Als Frau zugelassen

Caster Semenya löste die Debatte aus, wie der Sport das Frausein definiert. Die Diskussion dürfte wieder aufleben: Die 800-m-Läuferin aus Südafrika nähert sich ihren besten Zeiten.

In ihrer Heimat avancierte die 25-jährige Caster Semenya zum gefeierten Star. Foto: Keystone

In ihrer Heimat avancierte die 25-jährige Caster Semenya zum gefeierten Star. Foto: Keystone

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Caster Semenya ist zurück. Und führt sie fort, was sie in den letzten Wochen leistungsmässig erreichte, wird sie spätestens an den Olympischen Spielen in Rio zum globalen Gesprächsthema. Wieder, muss man sagen. Denn Caster Semenya ist keine durchschnittliche Person – ­weder als Sportlerin noch als Frau. Die Südafrikanerin, die vor sieben Jahren zu WM-Gold über 800 m stürmte, ver­körpert die laufende Geschlechts­debatte, in der es um eine nur scheinbar simple Frage geht: Wer ist eine Frau?

Caster Semenya war erst eine. Dann suspendierte sie der Sport für zehn ­Monate als Frau, ehe sie wieder zu einer ernannt wurde – und weiterhin eine ist, auch weil sie sich hormonell behandeln liess. Ansonsten wäre die inzwischen 25-Jährige wohl noch immer eine Grenzgängerin. Denn der Sport kennt bezüglich Geschlechter nur die Einteilung in eine von zwei Kategorien: Mann oder Frau. Das Oder ist in dieser Geschichte entscheidend.

Dass das Thema wieder in den Fokus rückt, hängt erneut mit Semenya zusammen. An den südafrikanischen Meisterschaften setzte sie sich innert eines ­Tages gleich über 400, 800 und 1500 m durch. Ihr bewegtes Leben interessiert darum abermals über ihr Land hinaus – und wohl besonders ab Freitag, wenn sie zum Auftakt der Diamond League in Doha dabei sein wird.

Durchleuchtet und blossgestellt

Semenya war einmal ein nahezu unbekannter, 18-jähriger Teenager aus der Provinz, der im August 2009 zu WM-Gold rannte. An der Siegermedien­konferenz erschien statt der sehr robust aussehenden Semenya ein paar Stunden später der damalige Generalsekretär des Leichtathletik-Weltverbands, Pierre Weiss. Der Franzose setzte den Ton in dieser sensitiven Geschichte, indem er plapperte: «Es gibt Zweifel, dass diese Lady eine Frau ist.» Noch lachten viele der Journalisten im Raum.

Gerüchte über diese kräftige Läuferin hatten in der Leichtathletikszene schon in den Wochen zuvor zirkuliert. Semenya wurde nach der WM durchleuchtet. Ergebnisse sickerten an Boulevard­medien durch. Sie habe eine Vagina, aber keine Gebärmutter, sondern Hoden, die im Bauch liegen würden, offenbarten sie. Als reichte diese öffentliche Blossstellung noch nicht, bekam Semenya zu hören, dass ihr der Titel vorläufig ebenso vorenthalten werde wie ein weiterer Start bei den Frauen. Damit verselbstständigte sich die Causa. Man sprach alsbald über die Athletin, als sei sie primär ein interessantes Studienobjekt oder ­zumindest ein Freak und damit eine ­perverse Laune der Natur. Gleichzeitig erlebte Semenya in der Heimat eine sagenhafte Anteilnahme bis in die politische Spitze. Sie avancierte zur Celebrity.

Die stümperhafte Reaktion

In den Monaten der Selbstjustierung entglitt ihr nach dem WM-Gold die sportliche Weiterentwicklung. Schon 2011 jedoch präsentierte sie sich athletisch gefestigt, holte WM-Silber. An den Olympischen Spielen 2012 lief sie in der Eröffnungsfeier gar als Fahnenträgerin der Regenbogen-Equipe voran. Die Führung hatte ihr den Vorzug vor einer zweiten aussergewöhnlichen und auf­sehenerregenden Figur gegeben: Oscar Pistorius, dem Blade Runner und Oberschenkelamputierten.

Semenya gewann in London erneut Silber. Die Sportjournalisten notierten auch ihre weiblicheren Formen und weicheren Gesichtszüge – und schrieben über einen neuen Passus, quasi eine Lex Semenya, der sich unter dem sperrigen Begriff Hyperandrogenismus versteckte.

Der lange stümperhaft agierende Leichtathletik-Weltverband hatte sich von Experten auf 2011 hin zu einer ­Anpassung der Regeln führen lassen. Das Internationale Olympische Komitee (IOK) übernahm sie für 2012. Nun stand schwarz auf weiss: Wer als Frau mehr als eine bestimmte Menge an Testosteron aufwies, dem primären andro­genen Hormon für die Herausbildung männlicher Geschlechtsorgane, darf nicht in der Frauen-Kategorie starten. Zwei Auswege lieferten die Funktionäre betroffenen Athletinnen: Sie konnten sich einer Hormontherapie unter­ziehen, um den Grenzwert zu unter­bieten – oder den Nachweis erbringen, dass ihr Wert nicht ihr Leistungs­­vermögen beeinflusst.

Die ignorierte Studie

Diese Verengung der Geschlechter­definition erwies sich als fundamentales Problem. Nicht im Fall von Caster Semenya. Sie hatte die Vorgaben bestanden. Ansonsten wäre sie nicht zur WM von 2011 und den Spielen von 2012 zugelassen worden. Vor der Regeleinführung ­ignorierten die Sportfunktionäre allerdings eine repräsentative britische Studie an total 500 Olympiaathleten und -athletinnen.

Diese zeigte, dass 5 Prozent der Athletinnen den Testosteron-Wert­bereich von Athleten erreichten. Mindestens so augenfällig war: 16,5 Prozent der Athleten unterschritten den Minimalwert der Männer – und 1,8 Prozent fielen gar in den definierten Frauenbereich. Waren diese Athleten, immerhin Olympiateilnehmer, also gar keine Männer und hätten folglich auch nicht in der Männer­kategorie starten dürfen? Oder hätten sie sich medikamentös behandeln lassen müssen, um Männer per Sportreglement zu sein?

Lieber einfach wegschauen

Im vergangenen Sommer sistierte der Internationale Sportgerichtshof diesen Geschlechterpassus nach einer Klage einer indischen Leichtathletin. Gemäss ihrer natürlich hohen Hormonwerte stellte sie nach der Hyperandrogenismus-Regel keine Sportlerin mehr dar und durfte auch nicht an Frauen-Wettkämpfen partizipieren. Die Juristen fanden hingegen, der Leichtathletik-Weltverband müsse beweisen, dass eine solche Frau sportlich bevorteilt sei. Erst wenn dieser Nachweis vorliege, könne man die Klausel wieder aktivieren.

Vor den Spielen in Rio gilt nun, dass Athletinnen bloss im Verdachtsfall untersucht werden dürfen. Was einen solchen Verdachtsfall bedingt, ist undefiniert und zufällig. Klar scheint im Moment in der diffizilen Situation darum, dass viele Funktionäre lieber wegschauen und das sensitive Thema ignorieren würden. Das Comeback von Caster Semenya kommt ihnen darum ungelegen.

Erstellt: 03.05.2016, 19:07 Uhr

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