelt. An den Schweizer Meisterschaften in Zürich gewann Wanders «aus Frustration und der Wut heraus» über die verpasste WM-Limite das 1500-m-Rennen in persönlicher Bestzeit. «Schön war das nicht», sagt ­Jäger, «ein verknorzter Lauf, eine reine Willensleistung.» Es war ein Sieg zum Abschluss einer zu kurzen Saison, die zeigte, dass sein Körper wohl bereit ist, der Kopf aber noch hinterherhinkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 23:06 Uhr

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