Das Dauerbeben nützt dem Spitzensport

Lange handelte der globale Elitesport bei Korruptions- oder Dopingproblemen wie der Strauss: Er steckte seinen Kopf in den Sand.

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Nichts hören, nichts sehen. Diese Vogel-Strauss-Politik aber erweist sich je länger, je mehr als erfolglos. Erst musste sich der Fussball respektive die Fifa unter den vielen Korruptions­skandalen bewegen – nun ist die ­Leichtathletik dran. Eine Expertenkommission der Welt-Anti-Doping-­Agentur (Wada) stellte gestern in einem ausführlichen Bericht vor, dass Russland seine Leichtathleten systematisch dopte – wohl mithilfe der eigenen hohen Politik.

Phasenweise klingt der Bericht wie der Stoff für einen billigen Agentenfilm. So bauten die Russen ein zweites Labor auf, in welchem sie gemäss der Kommission die Athleten vorkontrollierten – um dann nur den Urin sauberer Sportler ans richtige Anti-Doping-Labor weiterzuleiten. Da dringt immer noch die Denkweise des Kalten Kriegs durch, als Ost und West im Sport wild betrogen.

In jene scheinbar überstandene Epoche muss man zurückblicken, um auf einen Sportskandal ähnlicher Grössenordnung zu stossen. Es dürfte – bei aller Schwierigkeit solcher ­Vergleiche – wohl auf das Staatsdoping der DDR hinauslaufen. Damals aber vermochten die Funktionäre und Politiker nur die eigenen Leute zu manipulieren oder mindestens zu beeinflussen. Im aktuellen Fall sollen gedopte Russen gar vom früheren Präsidenten des Internationalen Leichtathletik-­Verbandes, Lamine Diack, gedeckt worden sein – was Resultate an den Olympischen Spielen von 2012 in London verfälschte.

Die aktuelle Causa darum bloss auf Russland begrenzen zu wollen, wäre falsch. Entsprechend ermittelt zurzeit die französische Justiz global. Denn das Wada-Trio kümmerte sich nur um diesen einen Verband des Traditions­sports: den russischen – liess jedoch anklingen, wohl bloss die Spitze des Eisbergs entdeckt zu haben.

Gerade weil Staaten bzw. ihre Institutionen immer stärker in die populäre Welt des Spitzensports eingreifen, dürfte er in den nächsten Jahren weiter bewegt und erschüttert werden. Insofern tut ihm die Dauerkrise gut. Er wird daran gesunden, falls er den Mentalitätswechsel hinkriegt – oder ganz zerbrechen, falls er weiter Vogel Strauss spielt. Dann würden sich nämlich auch Sponsoren, Fans und Medien von ihm abwenden. Es muss nicht so weit kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2015, 23:19 Uhr

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