Lebensretter aus Nevada

9000 km Anreise, ein Ring am Finger - Auslandschwinger Dustin Gwerder hat bewegende Tage hinter sich.

Kurzes Gastspiel: Der Amerikaner Dustin Gwerder. (Bild Christian Pfander)

Kurzes Gastspiel: Der Amerikaner Dustin Gwerder. (Bild Christian Pfander)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mund auf, Kinnladen runter. Dustin Gwerder ist überwältigt. Ob der 56500 Zuschauer in der Arena. Wegen der Begegnungen mit den ganz «Bösen», Stucki, Wicki, Wenger. Es ist eine neue Welt, in die er eintaucht. Für gewöhnlich kämpft er auf Bauernhöfen, neben Spielplätzen, in alten Turnhallen. So läuft das, wenn Schwingfeste in Übersee stattfinden, mit 20, vielleicht 30 Teilnehmern. Und einem Gabentempel «mit manchmal etwas kurligen Preisen», wie es Gwerder schmunzelnd erzählt.

Der 26-Jährige ist einer von vier Amerikanern, die sich am Eidgenössischen präsentieren dürfen, auch vier Kanadier sind dabei. Gwerder lebt in der Glücksspielstadt Reno, Bundesstaat Nevada, gut 9000 Kilometer Luftlinie von Zug entfernt. Seine drei Mitstreiter aus den USA bezeichnet er als Sandkastenfreunde; mittlerweile leben sie an der Westküste weit voneinander entfernt, für die wenigen gemeinsamen Trainings nehmen sie stundenlange Autofahrten auf sich. Mangels Alternativen ist Gwerder zum Improvisieren gezwungen: Zwei Ringer stellen sich ihm wöchentlich zur Verfügung, eher schmächtige Typen, die ihn kaum fordern können.

Gwerder sah sich gezwungen, nichts unversucht zu lassen, weil mehr Amerikaner ans Eidgenössische wollten, als Einladungen vom Schwingerverband zur Verfügung standen. Über zwei Saisons hinweg dauerte die Qualifikationsphase, es ging um Resultate, aber auch um Fleiss – wer viele Wettkämpfe bestritt, hatte bessere Karten. In den vergangenen Wochen schuftete Gwerder wie wild, stemmte täglich schwere Hanteln. Zuletzt ass er haufenweise Schweizer Käse, «Kalorien schaufeln», nennt er es, mit seinen 85 Kilo gehört er zu den Leichtgewichten.

Der Vater bodigte einst einen König, der Sohn erhielt royalen Besuch

Auf Youtube studierte er Videos von früheren Eidgenössischen, stundenlang. Gerne hätte er in der Vorbereitung an einem Schweizer Fest teilgenommen, beruflich aber war er zu eingespannt. Gwerder ist Feuerwehrmann und Sanitäter, er hat geholfen, Brände in Kaliforniens Wäldern zu löschen, hat Leben gerettet.

In Zug hingegen kommt jede Hilfe zu spät. Mit vier Niederlagen in vier Gängen scheidet Gwerder nach dem ersten Tag wenig überraschend aus - letztmals hatte mit John Ming 1977 ein Auslandschwinger den eidgenössischen Kranz gewonnen. Die Begeisterung der Verwandten jedoch ist keineswegs getrübt. Vier Onkel sitzen in der Arena, auch Vater Urs, der zehn Kränze gewann, in den Achtzigern Schwingerkönig Harry Knüsel bodigte. An einem Schwingfest in Washington hatte er Silvia kennen und lieben gelernt, für die Amerikanerin, ebenfalls mit Wurzeln im Muotatal, wanderte er von der Innerschweiz nach Übersee aus.

Sie leben im Städtchen Truckee, wo auch Gwerders Opa wohnt, zählen zu den grössten Förderern des Schwingsports in den USA. Dustin seinerseits nahm bereits als 11-Jähriger an einem Bubenschwingfest im Berner Oberland teil, im Internet hatte er wochenlang nach Wettkampfgelegenheiten gesucht. Weil er eben «ein Schwinger-Nerd» sei, ein Schwing-Verrückter.

Gwerder erzählt es in breit gezogenem Kaugummi-Englisch, er spricht aber auch ganz passabel Schweizerdeutsch. Dann und wann kommen ihn Schwinger von weit her besuchen, unlängst war Jörg Abderhalden zu Gast. Vielleicht kommen sie wieder, im nächsten Jahr, wenn Gwerders Hochzeit ansteht: Am Mittwoch machte er seiner Freundin einen Heiratsantrag. Bewusst vor dem Fest. «Nach meinen vier Niederlagen hätte sie vielleicht Nein gesagt.»



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 25.08.2019, 07:44 Uhr

Artikel zum Thema

Stucki wird mit 34 Schwingerkönig

Christian Stucki siegt im Schlussgang gegen Joel Wicki. Damit schafft der Berner den «Schwinger Grand-Slam». Mehr...

Das Fest neben dem Fest in neuer Dimension

SonntagsZeitung Zehntausende kommen auch ohne Arena-Ticket nach Zug. Das Angebot stimmt und ist gratis. Wie lange noch? Mehr...

Sie spielen mit den Werten

SonntagsZeitung Heute gehört es zum guten Ton eines Schwingers, einen Manager zu haben – bereits 17-jährige Talente werden betreut und vermarktet. Einen Schwingerkönig stört das. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Handarbeit: Schauspieler des Kote Marjanishvili Theaters in Tiflis während einer Probe des Tolstoi-Stücks «Die Kreutzersonate». (18. Februar 2020)
(Bild: Zurab Kurtsikidze) Mehr...